Du wirst ein EngelUnd dann wachsen dir Flügel und du kannst fliegen. Aber meistens stehst du nur irgendwo zur Zierde, zur Dekoration oder zur Untermalung herum. Aus Marmor, aus Granit oder aus Pappe, um den Weihnachtsbaum zu komplettieren und 100% Achtungsverlust zu produzieren. Vielleicht kommst du sogar schon zu Lebzeiten an den Namen, weil du höflich und freundlich bist und man dich wegen deines liebreizenden Gesichts Engel nennt. Die Chance mit einer Kurzhaarfrisur Engel genannt zu werden, ist mehr als gering. Engel scheinen per se lange Haare zu haben.

Wie dann die vermeintliche Weisheit „lange Haare, kurzer Verstand“ entstehen konnte, bleibt weiterhin eine Theorie. Auch neigen Engel zu hellem, man könnte sagen zu blondem Kopfbewuchs. Dunkel- oder gar schwarzhaarige Engel sieht man dagegen eher selten. Gefallene Engel soll es geben und Erzengel soll es auch geben. Wer also vor den Augen des Herrn als Flügelbesitzer versagt, steht als gefallener Engel da. Ein Loser somit. Die Rolle des Losers spielt der Teufel und cinemascopisch wäre es Darth Vader. Beide erwecken als Person nicht gerade den Anschein eines Losers. Hier müsste dringend nachgebessert werden.

Demnach hätten also auch Engel eine Art Hierarchie. Nach dem Leben und dem Tode beginnt der Stress wieder von vorn. Man will nicht der „Jedermanns-Engel“ sein, sondern ein besonderer, mit speziellen Aufgaben und eigener Verantwortung. Mit einem eigenen Namen, damit wäre der Anfang und eine gewisse Zufriedenheit fabriziert.

Und je nach Position bekommt man dann neue, andere, womöglich größere Flügel, bis sie zum Boden reichen und so schwer sind, dass man mit ihnen nicht mehr zu fliegen fähig ist. Also auch wie im Leben. Der unnötige Ballast, der sich mit den Jahren anhäuft und den Eigner am Boden hält. Wie Ikarus seinerzeit so hoch fliegen konnte, wird ebenfalls ein Rätsel bleiben.

Auch ist völlig unklar, was Engel den lieben langen Tag so treiben. Sie beschützen jemanden, heißt es und der Begriff „Schutzengel“ bekommt seine Lebensberechtigung. Damit hätte jeder Lebende einen eigenen Schutzengel. Dies würde gleichsam bedeuten, dass bei einer engel’ischen Flugstunde sommerschlussverkaufsmäßiges Gedränge auf der Startbahn herrscht. Der Bedarf an Engeln wächst durchaus linear und ist lediglich an die Sterberate gebunden, denn von einer Paarung zwischen Engeln, hat man noch nie etwas gehört.

Unabhängig der Entstehung und der möglichen Fortpflanzung dieser Autopiloten himmlischer Herkunft, ist allein ihre Aufgabe von Rang. Schließlich stellt die Bezeichnung „Schutzengel“ eine Verpflichtung dar und konsequent bedeutete dies: welchen Sinn des Schutzes verfolgen Engel auf Friedhöfen, speziell an Gräbern? Findet man dort bloß die Versager, die in einem wichtigen Moment mit Unaufmerksamkeit vorlieb nahmen und nun zur Strafe dort aus Stein bis in alle Ewigkeit harren? Es ist kein liebes Gesicht welches sie tragen, sondern eine Unschuld heuchelnde Grimasse, die von ihrer Fatalität ablenken soll.

Engel unterliegen nicht den landläufig bekannten Gesetzen. Auch nicht denen, die das Altern steuern. Engel mit collagendefizitärem Antlitz, trifft man noch nicht einmal im Museum auf einem Gemälde. Ein Engel mit Rollator wäre selbst der reinen Phantasie ein Graus. Immer frohen Mutes und voller Tatendrang sind sie, ähnlich der Leute auf dieser Bacardi-Insel.

Das Altern scheint allgemein nicht zu Engeln zu gehören: Ältere Engel auf einem Treppenlift sprengen nicht nur das Budget, sonder lassen auch die Frage „wohin mit den Flügeln“ entstehen. Sie könnten sich schließlich ihrer Flugfähigkeit besinnen und einen Treppenlift überflüssig erscheinen lassen. Aber mit den Jahren schwindet auch die Kraft in den Flügeln. Ein Schutzengel in Zentralafrika müsste, um nicht aufzufallen oder lästige Fragen zu provozieren, schwarz sein. Hier klafft eine Bresche an Dokumentationsunterschlagung auf. Von einer „schwarzen Madonna“ ist hie und da die Rede; von schwarzen Engeln nicht. Also doch Darth Vader?

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„Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.“
Mark Twain (1835-1910), eigentl. Samuel Langhorne Clemens, amerik. Schriftsteller