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Meinung

MeinungDie Türe schließt kaum vernehmbar und sofort entsteht ein seltsames Gefühl. Kein Geräusch ist da, noch nicht einmal das Geräusch der Luft, welches sich sonst in der knorpeligen Schnecke des Ohres als sanftes Rauschen vernehmen lässt, als ob man eine Muschel ans Ohr führt.

Ein schalldichter Raum transportiert nichts und seine Wände reflektieren auch nichts. Ein gesprochenes Wort hallt nicht, wird nicht von den Wänden reflektiert und verstummt umgehend. Eine gespenstische Atmosphäre.

Genauso ist es mit der Meinung. Sie reflektiert nur bei wenigen Personen, löst bei anderen ebenso wenigen Personen eine Reaktion aus und stellt insgesamt keine Gefahr, im Sinne einer Parole dar. Auf wessen Meinung Wert gelegt wird? Nicht auf jene, welche ihre Meinung äußern, weil sie die Ansicht vertreten das Recht dazu besitzen.

Es ist wie der Treffer bei einem Lotterie-Spiel und der heißt Glück, nicht Wissen und auch nicht Erfahrung. Wer sich jahrelang mit ein und derselben Thematik befasst, erwirbt sich das Ansehen als Experte zu gelten. Ein Restaurantkritiker, ein Mode-Experte, ein Literaturkritiker, ein Kunstkritiker, ein Taubenzüchter. Bewertet ein Experte etwas mit gut, dann ist es fachlich oder stilistisch betrachtet so, auch wenn es allgemein empfunden überhaupt nicht so ist.

Die Allgemeinheit besitzt zwar auch eine Meinung oder eine Ansicht, jedoch sind diese Dinge selten fachlich untermauert, entsprechen oftmals einer Laune und gelten gemeinhin als nicht ernst zu nehmende Stimmen.

Auch Experten irren und das tun sie nicht selten.

Sie geben etwas ab und dazu haben sie dasselbe Recht, wie jeder andere auch. Der Unterschied ist lediglich der, dass ihre Meinung schwerer wiegt, mehr Bedeutung und mehr Erfahrung transportiert. Irrt ein Experte und ein Laie deckte das Vertun auf, so reflektiert der Experte dennoch und der Laie wird kaum diesen Platz einnehmen können – er verstummt.

Die Meinung einer allgemein unbekannten Person, sie mag sogar richtig sein, erlischt, wie in einem schalldichten Raum im Moment ihres Entstehens. Anspruch auf Recht besitzt – in Bezug auf eine Meinung – niemand. Selbst die Geschichte lehrt lediglich den Verlauf der gewesenen Ereignisse, nicht jedoch, ob jemand Recht besaß.

Warum wird jedem die Möglichkeit zur freien Meinung gegeben? Weil von diesen Personen keine Bedrohung ausgeht. Sie sind unbekannt, besitzen keine Lobby, keine Burg und keine Ländereien, sie besitzen die Gnade leben zu dürfen und sie besitzen ihre Freiheit.

Eine Meinung bilden kann nur der, dem auch die fachlichen Grundlagen dazu parat sind. Diese zu besitzen bedeutet gleichsam, sie zu studieren, sich ihrer habhaft zu machen und permanent zu aktualisieren.

Ein immerwährender Kreislauf.

Eine Meinung zu besitzen bedeutet eigentlich nichts. Sie formulieren, verteidigen, untermauern und nötigenfalls beweisen zu können, jedoch alles. Besitzen gewisse Arbeiten besondere Qualitäten, gelten Personen sogar als weltbekannte Experten und werden ob ihres Fachwissens gerne zurate gezogen.

Nur die Natur lehrt das Recht des Stärkeren.

Gegenteilig treffen Meinungen jedoch auch zu. Um in der Sparte Kunst zu bleiben und sich hier zweier Beispiele zu bemächtigen, soll der Blick zunächst auf die Literatur fallen. Handwerklich betrachtet existieren Bücher, die das Wort „Schreibkunst“ nicht verdienen, jedoch als sogenannte Bestseller fungieren und Literatur-Experten wie Pennäler aussehen lassen. Ebenso trifft es mitunter auch bekannte Gemälde. Versteigerungen erzielen für manche Pinselquälerei Traumsummen und kein Kunst-Experte hätte derlei je prophezeit.

Filme werden von Kritikern quasi zerrissen und verschlangen bei den Produktionen trotzdem etliche Millionen. Sind sie nun schlecht, weil sie jemand in Grund und Boden stampfte? Vertrat nicht einfach jemand (s)eine Meinung und äußerte sie? Sind nicht gewisse Dinge und Begebenheiten erst nach einer vernichtenden Kritik populär geworden?

Mit der Meinung wird viel Geld verdient, wenn diese Werkzeuge gekonnt und nicht selten kriminell eingesetzt werden. Wettbetrug ist ein solches Kind, dessen Eltern die freie Meinung ist. Wahlbetrug reiht sich hier nahtlos ein. Manipulationen aller Art, die sich auf erzielbare Mehrheiten stützten, gehören umgehend dazu. Meinungsbildung kann nicht nur als Errungenschaft einer Gesellschaft, sondern auch als Pegel der Manipulation verstanden werden.

Je größer der Anteil der Freizeit, aufgrund immer weniger benötigter menschlicher Arbeit wird, desto gewaltiger ist der Anstieg zur Bildung einer freien Meinung. Allen voran produzieren die Medien Meinungen wie einen Fließbandartikel. Schlagzeilen, neue Sendeformate und Schlagzeilen über diese neuen Sendeformate erscheinen im Sekundentakt und führen zu einer Art Überfütterung des Konsumenten.

Da nicht jedem Signal gleichviel Aufmerksamkeit und Zweifellosigkeit gegenüber aufgebracht werden kann, schleifen diese Inputs als allgegenwärtige Komponenten die Meinung des Konsumenten messerscharf. Experten einer neuen Generation entstehen, die eigene Meinung wird als intellektuelle Waffe eingesetzt.

Meinungen sind wie das Wetter: sie ändern sich.

Noch niemals zuvor publizierten Menschen aller Himmelsrichtungen so viele Meinungen, wie momentan. Das WWW macht es möglich und es ist so, als besäße jeder einzelne eine eigene Zeitung oder einen eigenen Fernsehsender. Auch aus diesem Wust kristallisiert sich eine Meinung, die den anderen irgendetwas voraushaben muss.

Diesen Meinungen wird mehr Aufmerksamkeit zuteil, diese Meinung wird von Menschen geformt, deren Wissen, sich diese Meinung zu bilden, nicht aus einer Laune heraus, sondern durch Fleiß und Hingabe entstand.

Ansichten und Äußerungen bestimmter Experten liest niemand dort, wo der Meinungsinhaber nicht direkt oder indirekt davon partizipiert. Meinungen lassen sich demnach kaufen. Die Meinungen einiger Experten befinden sich somit als Ware namens Buch in den Verkaufsregalen und werden gerne gegen entsprechendes Entgelt zitiert.

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