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Steh auf, Männchen

Steh auf MännchenEs ist im Manne verankert, er kann sich dessen nicht entziehen, die Arterhaltung plus seine soziale Stellung machen ihn zum Werkzeug der Evolution. Ohne ihn passiert nichts, das Bestehen der gesamten Menschheit lastet auf seinen Schultern und in seinen Lenden. Er beugt sich seiner Rolle und wird schon von Kindesbeinen an darauf gedrillt „seinen Mann zu stehen“ und wird nicht selten von dieser Bürde erdrückt. Wer versagt ist ein Schwächling oder ein Schlappschwanz.

Also bemüht man sich nach allen Kräften und oftmals unter Zuhilfenahme pharmazeutischer Produkte, den auferlegten Verantwortungen und Wünschen zu entsprechen und geht nicht selten erhebliche gesundheitliche Risiken ein. Der Erfolgsdruck ist ziemlich weit oben angesiedelt und um ihm gerecht zu werden, verfährt man nach dem erlernten Muster.

Je nach geografischem und sozialem Umfeld kann diese Belastung suizidale Folgen haben oder zum sogenannten Burnout führen. Für den Betroffenen ist die Situation fast ausweglos, denn selten trifft man auf Verständnis innerhalb seiner direkten Umwelt.

Man(n) wird angepasst

Die Ehrlichkeit zu sich selbst und zu denen, die es vorrangig angeht, ist nun gefragt. Man(n) muss ständig Höchstleistungen vollbringen und das macht ihn zum Sklaven der Erwartungen. Er will Karriere machen und gibt jobmäßig das Letzte, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Nicht nur der Chef will durch maximalen Einsatz in der Firma und im Job befriedigt werden, sondern auch die Partnerin, und das ist für den Mann dauerhaft kaum umsetzbar.

Die Folge davon sind Erektionsstörungen. Das hat nichts mit Impotenz zu tun. „Seinen Mann nicht mehr stehen zu können“ ist ebenfalls keine Frage des Alters. Es ist ein Hinweis des Körpers, dass irgendetwas nicht stimmt. Dieses Anzeichen wird zunächst nicht wahrgenommen, denn DAS darf schließlich nicht sein. Danach wird es aus denselben Gründen verdrängt, dennoch es sich permanent zeigt.

Stets ist die Position innerhalb der sozialen Umwelt in Gefahr. Ist sie in Gefahr oder meint man es bloß? In der Clique, im Kreis der Kollegen und auch in der Freizeit, wie zum Beispiel im Kegelclub will man sich behaupten. Will man es wirklich oder glaubt man, dass es andere wollen und wird dieser Ansicht gerecht? Man(n) entspricht sozusagen. Man entspricht der Erwartungshaltung Dritter, dennoch man lediglich davon ausgeht, dass es so sein könnte. Ob es auch tatsächlich so ist, wird man evtl. nie erfahren.

Dabei sein ist alles

Ebenso ist es mit den Zoten, die im Kreise der Kollegen ihre Runde drehen und das immer und immer wieder. Seiner Alten mal zeigen, »wo der Hammer hängt …« Tja, er hängt und steht leider nicht. Das ist das Leidige daran. Alle Kollegen sind unglaublich potente Hirsche und meistern Job, Familie und Geliebte … sagen sie. Aber man ist selbst nicht dabei und kann es somit glauben oder anzweifeln.

Der Eine übertrifft den Anderen und man steht dumm daneben, denn wenn man jetzt mit der Wahrheit rausrückt, ist man das Ziel des Firmenspotts per sé. Dass die anderen zum Teil das Blaue vom Himmel herunterlügen, kann nur behauptet, jedoch nicht bewiesen werden. All das ist ein jahrelanger Prozess. Es nagt und es frisst Löcher in die Persönlichkeit. Es schwächt und bremst bis zum Stillstand.

Eine Generalentschuldigung wäre jetzt die Rettung. Man flüchtet in ein Leiden, man wird zum Hypochonder. Endlich kann man sein Versagen auf etwas schieben, die Verantwortung einem abstrakten Etwas in die Schuhe schieben und sich selbst befreit fühlen, für den Augenblick. Es ist wie die tägliche Rasur. Dauerhaft hält sie nicht an. Tief durchatmen können, den Stein plumpsen hören, den Kopf freihaben und den Blick wieder vorwärts richten? Noch lange nicht.

Überstunden der besonderen Art

Der Weg zu einer Prostituierten ist anfangs ungewohnt, findet jedoch schnell einen Stammplatz im allgemeinen Tagesablauf. Hier muss man nichts beweisen, hier steht der Stresspegel nicht im Wege und hier kann man ungezwungen sein. Auch kann man endlich wieder im Kollegenkreis auftrumpfen. Die soziale Achtung scheint zu steigen, man wähnt sich wieder als Jemand und das Selbstwertgefühl baut sich wie ein Schutzpanzer auf. Man ist stark, man ist wieder ein richtiger Mann.

Zu Hause scheinen diese Mechanismen nicht zu gelten, nicht zu funktionieren, nicht existent zu sein. Unterhalten kann man sich mit den Kollegen, mit der Hure und selbst mit dem Briefträger, nur mit der eigenen Frau nicht. Plötzlich erscheinen schier unüberwindbare Hürden. Die Worte wollen nicht über die Lippen, die Angst sich zu blamieren übernimmt Regie. Welcher Weg ist der beste, der kürzeste und der sicherste? Wen könnte man fragen, wer hat in diesen Dingen Erfahrung und wem kann man vertrauen?

Die Ausreden und die aufgrund der Angst versagen zu können, entstandene innere Panik, erscheinen mittlerweile unglaubwürdig. „Irgendwas ist doch los, so mach doch den Mund auf …/… sollen wir darüber reden …“ Man wehrt ab, beschwichtigt, redet sich ein, dass es „besser“ wird, dennoch man selbst nicht mehr daran glaubt und gibt sich geschlagen.

Es wächst und wächst

Eines will man sich selbst nie eingestehen: man ändert sich und wird zusehends aggressiver. Gewaltbereitschaft heißt das Wort. Dünnhäutig wird man und jeder Kommentar zu völlig belanglosen Situationen, wird als Anlass für Tobsuchtsanfälle genommen. Schon lange ist man nicht mehr der, der man einst war. Es ist ein Irrgarten, ein Labyrinth, eine Zwickmühle.

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