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Aus zwei mach eins

Aus zwei mach einsSkizzen und Zeichnungen kursierten bereits seit halben Ewigkeiten durch die Kunstwelt. Sie waren weder signiert, noch ließen sich irgendwelche Eigenheiten den bekannten und großen Meistern der vergangenen Epochen zuweisen. Immer wieder stellte es die Fachleute vor die Frage, wer wohl der Künstler gewesen sei und wo sich das Original befinden könnte, würde es überhaupt eines geben.

Auch entsprach es stets einer wagen Annahme, ob die Zeichnungen jemals als Vorlage für ein derartiges Gemälde gedient haben. Der Gedanke, dass es in irgendeinem Keller oder auf irgendeinem Dachboden zum Vorschein kommen würde, blieb ein Traum … ein Wunschtraum.

Plötzlich erfuhren die Dinge eine ungeahnte Dynamik und es entstand der Eindruck, als würden sie es selbst so wollen. Die beiden nebeneinander liegenden Wohnungen waren jeweils zu klein geworden und sollten durch eine bauliche Maßnahme zu einer Einheit verbunden werden. Dazu wurde an der Stirnseite der Wand, welche die Trennung bildete, eine Art offener Durchlass geplant, wodurch die zuvor getrennten Wohneinheiten zu einem großen Appartement verschmelzen sollten.

Dann begannen die Arbeiten. Schon die ersten Bohrungen bereiteten den Arbeitern lange Gesichter, denn die Mauer ließ sich mit einem herkömmlichen Werkzeug nicht durchdringen. Nun wurde Spezialwerkzeug benutzt. Diese Wand war dicker als allseits vermutet wurde. Es erweckte den Anschein, als wären es zwei Wände, welche die beiden Wohnstätten trennte.

Dieser Umstand war nicht nur ungewöhnlich, sondern rief auch die Neugierde hinzu, denn einer der beiden dort aufeinander treffenden Räume, die lediglich durch ein Mauerwerk voneinander getrennt worden waren, musste kleiner sein, als es auf den Plänen erschien.

Akribisch wurden beide Flächen vermessen und festgestellt, dass ein Raum tatsächlich kleiner war, als es die Zahlen der Pläne aussagten. Die bereits existierende Wand wurde durch ein zweite zugemauert … doch wozu. Als Dämmung? Als Schutz?

Rätselraten entstand auf den Gesichtern und Schulterzucken belebte die Szene. Man beschloss es vorerst bei der einen Bohrung zu belassen, zumal auf einmal diese seltsame Art von Vorsicht sämtlichen Eifer lähmte und das ursprüngliche Vorhaben infrage stellte.

Das Haus war uralt und niemand wusste, wer diese Mauer errichten ließ. Auch wusste keiner mehr, um wen es sich bei den Mietern handelte.

Letztlich entschied man sich für einen Durchbruch, der allerdings an einer Seite und nicht in der Mitte, wie er ursprünglich vorgesehen war, erfolgen sollte. Irgendeine innere Stimme verbot jedem die dortige Weiterarbeit.

Nachdem die Wand durchbrochen war und somit ein Durchgang geschaffen wurde, kam die zusätzlich gemauerte Wand und auch wieder die Neugierde zum Vorschein. Keiner der Anwesenden konnte sich das warum erklären. Wo verbarg sich die Notwendigkeit?

Erkundigungen wurden nun eingeholt. Wer waren diese beiden Mieter? Die Anfragen bei den Experten erzeugten deren Interesse und schon bald meldeten sie ihren Besuch an. Nun gab es keinen Ausweg mehr … die zusätzlich gemauerte Wand musste beseitigt werden und dazu kamen wieder Fachleute, die mit aller größter Behutsamkeit Stein für Stein von der Mauer lösten und die ursprüngliche Wand auf diese Weise freilegten.

Als der letzte Ziegel entfernt worden war, traten alle Beteiligten einen Schritt zurück und schlagartig trat Ruhe ein, nein, es war absolute Stille. Niemand traute sich ein Geräusch von sich zu geben. Man hatte das Gefühl, dass jeder den Atem anhielt, denn es kam ein Gemälde zum Vorschein, wie die Welt zuvor noch keines sah. Einerseits schien es sich zu bewegen und andererseits erstarrte es im selben Augenblick. Minutenlang versetzte das riesige Bild seine Betrachter in Erstaunen.

Langsam traten die neugierigen Augen wieder nach vorne. Die Arme wurden ausgestreckt und die Hände wollten die Wand mit dem Fresko anfassen. Doch dann ereilte etwas anderes aller Leute Aufmerksamkeit. Am Boden und etwa in der Mitte der Wand, kam eine Art Bündel zum Vorschein und jeder wunderte sich, dass es ihm vorher noch nicht aufgefallen war. Um es komplett versenken zu können, musste wahrscheinlich eine kleine Grube in den Boden gestemmt werden, in die das Zugeschnürte dann gegeben worden war. Später wurde die Mauer errichtet, die das darunter eingemauerte Verschnürte und die Malerei perfekt verschwinden ließ.

Noch immer gab keiner der Anwesenden einen Mucks von sich und niemand ließ seiner Spekulation – hinsichtlich des Inhalts des Bündels – freien Lauf. Um Gewissheit zu erlangen, musste es geöffnet werden.

Mittlerweile waren die Kunstexperten vor Ort und konnten mit Einzelheiten aufwarten. Ihren Schilderungen nach, lebten einst ein weltbekannter Künstler in der einen und ein anderer Künstler in der angrenzenden Wohnung. Beide kannten sich überaus gut und offenbar war der eine, dessen Name nirgendwo Erwähnung findet, der Anzulernende des alten Meisters, der auch beide Domizile angemietet hatte. Beim jüngeren der beiden handelte es sich offensichtlich um einen begnadeten Schüler, denn das Fresko an der Wand entstand nicht binnen weniger Tage … er musste einige Wochen daran gearbeitet haben und bestimmt fand es großen Anklang beim Meister.

Inzwischen, so lautete die einstimmige Meinung der Fachleute, ist davon auszugehen, dass es zu einem Streit zwischen den beiden Künstlern kam, zumal es nicht selten ist, dass der Schüler den Meister qualitativ überragt. Der sah das Wandgemälde, wie es von Woche zu Woche wuchs, besser und besser wurde und seine Eifersucht und seinen Zorn förderte. Derweil darf getrost davon ausgegangen werden, dass sich ganz gewiss einige Kunstwerke in Umlauf befinden, die gar nicht vom Meister, sondern von seinem Schüler stammten, jedoch vom Meister selbst signiert wurden.

Dann traten alle um das Bündel und jeder schaute einen anderen an. Niemand bückte sich und keiner machte Anstalten es öffnen zu wollen. Man drückte sich davor, denn darin könnte sich immerhin die Leiche des Meisters befinden. Bereits seit vielen Jahren galt er als verschollen und etliche Gerüchte rankten sich um dieses Unterfangen.

Das Verständigen der Polizei wurde allgemein für unumgänglich betrachtet, zumal es sich bei diesen Räumen um einen Tatort handelte, in dem aller Wahrscheinlichkeit nach ein Kapitalverbrechen verübt wurde.

Nach dem Eintreffen der Beamten, der anschließenden Aussage über den vermutlichen Hergang des Geschehens, und der Dokumentation der Namen, Daten, sowie aller sonstigen Nachweisbarkeiten, wurden seitens der Uniformierten die ersten Gedanken geäußert.

Vorsichtig öffneten die Gendarmen das gut verpackte Bündel. Neugierig wurde diese Aktion von den anderen Augen verfolgt, als handelte es sich bei ihnen um eine gaffende Zuschauermenge. Augenscheinlich durfte nichts ihrer Aufmerksamkeit entgehen. Gleichzeitig traten sie dann jedoch einen merklichen Schritt zurück, als ihnen der beißende Geruch der Verwesung in die Nase fuhr.

Beherzt beugten sie sich über das Opfer, das nur noch aus einem Skelett bestand und gingen wenig behutsam damit um. Blutspuren, die ohnehin vertrocknet gewesen wären, waren keine vorhanden. Also wurde der alte Meister zu Tode gewürgt, was der Theorie einer handfesten Auseinandersetzung entspräche.

Allem Anschein nach kam es zwischen den beiden Personen also zu einem handfesten Streit. Dabei war der Ältere, bei dem es sich höchstwahrscheinlich um den Meister gehandelt haben muss, zu Tode gekommen. Inwieweit der Jüngere, bei dem es sich vermutlich um den Schüler handelte, daran beteiligt gewesen war, beziehungsweise sogar den Tod zu verantworten hatte, wird kaum noch möglich nachzuweisen sein, dennoch alle Indizien darauf hinzielen. Letztlich tat er alles nur Erdenkliche, um den Vorgang, wie auch seinen dortigen Aufenthalt zu vertuschen.

Auch konnte nun davon ausgegangen werden, dass ein Backstein nach dem anderen hierher geschmuggelt wurde, denn, um möglichst unauffällig vorgehen zu können, war weder eine Anlieferung des kompletten Bedarfs, noch die Inanspruchnahme Dritter möglich. Es kann gemutmaßt werden, dass der Ältere die Endstation seiner eigenen Gier nach Ruhm und das Opfer seines eigenen Schülers wurde. Das atemberaubende Fresko wurde zugemauert und dadurch gleichsam sämtliche Spuren und der Mord verwischt. Die Existenz des Jüngeren und somit die des angenommenen Täters bleibt bis zum heutigen Tage unbekannt.

Vermutlich lebt er jedoch in den öffentlichen Galerien und den privaten Sammlungen weiter und hängt an unzähligen Wänden nichtsahnender Kunstliebhaber mit dem Signum des alten Meisters.

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