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Burnout

BurnoutVöllig Panne! Ausgepowered und schachmatt! Komplett außer Betrieb! Überlastet, überfordert, überarbeitet und überdreht, wie das alte Getriebe einer Pfeffermühle. Das Psychowrack erster Güte mit Löchern, wie ein kaputter Taucheranzug. Null Leistung auf Dauer. Hubert schaut aus dem Fenster. Noch 25 Jahre bis zur Rente. Wie soll das weitergehen? So – auf keinen Fall. Jeder Gedanke bedeutet endlose Anstrengung und jede Konzentration entzündet sich selbst.

Der Wecker kann bimmeln, bis zum jüngsten Tage. Wer ihn anfasst stirbt. Warten sollen sie alle. Auch der Kirchenchor. Der schafft es sowieso nicht in den Recall. Und in die obere Liga schon gar nicht. Keine einzige Wette wurde darauf abgeschlossen. Das sollte Trend genug sein. Hubert wäre es, der da falsch singt, sagt Pater Flennigän. Es kann unmöglich Hubert sein. Der starb schon vor einigen Wochen. Innerlich jedenfalls. Er fasste den Wecker selbst an. Pater Flennigän zieht immer so eine kleine Flasche aus der Soutane und verschwindet dann im Beichtstuhl. Das wird’s sein. Von wegen Hubert und so.

Der erste Preis von „SCHÖNER WOHNEN“ wirds dieses Jahr wieder nicht sein. Der Dampfer ist ohne die Mannschaft abgefahren. Und den Keller kann aufräumen wer will. Hubert streikt. Streiken ist „in“ und wer „in“ sein will, sollte bloß nicht den Keller aufräumen. Dummerweise sehen aufgeräumte Keller danach genauso aus wie zuvor. Fotos beweisen es. Wer die Wahl hat, hat die Qual und wer zwischen Familie und Belegschaft wählen muss, weiß, wem die Stunde geschlagen hat. Nichts kann man niemandem recht machen.

BurnoutUnd dann geht es wieder los mit der elenden Suche nach einem Schuldigen. Das ist anders als in der Clique. Da sind alle Neune alle Neune, auch wenns ein Pudel ist. Großzügigkeit ist nicht jedermanns Sache. Hubert ist ein Mensch und Menschen sind keine Maschinen. Der Puls weiß das. Der rast wie ein Irrer. Kleine Pillen helfen dagegen, sagt Huberts Arzt. Hubert nimmt nichts davon. Er singt lieber falsch. Das befreit und schafft neue Freunde. Vielleicht helfen die beim Aufräumen des Kellers.

Das Essen schmeckt nicht, die Klamotten passen nicht richtig und alle sind plötzlich so unsagbar hässlich. Warum hat Hubert bloß geheiratet? War das Leben nicht immer gut zu ihm? Und jetzt muss er alles teilen. Das schafft Unwohlsein. Das Herumschreien kommt noch dazu. Der Chef auch. Man sieht nur noch ein Loch, so weit reißt der das Maul auf. Und wer ist schuld? Hubert! Wer sonst. Die Pakete zu Weihnachten waren doch groß genug. Die Kinder hatten sich jedenfalls gefreut.

BurnoutDer Wein? Es war ein Sonderangebot. Wozu gibt es Sonderangebote, wenn man sie nicht kaufen soll? Hubert fühlt sich als Verbraucher auch ausgenommen und übervorteilt. Jetzt würde er den Ball gerne zurückwerfen, aber eine Kegelkugel? Hubert wäre wieder der Schuldige. Wie nett kann es in einem Keller sein? Still, dunkel, schmutzig und unordentlich. Nichts passiert, aber nicht schnell genug. So wie in Huberts Innerem. Seelenverwandtschaft.

Und das Auto durch die Waschanlage, tanken nicht wieder vergessen und am Wochenende zum Bahnhof. Da findet Hubert wieder keinen Parkplatz, wenn er seine Eltern abholt. Zum Mittag und zum Kaffee hat es geheißen, nicht eine Sekunde länger. Bis dahin muss der Keller aufgeräumt sein. Huberts Vater mag saubere Keller und Hubert füttert gerne Vaters Gnade. Hubert ist ein Waschlappen. Er ist unverlässlich, nicht belastbar und fürchtet sich vor einem Wecker. Was kann so eine Memme schon taugen? Hubert spürt Furcht. Er fürchtet sich vor seines Vaters Röntgenblick, der den Gegenüber in Grund und Boden versinken lässt.

BurnoutDann liegt er da. Mitten in der Nacht. Seine Frau liegt neben ihm und schläft. Ab und zu schnarcht sie. Das ist normal, sagt sie. Er starrt an die Zimmerdecke. Nachts. Wenn es dunkel ist. Er kann die Zimmerdecke gar nicht sehen, doch er starrt sie an. Seine Hände umklammern die Bettdecke. Die Zimmerdecke kommt immer tiefer, immer näher, legt sich auf seinen Brustkorb, raubt ihm die Luft zum atmen und drückt ihn tiefer und tiefer in die Matratze. Am nächsten Tag klingelt der Wecker.

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