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Der Tag, an dem ich Adolf Hitler begegneteEs war an einem dieser unverplanten Nachmittage eines Donnerstags, der den Drang verspüren ließ, umgehend ein Café aufzusuchen, sich dort dem üblichen Treiben zu entziehen, sich auszuruhen, tief durchzuatmen und einfach bloß sein Dasein zu genießen. Nichtsahnend schlenderte ich seinerzeit durch Tel Aviv und hielt nach einer geeigneten Möglichkeit Ausschau. Das Wetter war mir hold und ich kokettierte mit der Gelegenheit draußen zu sitzen. Angriffslustige Tauben, die den Kaffee von oben aus bombardieren könnten, waren weit und breit nicht in Sicht.

Ziellos führte mein Weg vorbei an Geschäften und Läden, Schaufenstern und Auslagen. Alle Waren erschienen frisch und farbenfroh, duftend und lockend und ständig hatte ich das Gefühl, sie trügen ein Rennen aus, was von ihnen das günstigere Angebot sei. Schilder in den aberwitzigsten Formen beinhalteten handgeschriebene Preise und unterstützten den Wettlauf nach Umsatz zusätzlich.

Da waren freundliche Gesichter und zum Gruß nickende Menschen, die teilweise durch die Scheiben winkten, als wären sie mit mir zusammen zur Schule gegangen. Auf der einen Seite diese fast schon idyllische und vertrauenerweckende Atmosphäre und auf der anderen Seite der Lärm der Straße, der Lärm der Stadt und der Lärm des pulsierenden Lebens insgesamt.

Leider konnte ich es selbst nicht sehen, aber mein Gesicht hatte wohl vor Freude geglüht, als ich geradeaus an der Ecke ein Straßencafé sah, welches exakt meinen Vorstellungen entsprach.

Draußen auf dem breiten Bürgersteig, standen Tische mit jeweils vier Stühlen und nur einer war besetzt. Ein Mann saß dort und las Zeitung. Er hielt sie typischerweise vor sich, sodass ich sein Gesicht nicht erkennen konnte. Einen sommerlich hellen Anzug trug er und schlug ein Bein über das andere. Die geputzten Schuhe blinkten im Schein der Nachmittagssonne. Es lagen weder Streichhölzer noch Zigaretten auf dem Tisch, weder Zigarren noch eine Pfeife. Wahrscheinlich war er Nichtraucher oder trug alles stets in seinen Taschen.

Forschen Schrittes ging ich auf diese einladende Idylle zu und setzte mich an einen der freien Nebentische. Ein Kellner mit einer fast bis zum Boden reichenden, schneeweißen Schürze stellte sich neben mich, legte den Kopf einen fingerbreit zur Seite und erkundigte sich in beinahe dialektfreier deutscher Sprache nach meinen Wünschen.

In knappen Sätzen übermittelte ich ihm meine Bestellung. Doch bevor er ging, fragte ich ihn, woher er meine Nationalität wisse, zumal er mich in meiner Muttersprache ansprach.

Die Lokalität würde fast ausnahmslos von Deutschen frequentiert und somit landete er lediglich einen Zufallstreffer, ließ er mich wissen. Während ich noch überlegte, wie ich den Herrn vom Nebentisch unaufdringlich ansprechen könnte, um endlich sein Gesicht zu sehen, servierte mir der freundliche Kellner das bestellte Getränk.

Der Tag, an dem ich Adolf Hitler begegnetePlötzlich war es mehr als schiere Neugier. Es wuchs in mir wie eine Aufgabe, die ich zu erfüllen hätte. Noch immer las der Mann vom Nebentisch in seiner Zeitung und verbarg – wenn auch bedingt – sein Gesicht vor mir. Warum tat er das? Was hatte er zu verbergen? So spannend kann keine Zeitung sein, dass derart lange in ihr gelesen werden könnte! Es musste demnach andere Gründe haben. Aber welche?

Ich musste mich bremsen. Irgendetwas ging in mir vor und ich konnte es mir selbst schlecht erklären. Merkwürdige Szenarien taten sich auf und ich schien ihnen willenlos ausgeliefert zu sein. Der Mann las seine Zeitung und trank einen Kakao. Mehr nicht. Aber warum trank der Mann keinen Kaffee? Kakao zu trinken ist nicht zwingend unmännlich. Würde er aber jetzt noch einen Kuchen eintunken, wäre die Kulisse eines Kindergeburtstages perfekt. Aber warum mache ich mich über diesen Kerl lustig? Schließlich hat er mir nichts getan.

Schließlich saß er zuerst hier und war der eigentliche Magnet meines Erscheinens. Er liest Zeitung. Er informiert sich. Worüber bloß? Sucht man ihn? Hat er was ausgefressen? Droht sein Kerbholz zur Neige zu gehen? Warum blättert er nicht? Er starrt immer noch auf dieselbe Seite wie zuvor. Es macht mich wahnsinnig. Sollte ich einfach zu ihm gehen und blättern? Vielleicht kann er es selbst nicht und erwarte eine solche Geste.

Jetzt blättert er. Der Bruchteil einer Sekunde zeigte sein Gesicht. Er nickt mir zu und lächelt mit einem Mundwinkel. Für die Dauer eines Wimpernschlags konnte ich tatsächlich in sein Gesicht blicken und ihn lächeln sehen. Mit einem Mundwinkel gönnte er mir sein Wohlwollen.
Warum nicht mit beiden?
Ist er geizig?
Ist er arrogant?
Ist seine andere Gesichtshälfte womöglich gelähmt?
Das wäre fatal!
Ein Kriegsleiden!
Eine Granate, ein Giftangriff mit Gas oder eine Nervenverletzung, durch den fehlerhaften Eingriff eines Schönheitschirurgen, beim Versuch der Fettabsaugung am Kinn. Genau! Davon hört man oft. Die Leute können danach nicht mehr richtig lachen. So wie er vorhin beim Blättern. Und jetzt sucht er nach weiteren Opfern des Chirurgen in der Zeitung. So muss es sein.

Der Tag, an dem ich Adolf Hitler begegneteIn der Hoffnung wahrgenommen zu werden, drehe ich mich in Richtung des Kellners. Er sieht mich, seine Augen werden größer und er nimmt das Kinn unmerklich höher. Nun erwartet er scheinbar meine Bestellung, zumal mein Getränk leer ist. Um der nonverbalen Unterhaltung eine Chance zu geben, deute ich mit dem Zeigefinger auf das entsprechende Behältnis und bewege meine Lippen so, als würde ich tonlos sprechend ein neues Getränk anfordern. Offensichtlich wird meine Scharade verstanden, denn der Kellner nickt gewinnend, wie bei einer Versteigerung.

Kurz darauf serviert er, legt dabei die eine Hand auf den Rücken und verbeugt sich dabei. Das imponiert mir und lässt den Trinkgeldpegel steigen.

Am Nebentisch tut sich was. Der Mann scheint mit dem Lesen der Zeitung fertig zu sein und legt sie ordentlich zusammengefaltet auf den Tisch. Da der Kellner sie nicht abholt, brachte sie der Kakaotrinker offensichtlich mit. Jetzt schlägt er die Beine wieder übereinander, geradewegs umgekehrt. Er wippt nun mit dem in der Luft hängenden Fuß. Warum?

Summt er auch eine Melodie dazu? Vielleicht, aber ich kann ihn nicht fragen. Sollte er allerdings etwas dazu summen und ich höre es nicht, findet das Konzert womöglich bloß in seinem Kopf statt. Warum macht er das? Hat er einfach nur gute Laune? Lasse ich meinen Fuß etwa schwingen? Nein! Summe ich etwa eine Melodie, die nur ich hören kann? Nein!

Ich könnte schwören das Gesicht schon einmal gesehen zu haben. Aber wo bloß? Die Ungewissheit ruiniert meine Nerven völlig. Ich gebe auf, leiste keinen Widerstand mehr und spreche ihn an.

»Pardon, aber Sie kommen mir wirklich bekannt vor«, quälte ich aus mir heraus. Er stutzte einen Augenblick, wandte sich dann in meine Richtung, wodurch er mir seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit bewies und entgegnete, dass ihm derlei schon des Öfteren widerfuhr.

Eine andere Frisur, ein gestutzter Oberlippenbart und eine übertrieben akzentuierte Ausdrucksweise – und schon säße ich am Nebentisch von Adolf Hitler.

Er wäre ein Kaufmann und handele mit Textilien, ließ er mich wissen und erfragte meine offensichtliche Neugier an seiner Person.
»Nun«, holte ich Luft, »Sie mögen im ersten Moment schockiert reagieren, doch ich hielt sie tatsächlich für Adolf Hitler …!« Plötzlich brach eine Kanonade des Lachens über mich ein und ließ mich dieses Gedankengerüst selbst zum Einsturz bringen. Langsam verhallte das Lachen.

»Mein Name ist Schmuli Pupik und einen Adolf Hitler kenne ich nicht«, sagte der Herr etwas reserviert. »Und warum sollte sich dieser Mann ausgerechnet in Tel Aviv aufhalten?«, wollte er noch wissen.
»Nun«, holte ich erneut Luft. »Wer sucht nach einem ausgebrochenen Löwen schon in seinem Käfig?« Der Mann legte einige Münzen für seinen Kakao auf den Tisch, griff nach seiner Zeitung und machte mir gegenüber eine Abschiedsgeste.

Der Tag, an dem ich Adolf Hitler begegneteEr ging jedoch hinüber zur anderen Straßenseite, öffnete die knarrende Türe eines uralten Citroën 2CV und befahl dem brav auf ihn wartenden Schäferhund: »Blondi – Platz!« Dann setzte er sich auf den Fahrersitz, klappte das Fenster hoch und knatterte gemächlich davon. Irgendeine Musik spielte plötzlich und umgab die ächzende Klapperkiste wie eine Nebelwolke. Bei der Musik müsste es sich um Wagners ‚Götterdämmerung‘ gehandelt haben.

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