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Glaube, zweifle aber glaubeMenschen hängen sehr an sich und somit an ihrem Leben. Der Mensch, das Lebewesen mit der Lizenz zum Bewusstsein, will sich auch in der nahen und fernen Zukunft sehen. Die Dreidimensionalität der Schulphysik wird zum Augenblick des Daseins degradiert und der theologischen Dreifaltigkeit wird einmal mehr Vorschub geleistet. Der so erzogene Mensch aktiviert sein Bewusstsein, beugt demutsvoll sein Haupt und glaubt.

An was glaubt er? An die Auferstehung, das ewige Leben, das Paradies und andere recht zweifelhafte, jedoch angenehm scheinende Situationen, welche die Lehren der Naturwissenschaften mit jeder Silbe Lügen strafen – daran muss und will er glauben? Allein der Glaube oder die Hoffnung auf das ewige Leben zeigt auf, dass selbst ausgezeichnete Christen zeitlebens Dinge horten, die eher an den gentechnisch bedingten Sammler in uns allen erinnern wollen.

Menschen haben Probleme damit, sich von Dingen zu trennen. Es ist geografisch bedingt, denn mancherorts existiert nichts, was sich zu sammeln eignet. Stapel von Zeitungen, bis unter die Zimmerdecke. Einer neben dem anderen, wie die Wolkenkratzer in den Welt-Metropolen. Modernde oder auch teilweise schon zerschlissene, abgetragene und scheinbar einer Altkleidersammlung entnommene Garderobe der vergangenen Modeepochen, türmt sich in jedem Raum.

Wozu besitzen manche Menschen einen Keller und wozu spricht man vernehmbar und verständlich von Mülltrennung und warum werden für sehr viel Geld vor den Wohnhäusern Abfallbeseitigungsbehälter in allen Farben positioniert, wenn diese letztendlich und von einigen Zeitgenossen mehr als deutlich ignoriert werden? Ist alles nur das, was das eigene Auge wahrnimmt? Ist es ein Ritual, ein sich der Allgemeinheit noch nicht erschlossener Glaube? Ein Aberglaube?

Wozu sammeln, wenn man den ganzen Trödel ohnehin nicht mitnehmen kann und diese Dinge woanders keinen Wert und keine Bedeutung besitzen?

Selbst die Ägypter zur Zeit des Pyramidenbaus legten ihren Toten wertvolle Utensilien ins Grab, damit diese in ihrer neuen Welt beziehungsweise in ihrem neuen Leben nicht komplett ‚ohne‘ ankamen. Aus heutiger Sicht weiß man, dass es sich um ein mehr oder weniger überflüssiges Unterfangen handelte und lediglich Grabräuber schuf. Menschen ritualisieren jedoch mit Vorliebe. Kaum eine Situation wird ausgelassen, in der nicht irgendeine Tradition vollführt wird.

Sind es dort die Geburtstage, sind es anderswo die Namenstage. Man denkt an jemanden, bedenkt oder gedenkt. Menschen bekreuzigen sich und das selbst bei oder vor sportiv zu erbringenden Leistungen. Zur persönlichen Motivation sagt man sich Sprüchlein auf und bringt Kindern ein Gebet bei, welches sie zu den Mahlzeiten oder vor dem Zubettgehen aufzusagen haben. Man hängt sich einen sogenannten Glücksbringer um und wenn etwas schiefgeht, steht der Verantwortliche bereits fest.

Irgendwas oder irgendjemanden für das Geschehen verantwortlich machen zu können, ist somit von Bedeutung. Nichts passiert schließlich ohne Plan. So wird beispielsweise jeden Morgen vor dem Antritt der Arbeit ein Sprüchlein aufgesagt, doch der Tag hält sich nicht daran und verläuft negativ. Also wird der Spruch solange geändert, bis er passt und die Zeilen das gewünschte Ergebnis liefern. Geht man zu Bett und vergisst zu beten, träumt womöglich wunderlich oder gar grausames, so trägt das unterschlagende Gebet daran die alleinige Schuld.

Geht allerdings das Haus in Flammen auf und man vergaß es zu versichern, müsste man sich selbst in Richtung Sitzfläche treten, käme man bloß besser dran.

Da Häuser jedoch eher selten zu brennen beginnen, glaubt man auf eine Absicherung verzichten zu können. Menschen haben Angst und sich diese Angst zunutze zu machen, ist mittlerweile ein Geschäft. Menschen durchbohren sich selbst und freiwillig. Wozu? Menschen quälen sich. Sie kriechen unter schier unerträglichen Schmerzen kilometerweit auf allen vieren oder auf Knien ihrem Ziel entgegen. Wozu?

Menschen glauben nicht nur an Angst, sie glauben auch an das Glück. Wer glücklich ist, lebt besser? Besser als wer oder was? Wer glücklich ist, lebt länger? Auch hier entsteht die Frage: Länger als wer oder was? Der Mensch hat mehr vom Leben? Mehr als wer oder was? Glück ist ein Begriff und eher abstrakt. Was bedeutet Glück? Im Lotto zu gewinnen und viel Geld zu besitzen etwa? Dieser Analogie nach wären alle Reichen glücklich. Ist dem so? Nein. Also ist Glück etwas, was mit Geld nichts zu tun hat? Bestimmt.

Der Harnisch eines Ritters als Zeichen seines Standes und zum Schutz seiner Person. So kennt man es aus Filmen, so sieht man es immer wieder. Um sich zu schützen hätte der Rittersmann auch einen Spruch aufsagen können. Es wäre erheblich bequemer, kostengünstiger und maximal transportabler gewesen. Hat sich der Zustand geändert? Ändern sich gewisse Rituale mit der Zeit ohnehin? Zu hoffen wäre es in jeder Form.

Man stelle sich eine Person vor, die sich containerweise mit Müll umgibt, allerdings in einer Umgebung wohnt, wie man sie als Wohnung einer in der Zukunft lebenden Person kennt … in der 250sten Etage. Nur Platz zum Leben. Kein Platz für Unrat. Umgehend spräche nun der Hausmeister und der Verstand ein Wörtchen mit. Lassen sich Rituale und Situationen, die uralte Bräuche beinhalten, demnach nur bedingt ändern? Nur kulturell bedingt? Liegt so gesehen auch in der Umgebung, in der Leben existiert ein Sinn?

Ein ‚Elfmeter‘ trifft ins Tor oder wird gehalten. Würde er gehalten werden, läge es womöglich an einer fehlenden Bekreuzigung, am falschen Spruch, an der Blasphemie des Torwarts, des Spielers oder woran? Menschen tragen Ketten, dennoch sie keine Sklaven sind. Menschen sprechen mit einem Gott, bringen ihm oder mehreren Göttern Opfer dar, sagen Formeln mit gesundheitlichen Wünschen, des Glücks und des Reichtums auf.

Menschen stellen sich zu gewissen Anlässen Pflanzen in dafür vorgesehene Behältnisse und bereiten Speisen zu, die nur zu solchen Anlässen konsumiert werden. Sie füttern ihre Ängste, als könnte sich das alles irgendwann zum Nachteil beweisen. Rituale und situationsbedingte Verhaltensmuster geraten in die Erziehung – sie werden gelehrt und vererbt. Sie durchleben etliche Generationen und werden irgendwann als Tatsache, als Wahrheit oder als schon immer Dagewesenes betrachtet.

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