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Lebendig begraben

Lebendig begrabenEs ist kein Sarg und es ist auch kein Grab. Jedenfalls noch nicht. Aber beides verfügt über die Möglichkeit es jederzeit werden zu können. Wenn man darin liegt, in dieser Kiste, dem Gefäß, oder nenn’ es jemand wie er will, liegen die Füße zur Seite. Die Kiste ist flach und nur wenn die Füße zur Seite liegen haben sie Platz. Aufstellen lassen sie sich dann nicht mehr, sobald der Deckel diese Kiste schließt. Sie bleiben so liegen, bis die Kiste wieder geöffnet oder zum Sarg wird.

Das kann zwei Stunden dauern, zwei Tage oder zwei Wochen. Würde die Kiste also zum Sarg, wäre es egal. Die Arme liegen ausgestreckt und ziemlich gerade an der jeweiligen Körperseite und suchen ebenfalls Bewegung. Vielleicht schaffen sie den Weg über die Oberschenkel bis hin zum Bauch. Die Wampe muss nötigenfalls eingezogen werden. Und die Atemluft? Und wann ist sie verbraucht? Die Luft. Wenn sie knapp wird, geraten Menschen oft in Panik und das ist in dieser Umgebung nicht nur nutzlos, sondern auch hinderlich. Man kann sich selbst verletzen und hilft sich damit überhaupt nicht.

Der Kopf wurde unsanft zur Seite gelegt. Jetzt erst passt der Deckel drauf. Keine Nase stört nun noch. Allerdings kann der Kopf jetzt nicht mehr gedreht werden. Jeder Versuch ihn zur anderen Seite zu bewegen endet am Inneren des Deckels und darauf wurde von außen Erde gegeben. Vielleicht befindet sich 50 Zentimeter Erde, vielleicht aber auch 200 Zentimeter Erde über der Kiste, aus der es kein Entrinnen gibt. Durch Akkuschrauber wurde der Deckel fixiert. Schrauben an allen Ecken und Kanten.

Dann hörte man den Boden fallen. Minutenlang beschwerte sich die Kiste mit Mutterboden. Mit welchem Körperteil könnte jetzt noch ein Hebel so Lebendig begrabenangesetzt werden, dass eine Chance bestünde den Deckel von innen zu lösen? Und den Deckel bewachen von oben Tonnen oder zumindest etliche Kilo an Muttererde. Zur Seite betrachtet bietet sich ein ähnliches Schauspiel. Dunkel ist es in der Kiste und nach wenigen Sekunden verliert sich jegliches Zeitgefühl. Durch einen nur bleistiftdicken Schlauch führt man frische Luft in die Kiste.

Irgendjemand ist an der Erhaltung des Lebens des Insassen der Kiste interessiert. Lösegeld lässt sich für Lebende überzeugender erpressen, als für Tote. Die Beine beginnen wieder ihr Eigenleben zu fordern. Restless Legs. Das tun sie zwar öfter, aber jetzt ist es nicht möglich und zum ersten Mal derart schmerzhaft, weil sie sich kaum bewegen lassen. Den Kopf permanent in eine Richtung halten zu müssen ist ebenfalls schmerzhaft und erfordert von der ersten Sekunde an absolute Disziplin.

Der Nacken schmerzt und lässt Wut entstehen. Der gesamte Körper verkrampft sich und nur den ruhelosen Beinen gönnt man dadurch eine keine Erholung. Der restliche Körper reagiert mit jenen Signalen, die vom Stress her bekannt sind. Vielleicht sind bisher 40 Sekunden vergangen. Vielleicht waren es sogar 50 Sekunden oder nur 30. Vielleicht sind aber auch schon drei oder vier Minuten vergangen. Vielleicht ist auch schon jemand mit dem Lösegeld auf dem Weg hierher und der Eingesperrte erlebt gleich seine Befreiung. Stimmen nähern sich?

Lebendig begrabenEine Sinnestäuschung? Nach wem soll man jetzt schreien? Vielleicht passiert das aber auch erst in einigen Tagen und vielleicht passiert das sogar nie und Gevatter Tod hat die Schaufel gegen die Sense ersetzt.

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