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Das Fell des MaulwurfsBis auf einige wenige Überlebende, raffte ein apokalyptischer Atomkrieg die gesamte Menschheit dahin. Irgendwann war er jedoch vorbei und es bestand keine akute Bedrohung mehr. Die Wenigen, welche die Katastrophe unterirdisch überstanden hatten, blieben der Zukunft erhalten und bevölkerten die Erde ein weiteres Mal.

Etwaige genschädigende Substanzen, die als Rückstand der zerstörerischen Auseinandersetzungen in das menschliche Erbgut eingedrungen waren, wurden nicht erkannt. Und so entstand erneut eine Generation nach der nächsten, denn die nukleare Schlacht existierte nur noch als geschichtliches Ereignis.

♦ ♦ ♦

Sie kannten sich schon seit der Kindheit und wuchsen fast wie Geschwister auf. Dabei waren ihre Eltern bloß Nachbarn. Lilo ging in denselben Kindergarten wie er und später war es dieselbe Schule, die sie besuchten. Schon als Kinder waren sie ein gelungenes Paar und ließen es jeden wissen.

Niemals musste er sie fragen, ob sie mit ihm gehen wolle – sie fühlten sich seit jeher füreinander bestimmt.

Für beide stand fest, dass sie sich nach der Schulzeit verloben werden und ihre Beziehung öffentlich bekannt geben wollen. Brian und Lilo waren recht stolz aufeinander und konnten ihr Glück kaum fassen.

Sie war als technische Zeichnerin in einem Architekturbüro beschäftigt und er ging seinem Beruf als Koch eines Nobelrestaurants nach.

Als ganz persönliches Verlobungsgeschenk hatte er sich ein mehrgängiges Menü ausgedacht, das den Auftakt für einen stimmungsvollen Abend bilden sollte. Der Rest ergäbe sich dann von ganz alleine. Das waren seine Gedanken. Geplant hatte er es schon ein paar Mal, doch immer kam etwas dazwischen.

Eine eigene Wohnung hatten sie bereits bezogen und die war wirklich gemütlich gestaltet.

Alles war vorbereitet. Brian schaute aus dem Fenster, um ihre Ankunft exakt abzupassen. Danach sollte sein Vorhaben wie von selbst von einer Spule abrollen. Mittels genauer Strategie und akribischer Vorarbeit, ertönte sanfte Musik bei gedämpftem Licht, und verführerische Aromen schwebten durch die Lüfte.

Aber dann kam alles ganz anders. Sie schloss die Wohnungstüre auf, stieß sie mit großer Wucht und einem grimmigen Gesicht mitten in diese Wohlfühlatmosphäre, knallte ihre Handtasche auf das Sideboard, schritt stampfend in die Küche, setzte sich trotzig auf einen Stuhl, hämmerte ihren Ellenbogen auf die Tischplatte und stützte ihren Kopf darauf ab, ohne ihre Mimik dabei ein einziges Mal zu verändern.

Von dem, mit dem sie Brian wieder einmal überraschen wollte, bekam sie überhaupt nichts mit. Es schien sie ganz und gar nicht zu interessieren. Sie hatte keinen guten Tag und genau das sollte er ebenfalls spüren … dann sollte der Rest des Tages für ihn nämlich auch nicht mehr erträglich sein.

Brian räumte seine Vorbereitungen wieder weg, ging zu ihr, setzte sich mit an den Tisch, streichelte über ihr Haar und vertröstete sich innerlich selbst auf ein anderes Mal. Schon so oft sagte er sich, dass es wohl nicht sein sollte und hinterfragte nie einen möglichen Grund. Er dachte noch nicht einmal daran, dass es tatsächlich ein Motiv dafür geben könnte. In seinen Gedanken passierte alles stets so reibungslos, doch in der Realität entstanden plötzlich Stolperstellen, die niemand im Vorhinein bedachte.

Einige Zeit später.

Der Alltag ließ die Tage und Wochen so immer verstreichen. Nichts und niemand erinnerte an irgendwelche düsteren Augenblicke. Die beschwingte Heiterkeit, das herzliche Zueinanderhalten, das Lachen und nicht zuletzt auch die Liebe überwogen. Die beiden führten ein beneidenswertes Dasein und der Moment der Heirat nahte.

Das Fest sollte lediglich ein solides Siegel ihrer Verbundenheit sein. Alle waren sie da. Sämtliche ihrer Freunde und Bekannte waren der Einladung gefolgt und ließen die Korken knallen. Viele Jubelgrüße erreichten ihre Ohren, als sie die ausgiebige Feier verließen und sich in Richtung Hochzeitsnacht begaben.

Brian ließ es sich nicht nehmen, seine Lilo über die Schwelle zu tragen. Erst im Schlafzimmer setzte er sie ab und schubste sie aufs Bett. Wahrscheinlich hatte er sich in seinem ganzen Leben noch nie so schnell ausgezogen, wie in dieser Sekunde. Als er zu ihr ins Bett hüpfte, lag sie bereits nackt und eingekuschelt unter der Decke und schaute ihn mit verführerischen Blicken an.

Einige Zeit später.

Lilo wurde schwanger. Rechtzeitig begab sie sich ins Krankenhaus. Die Voruntersuchungen, die sie während der gesamten Schwangerschaft machen ließ, zeigten keinerlei Auffälligkeiten und den Worten ihres Gynäkologen nach zu urteilen, befand sich alles in bester Ordnung.

Dann kam der Tag der Geburt. Lilo war stark. Sie machte jedenfalls den Eindruck. Brian hielt ihre Hand. Mal saß er und mal stand er. Er war sehr nervös und wollte bei der Entbindung unbedingt dabei sein. Seine Nerven erwiesen sich allerdings als zu schwach und der anwesende Arzt setzte ihn schließlich auf einen Stuhl, der sich allerdings im Korridor der Station befand.

Und dann folgte die Geburt. Alles passierte wie im Lehrbuch. Plötzlich, als die Hebamme das Neugeborene zum ersten Mal komplett in den Händen hielt und es dem Arzt überreichen wollte, erschrak sie für den Bruchteil einer Sekunde. Ihre Augen drückten pures Entsetzen aus. Nichts davon bekam die Mutter mit.

Der Arzt nahm den Säugling behutsam in seine Hände und verließ den Raum. Auch er schaute erschüttert. Lilo war der Annahme, dass alles seine Richtigkeit hätte und man das Kind, nachdem es gesäubert worden war, zu ihr bringen würde. Doch das war nicht der Fall. Um sie zu schonen, wurde noch kein Kontakt zum Säugling hergestellt.

Aufgelöst suchte der Arzt Brian auf und setzte sich neben ihn. Als er Brians Aufmerksamkeit wahrnahm, wandte er sich mit einigen Worten an ihn.
»Zunächst darf ich Ihnen zu Ihrem Nachwuchs gratulieren«, sagte der Arzt und reichte Brian seine Hand. Anschließend fuhr er mit seinen Worten fort, aber er stolperte plötzlich von einem Wort zum nächsten. Es klang so, als wolle er nicht so recht raus mit der Sprache. »Das Neugeborene«, stockte er, »also Ihr Sohn«, fuhr er fort, »den habe ich persönlich untersucht …«
»Ist was mit ihm … ist er gesund …?«, wollte Brian wissen.
»Nein, nein«, wiegelte der Arzt ab. »Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen … er entspricht, was die Reflexe, den Körperbau und die inneren Organe angeht, einem völlig normalen Kind …«
»Aber?«, platzte es aus Brian heraus. »Alles, was Sie bisher sagten, klang nach einem Aber … also raus mit der Sprache!«, griff Brian den Kragen des Kittels seines Gegenübers. Der Arzt schaute recht despektierlich auf Brians Hände, die ihm wohl zu nahe erschienen.
»Wie ich bereits sagte«, ergriff er wieder das Wort, wies Brians Hände zurück und gab sich extrem reserviert, »es ist alles in Ordnung, bis auf die Haut, denn der kleine Mann verfügt über keine Haut im herkömmlichen Sinne, sondern ist komplett mit einem dichten, seidenweichen und dunkelbraunen Kurzhaarfell bedeckt, wie man es von Maulwürfen her kennt … und selbst die Hebamme glaubte zuerst auch einen Maulwurf auf die Welt zu holen.«

Brian brach in Tränen aus. Er war nicht mehr Herr seiner selbst.
»Was soll ich jetzt tun?«, flehte er den Arzt an, denn das Schicksal seines Nachwuchses war mit dem Tragen eines Maulwurfsfells besiegelt. Maulwürfe galten als Seuchenherde und als üble Plage. Unabhängig ihrer Größe oder möglichen Abstammung wurden sie daher umgehend beseitigt. »Gibt es keine Rettung, keine Ausnahme oder eine Sondergenehmigung für ihn? Irgendetwas muss doch geschehen, man kann doch nicht einen Menschen töten, bloß weil die Laune der Natur es so will!«

Brian schluchzte, sprach mit gebrochener Stimme und guckte sein Gegenüber mit wässrigen Augen an.
»Selbst die Stirn und das Gesicht sind bewachsen«, schüttelte der Arzt verneinend seinen Kopf. »Frei von Fell zeigen sich lediglich die Innenhandflächen, die Fußsohlen, die Umgebung der Augen, der Ohren und der Nase, sowie die Mundpartie«, ergänzte er mitfühlend.
»Was wird jetzt passieren?«, richtete Brian sein Wort an den Arzt. Er nahm dabei seine Hand und drückte sie mit aller Kraft.
»Man wird ihm ein tödliches Mittel injizieren und ihn danach entsorgen … er muss – den Bestimmungen nach – verbrannt werden, um mögliche Seuchen zu verhindern.«

Mit jedem Wort aus dem Mund des Arztes brach in Brian ein Stück mehr seiner Lebensfreude ab. Er sank in sich zusammen und sah aus wie ein Häufchen Elend. Lilo lag in Erwartung ihres Nachwuchses noch immer da und ahnte nichts von all dem. Sie wurde von den Schwestern umsorgt und war somit abgelenkt.

»Er wird umgebracht und weggeworfen? Mein Sohn soll einfach weggeworfen werden? Er ist ein Mensch … aus Fleisch und Blut … genau wie ich, wie Sie, wie jeder hier im Krankenhaus, im ganzen Land und auf der ganzen Welt … ein Mensch …!« Brian war völlig außer sich. Er stand auf, riss die Arme in die Höhe und schrie: »Niemand bringt meinen Sohn um … versteht Ihr … niemand …!«

Brians Geschrei war so laut, dass es an Lilos Ohren drang und sie die anwesende Schwester fragte, was da los sei, zumal sie nicht nur den Lärm hörte, sondern auch Brians Stimme und den Wortlaut erkannte. Plötzlich dichtete sie sich irgendetwas zusammen und fauchte die Schwester an.
»Was ist da draußen los und was ist mit meinem Kind?« Die Schwester guckte verstört. Sie wusste allerdings, was da los war, doch sie durfte nichts sagen. Ängstlich bewegte sie sich in Lilos Richtung.
»Wenn ich Ihnen jetzt etwas sage«, sprach sie flüsternd und unterwürfig, »dann müssen Sie mir versprechen, nicht mit mir zu schimpfen …« Lilo nickte. Dann wurde ihr alles erzählt.

»Ich will umgehend mit meinem Mann und dem Arzt sprechen«, fuhr Lilo die Krankenschwester an. »S o f o r t!« Die Schwester verließ das Zimmer und nur wenige Augenblicke danach erschienen der Arzt und Brian. Lilo warf einen Blick in Richtung des Arztes. Ebenso gut hätte sie auch einen Stein nach ihm werfen können. Er hätte ihn nicht minder hart getroffen.

Dann zischte sie ihn an: »Sie werden meinem Kind kein einziges Haar krümmen, sondern diese Sache einige Stunden aufschieben und glauben Sie mir … es ist mir völlig gleich, wie Sie das anstellen! Haben wir uns verstanden?« Der Arzt nickte stumm und überzeugend.

Anschließend drehte sie sich zu ihrem Mann. Auch ihn traf ein markerschütternder Blick und auch der Klang ihrer Worte in seine Richtung fühlte sich keineswegs angenehmer an. »Du wirst dir ganz schnell ein paar Gedanken machen müssen, denn das Leben unseres Sohnes hängt davon ab …«
»Was kann ich denn schon tun?«, zuckten Brians Schultern.
»Was du tun kannst?«, beugte sich Lilo in seine Richtung und wurde von Wort zu Wort lauter. »Du fragst mich ernsthaft, was du tun kannst? Erzählst du mir nicht mindestens einmal in der Woche, welch wichtige und imposante Leute euren Nobelschuppen betreten? Dann wird doch wohl einer dabei sein, der tatsächlich etwas bewegen kann!«

Brian nickte mit seinem ganzen Oberkörper. Ihm war es sichtlich unangenehm, quasi vor allen Leuten von seiner eigenen Frau zurechtgewiesen worden zu sein. Dem Arzt erging es zumindest ähnlich. Gesenkten Hauptes verließen beide das Zimmer. Auf dem Korridor trennten sich ihre Wege. Jeder hatte eine Aufgabe und die war gewiss nicht einfach.

Der Arzt nahm das Neugeborene, zog eine Schwester seines Vertrauens mit hinzu und übergab ihr das Kind, damit es versorgt wurde. Niemand bekam das Baby zu Gesicht. Es war tabu, als existierte es überhaupt nicht.

Brian marterte seinen Kopf. Er setzte sich mit seinem Chef in Verbindung und erfuhr von einem Gast, der – als ehemaliges Mitglied des hohen Rates – noch immer die allerbesten Beziehungen pflegte. Mit ihm nahm er Kontakt auf, traf ihn noch am Nachmittag desselben Tages und schilderte ihm die schier unglaubliche Angelegenheit.
»Leider ereignen sich solche Vorkommnisse immer wieder«, bekam Brian zu hören, »aber den Entscheidern sind die Hände gebunden … sie müssen sich konsequent ans Gesetz halten und das ist in der Aussage eindeutig.«

Brian jammert und flehte und rutschte auf Knien auf dem Boden hin und her, als befände er sich auf einem Schafott.

»Ich werde sehen, was ich tun kann«, hörte er den Mann sagen und empfand diese Aussage beinahe schon wie einen Freispruch.

Noch am Abend desselben Tages klingelte das Telefon in der Klinik, in der sich das Neugeborene mit dem Fell eines Maulwurfs befand. Der geburtshelfende Arzt wurde an den Apparat befohlen und genauestens instruiert. Die Stimme kam ihm bekannt vor … irgendwo glaubte er sie schon einmal gehört zu haben. Die Anweisungen waren eindeutig.

Und dann wurde der kleine Bursche in ein wärmendes und zugleich blickdichtes Tuch gehüllt und zum ersten Mal in den Arm seiner Mutter gelegt.

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