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Mit wem sprichst du?

Taxidriver – die Mutter aller SelbstgesprächeEs ist offensichtlich der bekannteste Dialog aus einem Film. Ein Taxifahrer spricht mit unsichtbaren Personen und steht dabei vor einem Spiegel. „Du meinst mich?“ (“You talkin‘ to me?”) „Du quatscht mich an?“ Eine Allerweltsszene, eine Situation von vielen, eine Begebenheit, der keinerlei besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Und dennoch bleibt sie im Gedächtnis haften, wie mit Sekundenkleber fixiert.

Es ist nicht nur der Dialog mit einem Unsichtbaren oder mit einer imaginären Person. Es ist die nicht selten mit Spannung geladene Konfrontation mit der direkten, sozialen Umwelt. Auf diese Weise verarbeitet der Mensch derlei Konstellationen. Er will Sieger bleiben, spontan reagieren und möglichst gut aus der Nummer ’rauskommen. Man will gefeit sein, man will vorbereitet sein, es gerät daher zur Übung und wird zum Training.

Man will Herr der Lage bleiben und jedem klar machen, dass eine Kollision Folgen haben wird, schlimme Folgen. Am Liebsten würde man ein Warnschild mit abschreckender Wirkung hochhaltend herumtragen, welches jene Warnung erzeugen sollte wie das, an der Gartentüre mit dem Bild des bissigen Hundes. Innerlich tragen viele Menschen ein solches Schild bei sich. Sie sprechen aus Angst sich lächerlich zu machen nicht öffentlich darüber.

Sie sprechen jedoch darüber, wenn sie alleine sind. Mit niemandem außer sich selbst in einem Zimmer und vielleicht vor einem Spiegel stehend, rücken sie raus mit diesen Dialogen. Sie führen Selbstgespräche. Sie sind weder krank, noch sind sie ein Fall für die Couch. Sie ventilieren ihre Konfrontationen auf einem anderen Niveau. Der eine still, der andere hörbar.

In unserem System gelten Regeln und nach unserem Kulturverständnis werden Regelverstöße geahndet. Betritt jemand einen Raum und sieht dort jemanden an einer Staffelei stehen und malen, wird niemand dazu neigen zu sagen, dass dort jemand mit sich malt, dennoch er sich allein im Raum befand. Betritt man jedoch einen Raum und hört jemanden sprechen ohne einen Dialogpartner zu sehen, hat diese Person zweifelsohne gesprochen und zwar mit sich.

Gewisse Umstände werden demnach und so versteht sich unsere Kultur, lediglich dann erst gültig, wenn man sie mit mehr als nur mit sich selbst vollführt. Reden scheint dazuzugehören, obwohl es von nur einer Person praktiziert werden kann. Befindet sich kein erkennbarer Zuhörer während des Gesprächs in Reichweite oder im Raum, würdigt der ahnungslose Dazugekommene die getanen Äußerungen als Selbstgespräch herab. Es sind offenbar Gespräche Zweiter Klasse, die nicht für Voll genommen werden. Manche Regeln der hiesigen Kultur gehen seltsame Wege.

Im Zeitalter des mobilen Telefonierens wäre es also ein Leichtes, seine Umwelt hinters Licht zu führen, indem man in eine Handyattrappe spricht, um einen Dialog vorzutäuschen bzw. ein Selbstgespräch zu kaschieren. In den eigenen vier Wänden kann man auf diese Mogelei verzichten, hier ist man unbeobachtet. Erst außerhalb dieses Schutzes wähnt der vermeintlich Betroffene das soziale Umfeld als Epizentrum und vermeidet jede auffällige Bewegung.

Viele Stresssituationen kompensiert der Mensch demnach über das Ventil des verbalen Austauschs; über das Gespräch. Riesige Summen tauschen ihre Besitzer, weil es viel Geld verschlingt, sich auf einer Couch liegend auszusprechen und Rat und Hilfe erteilt wird. Es ist eine Art Absolution, wie sie nach einer Beichte ausgesprochen wird. Sichtlich erleichtert tritt man zurück ins Leben, bis sich der nächste Konflikt nähert.

Als notwendig erscheint unabdingbar der Austausch mit dem Lebenspartner, dem Kollegen oder dem Kegelbruder. Vielleicht sind es nur Belanglosigkeiten, vielleicht handelt es sich aber um tiefer greifende Konflikte, die auf diese Weise gelöst werden können. Steht kein Dialogpartner parat, kommt es dennoch zum verbalen Austausch und zwar mit sich selbst. In diesem Fall ist der Mensch Geber und Nehmer in einer Person. Er beginnt das Gespräch, gibt den Impuls, den Anlass und das Motiv vor und reagiert entsprechend als imaginärer Dialogpartner selbst.

Sportler und Artisten trainieren ihre Fertigkeiten und niemand stört sich daran. Sie tun nichts anderes, als jener selbstgesprächführende Zeitgenosse. Es wird trainiert, sich präpariert und eine womöglich passierende Situation zu beherrschen gelernt.

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