Feed on
Posts
Comments

Selbstbefriedigung

SelbstbefriedigungAm Anfang war zwar das Wort und Worte haben auch einen Anfang, aber die Reihe der Worte mit dem Präfix „selbst“ kommt immer noch sehr übersichtlich daher. Viel hat die Sprache dahingehend nicht hervorgebracht. Liegt es nun an der Gebrauchsfähigkeit, an der Beliebtheit oder woran liegt es? Die Begriffe Selbstbefriedigung und Beliebtheit liegen doch in ein und derselben Schublade, erzeugen zwar immer noch rote Ohren, aber die leuchten im Dunkeln seltsamerweise nicht.

Eigentlich lässt sich das eigenständige Wort „selbst“ vor fast alle anderen Substantive setzen und bildet einen eigenen Begriff. Selbstbetrug und Selbstvermarktung, Selbstreinigung und Selbstvernichtung stünden auch ohne das Wort „selbst“ im Duden. Hoch im Kurs stehen die Selbstverteidigung und auch das Selbstgespräch. Ein Gespräch mit sich selbst? Ein Gespräch wohl eher, denn ein Gespräch setzt lediglich nach einer anerzogenen Verständnismäßigkeit einen Dialogpartner voraus. Das Wort Gespräch impliziert demnach ein Duett, drückt es jedoch nicht aus.

Niemand käme auf die Idee zu sagen, dass jemand mit sich selbst malt, nur weil keine zweite Person vonnöten ist, um diese Tätigkeit auszuüben. Beim Töpfern und vielen anderen Beschäftigungen ist es ebenso. Eine Schaufel in der Hand zu halten, mittels dieser Sand in eine Schubkarre gegeben wird, ist alleine zu bewältigen. Wird die Tätigkeit nun belächelt und als Selbstschaufler bezeichnet? Allein zu sprechen bedarf auch keiner zweiten Person, dennoch hier ein bezeichnendes Grinsen hinweisgebend ist. Ein Zuhörer muss in Gestalt einer anderen Person zugegen sein.

Eine Person fehlt. Und das Verständnis fehlt.

Die Gesellschaft akzeptiert einige Dinge nicht, wenn sie ohne eine andere Person vollführt werden und auch das Geschlecht der anderen Person ist von Bedeutung. Sex zu zweit ist nur dann gesellschaftsfähig, wenn beide Teilnehmer unterschiedlicher Herkunft sind, (was das Geschlecht angeht) ein Mindestalter erreicht haben und miteinander nicht näher verwandt sind.

selbstgesprächeIn dieser Disziplin lässt das Gespräch erheblich mehr Spielraum. Dialoge zwischen zwei gleichgeschlechtlichen Personen werden keinesfalls naserümpfend quittiert. Schwuler Sex gilt zwar immer noch als anstößig, wohingegen ein Lesben-Porno mehr Freunde findet, als ein Vogelhaus im Winter.

Die Krönung des Desasters wäre demnach ein Schwulen-Porno mit einem selbstgesprächigen Bückling als Protagonisten.

Galt früher noch der nur einseitig besetzte Beichtstuhl als Alibi für Selbstgesprächige, ist es heutzutage die Smartphoneattrappe in Lack oder mit Lederapplikationen. Auch gerne genommen wird ein Stück Papier, welches als Einkaufszettel getarnt murmelnd bis vernehmbar sich selbst vorgetragen wird, dennoch keine einzige Silbe zu lesen wäre. Plötzliche und singulare Erheiterung ist strengstens verboten, zumal ein Dritter keinen sichtbaren Auslöser erkennt. Der existiert lediglich in den Gedanken des Erheiterten.

Also merke: Auch Lachen ist nur in Begleitung erlaubt!

Der Service der damaligen Zeit wartete nicht auf die Einführung der Selbstbedienung, aber plötzlich musste man sich selbst bedienen, denn eine dafür abgestellte Person war nicht mehr vorhanden. An Tankstellen tankte man selbst und in Supermärkten bediente sich der Kunde ebenfalls selbst. Mittlerweile gilt das Modell als gegeben und nirgends müssen eigens dafür aufgestellte Schilder diesen Umstand dokumentieren.

Demnach führt das Selbstgespräch sein scheinbar schrulliges Dasein nur darum, weil nicht explizit darauf hingewiesen wird. Besäße das auf Dialogpartner verzichtende Gespräch einen Warnhinweis, wüchse gleichsam seine Lobby und Millionen Betroffener atmeten auf. Leider führen diese Menschen ihr Dasein als Selbstgesprächiger noch in der Isolation einer psychiatrischen Klinik, in der Anonymität der Dunkelheit oder der gesellschaftlichen Verbannung, werden zum Alkoholiker oder zum Gewalttäter.

Unverständnis ist auch hier die Wurzel allen Übels.

Zuspruch ungeahnten Ausmaßes erleben Gruppen und Vereine, welche aus der Not eine Tugend machen und vorgetäuschtes Mitleid in klingende Münze umsetzen. Selbsthilfe wird angeboten und dem Betroffenen der Freiraum zur Auslebung seines gesellschaftlichen Leidens vorgegaukelt, welcher ihm sonst versagt wird.

Print Friendly, PDF & Email

Comments are closed.

%d Bloggern gefällt das: