Feed on
Posts
Comments

Die Bluse – Acht Wochen späterSind sie nicht herrlich, diese schriftlichen Hinweise in Filmen, die wie ein eingefrorener Untertitel auf sich aufmerksam machen und den Zuschauer in eine andere Zeit des Geschehens schleudern: Acht Wochen später. Der Teller ist leer, die Suppe kalt, der Löffel setzte schon Patina an, Opa redet wiederholt von Scheidung, dabei hat das Kind Stubenarrest und Fernsehverbot. Aber zum Frisör müsste es nun dringend.

Oder so ähnlich. Jedenfalls hat es (das Kind) noch keinen Führerschein, obwohl bereits der Bartwuchs einsetzte. An der Reihenfolge sollte noch ein wenig gefeilt werden, aber von Weitem sieht es gut aus; von ganz Weitem. Die letzte Galama-Party hat Opa nie ganz losgelassen, er kann es nicht leugnen. Und der Nachwuchs ist nicht besser. Dieses stundenlange vor-der-Glotze-sitzen und sich über die Sprachfehler moderierender Kunstblondinen aufzuregen, ist nicht gut für den Kreislauf, sagt der Frisör.

Wen wundert es dann, dass die Enkel völlig planlos aufwachsen? Kein Drill, kein Schmackes und ein Nichts in der Birne. Die aktuellen Preise sämtlicher Drogen haben sie im Kopf, aber den eigenen Vornamen können sie nicht fehlerfrei schreiben. Acht Wochen später. Auf Platz eins der Hitparade steht jetzt einer dieser Soft-Rapper, der einem maskierten Alien gleicht. Der Schönheitschirurg behauptet es jedenfalls, denn er war vorher für die Visagen der Puppen von Tante Hildes Gruselkabinett zuständig.

Das war noch vor der Demo zur Abschaffung des MHD’s. Erst viel später lernte sie dann Opa kennen – kennen und fürchten. Es hatte etwas Bedrohliches, wenn Opa seinen Krückmann schwang und mit dem Daumen an der Klingel spielte. Oder er macht es bloß zum Vatertag. Eigentlich ist es ja dann ein Großvatertag, aber es merkt keiner. Nur wenn die Benzinpreise wieder steigen wie die Luftballons, dann drohen sie dem Tankwart mit dem leeren Kanister in der einen und einer leeren Faust in der anderen Hand.

Mittags zwingen sie wieder das unrasierte Kind die Suppe aufzuessen, weil die Kinder ohne Suppe Hunger hätten, oder so ähnlich. Vielleicht haben die Kinder ohne Suppe auch keine Eltern. Acht Wochen später. Heidi ruft die eine Hälfte und Dieter den Rest zum Antanzen und das klappt schon seit Jahren Die Bluse - Acht Wochen späterwie trainiert. Hätte Opas elektrischer Lauschangriff modernere Silizium-Akkus, könnte sich der Suppenverweigerer den Antritt bei Onkel Dieter schenken. Sizilium lässt sich mit Silentium leicht verwechseln, von Sizilien ganz zu schweigen.

Endlich wurde der Führerschein bestanden und sogar die Prüfung dazu. Opa lässt sich nicht lumpen und spendiert ein neues Auto. Also ein Gebrauchtes. Hilde steuert auch was dazu bei, denn die Benzinpreise gingen eben runter. Wenn sie wieder rauf kommen, sollen sie ’n Bier mitbringen, ruft Opa noch und lacht; er wollte Galama sagen. Wollte das Kind nicht einen roten Sportwagen haben? Hilde ist verunsichert und zuerst solle es (das Kind) sich rasieren, sagen die Eltern.

Aha, denkt das pubertierende Kind. Jetzt greift die Erziehung ein, aber jetzt ist es kaum noch lohnenswert. Acht Wochen später. Der klägliche Vorrat an Soft- und Energy-Drinks geht zur Neige, aber immerhin geht er. Auch der Frisör sitzt auf dem Trockenen und selbst Opa weiß keinen Rat. Die Nummer 1 der Charts ist auf Platz 17 gerutscht und Hildes Sloggy hatte auch schon bessere Zeiten erlebt, sagt Opa jedenfalls. Der Suppe wird keinerlei Aufmerksamkeit mehr zuteil und das Kind packt endgültig die Koffer – die Koffer der Eltern. Acht Wochen später. Im kleinen Vorgarten vor dem renovierungsbedürftigen Haus verblasst das Schild mit der Aufschrift der Baufirma, die hier einen Supermarkt entstehen lassen wollte.

Aber dann kam damals die Demo dazwischen, MHD und so. Acht Wochen später. Das knatternde Geräusch des Mopeds vom Pizzabringdienst zog die schwindende Aufmerksamkeit auf sich. Und von der Suppe verlor sich plötzlich jede Spur. Hilde bezahlte und Opa wechselte seine Zähne. Alle saßen und aßen, lachten Die Bluse – Acht Wochen späterund waren fröhlich. Und so rot wie das Rot der Knoblauchwurst auf der Pizza, sollte das Auto sein.

Jeder schaute zur Türe und dachte, der Pizzabote hätte die Flasche Wein vergessen abzustellen, dabei war es bloß die Freundin. Wie immer waren die ersten drei Knöpfe ihrer Bluse offen. Acht Wochen später …

Print Friendly, PDF & Email

Comments are closed.

%d Bloggern gefällt das:

Durch die weitere Nutzung der Seite wird der Verwendung von Cookies zugestimmt. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen