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Das neue Auto

Das neue AutoDie Gardine soll zugezogen werden, ruft sie. Die Nachbarn könnten sonst durchs Fenster direkt in die Wohnung gucken, ruft sie. Soll sie rufen. Was die Nachbarn sehen können ist ein Mann, der nach draußen schaut. Immer wieder. Mit weit aufgerissenen Augen steht er da und stiert einfach nur raus. Es funkelt und glänzt. Und es steht einfach bloß da. Genau in Blickrichtung. Er könnte sich auch vors Haus stellen und von dort aus schauen. Aber auch dann hätte sie etwas zu maulen. Man hätte Partnerberater werden sollen.

Neidlos genießen. Das kann sie nicht. Oder noch nicht. Man kann nur hoffen. Aber es blitzt und blendet in der Sonne. Spitzenlack, gar keine Frage. Die Farbe? Allererste Sahne. Unauffällig und doch bemerkenswert. Grandiose Mischung. Die Reifen, die Felgen und überhaupt der ganze Wagen – ein Traum. Nun ja, die Leasingraten sind happig, aber bezahlbar ohne sich dafür krumm zu machen. Vielleicht ist sie darum ein wenig angefressen. Der Urlaub fällt aus. Das ist klar. Entweder oder. Wen interessieren schon die alten Möbel. Die will niemand sehen. Man hätte Urlaubsplaner werden sollen.

Aber die Kinder haben jetzt Platz. Sogar im Wagen. Sogar hinten. Ein Kombi und doch irgendwie auch ein sportlicher Flitzer. Diesen Ingenieuren fällt immer was Tolles ein. Und innen erst. Wie der riecht. Wie neu. Wahrscheinlich, weil er neu ist. Endlich mal ein Argument mit dem Qualmen aufzuhören, ohne Bleigießen. Der Erste der im Wagen beim rauchen erwischt wird, kann sich freuen. Dem droht der dritte Weltkrieg in spannenden Folgen. Handyverbot, Stubenarrest und noch was Gemeines. Fünfzig Mal die Hausordnung abschreiben. Man hätte Deutschlehrer werden sollen.

Das neue AutoMist. Wir haben gar keine Hausordnung. Kommt auf die To-Do-Liste, Platz 101. Auf den ersten 100 Plätzen steht: Neues Auto bewundern! Er denkt bestimmt, dass ihn niemand sieht, der schlaue Herr Nachbar. Als ob alle anderen blind wäre. Hinter seinem Gerätehäuschen steht der feine Herr und renkt sich fast den Hals aus. Ja – guck nur – so sieht ein Neuwagen vor dem Haus deines Lieblingsnachbarn aus. Dieser Schlumpf, der. Meint er kann die Leute vergackeiern. Nicht mit uns- nicht mit uns! Man hätte Spion werden sollen.

Stadtrat wollte er werden. Der. Gerade der. Und was wurde draus? Genau, nämlich nix! Anwalt wäre er. Sagt seine Frau jedenfalls. Jura hätte er studiert. Jura. Da gabs doch noch Dinosaurier. In der Erde buddeln nennen wir Tiefbau, Herr Anwalt. Von wegen Jura und so. Und sein Auto? Irgendwas aus Skandinavien. Genau wie die Möbel. Das hält nicht lange. Das ist wie Mikado. Ohne Halt. Wie ein Stapel Papier. Ohne Leim, ohne Halt und ohne den inneren Willen zur konsequenten Zusammengehörigkeit. Man hätte Rechtsanwalt werden sollen. Oder Stadtrat.

Seiner Frau ist das klar. Die hats begriffen. Die geht auseinander. Deren Einzelteile suchen das Weite. Die spart wo’s nur geht. Sogar das Korsett spart sie sich. Aber er auch. Sitzt den ganzen Tag im Büro. Und dann nur Pizza. Der schwimmt ohne Eigenbewegung. Dank Pizza. Pizza rettet also Leben? Und die Farbe der Schachtel, fast so wie das neue Auto. Jedenfalls fast. Nur dunkler und ohne Käse am Rand. Jedenfalls riecht der Wagen innen besser. Besser als Pizza? Das glaubt mir keiner! Man hätte Pizzabäcker werden sollen.

Das neue AutoEinen Aufsitzmäher will sich der Herr Nachbar anschaffen. Sagte seine Frau kürzlich. Für die zehn Quadratmeter Rasen einen Aufsitzmäher? Reine Angeberei. Er hätte es so im Kreuz, sagt seine Frau. Darum. Kein Wunder, wenn man den lieben langen Tag nur sitzt und sich nicht mehr bewegt. Nur wenns Pizza gibt, dann bequemt er sich mal auf die Beine. Aber Übergewicht, ist klar. Vielleicht kommt noch eine Hängerkupplung an den Wagen. Für den Anhänger mit dem Zelt. Schaffen wir uns demnächst mal an. Natürlich nur aus Angabe. Und es ist allemal billiger, als ein Aufsitzmäher. In derselben Farbe wie der Wagen. Man hätte Gärtner werden sollen. Oder Rasenmäherpilot.

Sie ruft schon wieder. Aber erheblich energischer. Der Vorhang und warum der Wagen noch immer nicht im Wohnzimmer steht, dann wärs doch bequemer zum gucken. Ins Autohaus hätte der Wagen schließlich auch mittendrin reingepasst, daran sollte der Hersteller demnächst denken. Auch was den Lack angeht. Bei Regen und Schnee und so. Wegen Rost. Frauen denken da irgendwie praktischer. Man könnte auch ohne großes Federlesen den Innenraum schnell durchsaugen und die Aschenbecher leeren. Aschenbecher? Wer hat im Wagen geraucht? Man hätte Autoverkäufer werden sollen.

Das neue AutoAber die Sitze. Also ehrlich, man sitzt im Wagen, wie im Fernsehsessel. Könnte man jetzt noch die Beine hochlegen … aber hinten geht’s. Die Kinder sind gut dran. Die können es. Eine Woche Stubenarrest würde eigentlich reichen. Aber Fernsehverbot und kein Handy. Im Wagen kann man vom Handy Musik hören. Tolle Sache. So viele Schalter, Hebel und Knöpfe. Alles inklusiv. Alles ab Werk. Und alles in der Wagenfarbe. Besser als beim Herrenausstatter. Da muss man für jeden Schnick-Schnack die Brieftasche zücken. Und von wegen Farbe. Auch das kost’ extra. Man hätte Modeschöpfer werden sollen.

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