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Man ist so alt wie man sich fühlt – ist man wirklich so alt wie man sich fühlt?Wir waren eine Clique von vielleicht 5 oder 6 Jungs und spielten vor dem Bahnhof einer kleinen Ortschaft im Westerwald, in der wir damals wohnten. Ein Zug hielt an und Leute stiegen aus. Ein junger Mann war uns kein Unbekannter. Er freute sich außergewöhnlich und wir erfuhren, dass die Freude seiner bestandenen Gesellenprüfung galt.

Was ist eine Gesellenprüfung?“, schoss es mir durch den Kopf. Irgendjemand erklärte mir dann, dass zuvor eine Lehre gemacht werden müsse und man nach 3 Jahren Lehrzeit zur Gesellenprüfung zugelassen würde. „Aha“, dachte ich. Man wäre dann ungefähr 18 Jahre alt, wurde noch hinzugefügt. Und wieder dachte ich „aha“. Plötzlich begann in mir etwas zu arbeiten. Ich war damals 9 oder vielleicht 10 und der frischgebackene Geselle war 18 Jahre alt.

Ein unglaublicher Abstand, den ich nie zu erreichen Willens war, türmte sich vor mir auf. Der junge Mann mit dem Gesellenbrief schob sich ob seines Alters in eine andere Welt und diese besaß mit der meinigen keine Schnittstelle. Ich war mir sicher, niemals so alt zu werden. Seltsam erschien plötzlich die Tatsache ihn zu kennen, mit ihm gesprochen zu haben und ihm womöglich die Hand gegeben zu haben. Jemandem, der eigentlich in meiner Welt nichts zu suchen hatte.

Du bist die Ausnahme. Du auch.

Großeltern, Eltern Verwandte und Familienangehörige generell besaßen kein Alter. Sie waren da, nahmen eine Funktion wahr und ansonsten standen sie dem Altersvergleich nicht zur Verfügung. Ihre Geburtstage wurden zwar gefeiert, aber ich maß den Dingen keine weitere Bedeutung zu. Dem Alter und den Geburtstagen meiner Klassenkameraden oder meinen Freunden stand ich jeweils kritisch gegenüber da. Hier spielte Alter eine wesentliche Rolle.

Beim Schuldirektor nicht und bei den Klassenlehrern auch nicht. Rückblickend wundere ich mich immer noch über diesen Zustand. War jedoch ein Klassenkamerad älter, gewährte man ihm gleichsam Vorzüge, als sei er jener, der das Sagen hatte. Aber es war tatsächlich so. Man wollte nicht der Jüngste sein, man wollte der Älteste sein. Aber nur innerhalb der Gruppe. Mit dem Jüngsten assoziierte man Schwäche, Unreife und Unerfahrenheit. Eigentlich genau die Gegenteile, welche man dem Ältesten zugestand: Stärke, Erfahrung und Planungsgeist.

Als ich dann 18 Jahre alt war erschienen mir die Leute, die stark auf die 30 zugingen als alt. Auch so alt wollte ich nie werden. Wer wollte man also sein? Von den 10-jährigen der älteste. Dieses Muster zog sich bis zum heutigen Tage durch und bekam im Laufe der Jahre noch ein besonderes Effet. Es stellte sich mir stets als Gräuel dar, wenn ich ältere Personen traf oder im Fernsehen sah, deren Sprache, Kleidung und restliches Verhalten auf ein Alter hinwies, welches ich nie erreichen wollte. Selbst wenn ich schon so alt war. Die Leute waren noch älter. Sie sprachen alt, kleideten sich alt, trugen alte Frisuren, bewegten sich alt und waren in allen Fugen alt.

Wer ist hier der Boss?

Diese Leute sind irgendwo stehengeblieben, wollten nicht mehr weiter, machten plötzlich dauerhaft Rast. Wie ein Auto, dessen Tank zur Neige ging. Auch ertappe ich mich dabei Leute auf dem Bildschirm zu kategorisieren. Nein, nicht die geskripteten Sendungen sind mein Ziel, zumal ich vermute, dass selbst das Alter neben dem Namen in der Fußzeile des Bildes geskriptet ist. Ich sehe andere Personen und denke „Um Himmels Willen, warum ist dieser Mensch so alt?

Auch da lässt sich immer wieder feststellen, dass die Leute alt reden. Man hat unterschwellig das Gefühl, dass diese Leute alles tun, um alt zu wirken. Vielleicht verfügen sie über einen Imageberater in Sachen Alter. Früher nannte man diese Leute Pfleger. Haare nach hinten, zur Seite oder wie gewachsen, kein Schnitt. Garderobe dunkel, damit übt man schon mal. Düsterer Gesichtsausdruck, ein wenig biestig, ein wenig schmerzverzerrt, ein wenig überheblich.

Und dann sind sie fertig, die Oma- und Opa-Typen, die sich nicht mehr über die aktuellen Sportwagen, sondern über ihren Rollator unterhalten. Die anstatt mit den eigenen Armen, mit dem Krückmann winken oder drohen. Von Weitem lässt es sich nicht unterscheiden.

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