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Und für wen?

Und für wen?Es waren diese speziellen Situationen, vor deren Eintreffen dieses eigenartige Gefühl, das sich nie einprägen und an das sich nie erinnern ließ, entstand. Beides traf nacheinander mit absoluter Zuverlässigkeit in stets derselben Reihenfolge ein und dann stand er da … dein Erzeuger und Herr über dein bisheriges Dasein.

Man wohnte in seinen vier Wänden, stellte die Füße unter seinen Tisch und alles und jedes besaß seinen Absender. Und dann traf sie ein, die Frage, die scheinbar nie eine Antwort einforderte und ständig diese vorwurfsvolle Schwingung transportierte.

»Für wen macht man das alles? Für wen schafft man sich den Buckel krumm?« Offensichtlich wurde diese Frage dem Universum, den Göttern oder der Sache allein gestellt, denn Antworten gab noch nicht einmal der Fragesteller selbst.

Die Körperhaltung änderte sich, denn die Hände wurden zu Fäusten und waren in die Seiten gestützt. Der Rumpf beugte sich ein wenig nach vorn, der Kopf wechselte seine Farbe in ein leuchtendes Rot und die Halsschlagader schwoll und auf dem Beweisfoto eines Zieleinlaufes wäre die Nase der eindeutige Sieger gewesen.

Alles erscheint plötzlich so maßlos ernst und der Realität entrückt. Es entbehrt nicht dieser eigentümlichen Dramatik und produziert durch die Gesten des Gegenübers eine theatralisch, monumentale Atmosphäre. Spätestens an dieser Position entsteht die Frage an sich selbst, ob Kinder tatsächlich der Teil einer Familie sein sollen, auf den mit Stolz geblickt werden kann oder nicht bloß eine Fortführung dessen eigener Linie – die Erhaltung der Chromosomen.

Und dann steht man da, wie eine zu welken beginnende Blume, die auf einen Tropfen Wasser wartet. Zu dieser Spende kommt es auch immer wieder und man genießt das spürbare Wohlwollen inform des Aufblühens, doch zuvor muss man sich diesem fragwürdigen Schauspiel, welches diese rhetorische Frage ‚für wen‘ das alles getan wird beinhaltet, unterwerfen. Alles Umherstehende scheint auf der Stelle einzufrieren und sich der Ernüchterung der Szenerie zu ergeben. Kein Vorhang, kein Applaus, aber eine meisterhafte Vorstellung.

Die Gründe sind jedesmal von banaler Natur und kaum der Rede wert. Immer wieder melden sich Zweifel an, die das Motiv in die zweite Reihe der Relevanz bugsiert und das Aufbäumen des Hausherren infrage stellt. Es geht ums Haus, um die Schule, die Ausbildung, den Führerschein, die Geschwister oder etwas anderes. Seltsamerweise fühlt man sich dabei schuldig, obgleich nichts existiert, was eine Schuld erzeugen kann. Wurde überhaupt jemals eine Person bereits vor der Geburt gefragt, ob sie geboren werden wolle? Wahrscheinlich niemand. Die Anschaffung eines neuen Autos, der Bau eines Hauses und selbst der Urlaub unterliegen einer aufwändigeren Planung, als sie dem Nachwuchs zugeteilt wird. Somit erscheint die erzieherische Ermahnung im Rennen um den ersten Platz wirklich nur zweitrangig, denn der Erhalt des eigenen Erbguts gewinnt permanent. Es ist weniger das Bewusstsein, welches mit der Pflicht zur Erhaltung der eigenen Art einhergeht, denn mehr der pure Spaß an der Sache und sich dessen zu schämen trifft auf Unverständnis. Niemand wird plötzlich schwanger. Neun Monate sind kein Wimpernschlag und Kopulation wird nicht als Familienplanung verstanden. Es wird von Traumautos, Traumhäusern, Traumreisen und Traumpartnern gesprochen – von Traumkindern spricht man eher weniger.

Aber es ist doch der eigene Vater, der da als Gegenüber steht. Angst entsteht. Will der Vater Angst erzeugen? Dem eigenen Kind gegenüber? Wollte er das wirklich schon immer? Also bereits vor der Geburt des Kindes? Das nahm er sich tatsächlich vor? Wollte er nicht die Rolle des verständnisvollen Ratgebers sein? Des Freundes? Des Vertrauten? Des kumpelhaften Typen, mit dem man durch dick und dünn gehen und die sprichwörtlich Pferde stehlen kann? Und nun steht er da und erwartet etwas, was er nie erzeugen wollte: Angst.

Und dann wird das eigene Empfinden von der Erkenntnis ereilt, eventuell gar nicht der Erwartung des Gegenübers zu entsprechen! Das jedoch tut niemand. Auch den Geschwistern, den Klassenkameraden und den Kollegen erging es nie anders. Es sind also nicht die Fehler, die Defizite, Macken, Spleens und Eigenarten, die ein solches Verhalten begründen. Es ist ein Ritual.

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