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Ein Ausnahmetalent

Ein AusnahmetalentAusgestorben sind sie. Die völlig normalen Menschen. Die sich morgens auf dem Weg zur Arbeit niesend oder hustend, falsch pfeifend oder daneben singend bemerkbar machen. Die zehn Daumen zu besitzen scheinen und über runde, völlig tanzunfähige Füße verfügen. Die bei der Tauglichkeitsprüfung zum Benutzen einer Rolltreppe durchfielen und eine Sackkarre nicht von einem Rasenmäher unterscheiden können. Einen USB-Stick von einem Ladyshave ebenso wenig.

Er ist nicht mehr da, nicht mehr hier, nicht weiter unter uns. Ausgestorben wie das Mammut. Jammer, Trauer und oh weh. Dahingegangen ist er und kommt nie wieder. Der stinknormale Mensch, die zweibeinige Null, die Lusche, die Flasche, der Schlappschwanz, die atmende gute Laune der Natur. Was übrig bleibt ist das Ausnahmetalent. Trommelwirbel und Tusch. Da capo.

Allerorts scheint es präsent zu sein, das Talent ohne Ende. Ob beim Sport, im Show- oder Finanzgeschäft, ob Mode, Bildung, Kunst oder Auslandspolitik; das Ausnahmetalent ist allgegenwärtig – wie das Wetter. Es spielt Klavier, Geige oder Skat, tanzt und sinkt besser als die Titanic, schmettert, dribbelt, rennt, springt, mixt Drinks und sorgt eigenhändig für die Inneneinrichtung der 18-Zimmer Penthousewohnung mit separatem Personaleingang.

Und alles in der Frühstückspause.

Ein AusnahmetalentUnd dann lässt man sie aus ihrem Käfig und auf die Menschheit los, diese Talente mit der Lizenz zur Ausnahme. Mit rotem Teppich, Fanfaren, schwarzen Limousinen und weißen Zähnen wird es dem kreischenden Volk gezeigt, wie der abgetrennte Kopf eines Briefmarkenfälschers. Und dann strahlt es im Glanze der Scheinwerfer: das Ausnahmetalent. Wer jetzt nicht bis zum Eichstrich mit Ehrfurcht erfüllt ist, sollte dringend andere Medikamente einnehmen.

Manche dieser Ausnahmetalente sind kurzatmig. Manche sind kurzsichtig und alle sind sie kurzlebig. Das Durchhaltevermögen beschränkt sich auf maximal eine Saison und schon geraten das Gesicht, der Name und der Rest des Ausnahmetalents in Vergessenheit. Kein Trommelwirbel, kein Tusch. Kein da Capo! Es war einmal … berühmt, das Ausnahmetalent.

Ein AusnahmetalentEs konnte mit der einen Hand ein Lasso werfen und mit der anderen Hand Papier falten, während es mit dem einen Fuß töpferte und mit dem anderen eine Bluse bügelte. Auf dem Kopf balancierte das Ausnahmetalent eine galoppierende Büffelherde und rechnete unterdessen die 726ste Wurzel einer selbst erfundenen Zahl aus. Grandios! Aber wer will das schon auf DVD in Farbe und Stereo.

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