Geben ist seliger denn nehmen.

Gib mir TiernamenEs hat sicherlich keinen samaritären Hintergrund und verfolgt wohl auch christliches Motiv. Das temporäre Verlangen nach Tiernamen, muss anders verwurzelt sein. Viele Tiere genießen in unseren Breiten nicht nur eine individuelle Schmackhaftigkeit, sondern auch eine Art Koexistenz hinsichtlich der Bezeichnung und der dadurch entstehenden Assoziation.

Somit gilt z. B. das Schwein als Nahrung auf der einen Seite und gleichsam als Synonym für Unordnung, Schmutz und Dreck in rauen Mengen. Nicht zuletzt suhlt sich ein Schwein im Dreck und allein dieses verhalten reicht völlig aus, Mitmenschen mit Defiziten im Hygienebereich als Schwein zu titulieren.

Tiere, die weder in unserer Optik, noch auf der Speisekarte einer ordinären Frittenbude landen könnten, kommen im gemeinen Sprachschatz der täglichen Beschimpfungen und der Ansprachen heißblütiger Natur kaum vor.

Jemanden als Stier zu bezeichnen hat Sinn. Dieselbe Person als Büffel zu titulieren macht irgendwie kaum Sinn und führt lediglich zu unerwünschten Diskussionen. Ebenso ist es mit Griffen und eine Anspielung auf den unübersehbaren Hals kann zur gegenseitigen Verknotung der vorderen Gliedmaßen führen. Ähnliche Reaktionen sind bei Nennungen von Nilpferd und Seekuh zu beobachten. Hingegen ist der Elefant bei Männern als Bezeichnung extrem beliebt, schließlich kann der Rüssel federführend Pate gestanden haben. Pech wäre allerdings, es läge an den Ohren.

Gib mir ein „I“

Eine besondere Art der sprachlichen Verniedlichung ist stets dann zu erkennen, wenn man den Namen ein „I“ anhängt und aus einer Maus eine Mausi wird. Dann ist die Palette groß und Muschi und Bärli sind plötzlich handzahm. Ebenso hoch im Kurs steht die Schnecke, wobei hier rein charakterlich zwischen Lahmarschigkeit und Schleimspur geschwankt wird. Sich zum Affen machen ist ein extrem umschwärmter und ebenso attraktiver Volkssport, der überdies die Medien eroberte und die hirnrissigsten Aktionen eine Endlosschleife zu bilden scheinen.

Im so genannten Alltag oder auch als Kosename tauchen oftmals recht lustige und erklärungsbedürftige Namen auf. Seinen Partner mit dem Namen Ameise zu belegen, kann zu ungewollten Kollisionen führen. Mit einer Ameise assoziiert man gerne Fleiß und Disziplin. Einen permanent unrasierten Feinrippfetischisten so zu nennen, wäre irreführend. Einige Existenzen sind ohne Umweg zu charakterisieren und andere stellen sich als Buch mit 7 Siegeln dar.

Eindeutig ist die Schlange, wohingegen sich ein Gesicht zum Fragezeichen verformt, wenn der Partner das Wort Zebra säuselt.

Kaum wird jedoch die Beleuchtung gedimmt und man neigt sich ganzkörperlich in die Horizontale, wird aus der sonst eher unauffälligen Bewohnerin einer Reihenhaushälfte, eine zum Sprung ansetzende Gazelle. Und aus dem karrierebewussten Abteilungsleiter mit schütterem Haupthaar und leichtem Bauchansatz wird ein wilder Stier, der dann gerne Tiger genannt werden will.

Andere wollen beschimpft werden. Weiblein als auch Männlein peinigen sich gegenseitig mit animalischen Bezeichnungen. Vielleicht ist diese gewollt verbale Entgleisung eine Art Peitschenersatz und haben die Verarmung, wenn nicht gar die komplette Ausrottung des dominanten Segments im Rotlicht-Gewerbe zum Ziel?

Oberschenkelhohe Lackstiefelträgrinnen mit strengen Blicken und ebensolchen Frisuren, die in hochgeschlossenen Outfits ihre Klientel mit der Neunschwänzigen beglücken. Hier wird für die Injurie bezahlt und zwar vorsätzlich. Hier beugt man sich und unterdrückt den Schmerz des Bandscheibenvorfalls. Hier spürt man den Pfennigabsatz der charmanten Gastgeberin, wenn sie versehentlich auf deine Hände tritt, weil du vergeblich das Weite suchst, um der Situation zu entkommen.

Aber all das gehört mit zum teuflischen Spiel. Aus dem wilden Stier wird ein Lurch, ein Wurm, ein Stück Dreck. Das löst den Schleim in den Lungen und macht den Kopf frei von Zwängen und Zäunen. Endlich weiß man seine eigenen Grenzen besser einzuschätzen und fühlt sich geborgen. Das immerfrische Rätsel, warum die eigene Mama derlei Vorlieben nicht erzieherisch unterstützte, wechselt von Unverständnis in blanke Wut. Man schnaubt und ächzt und hört von irgendwoher eine Stimme.

„Lass es raus!“ fordert die Stimme „Lass es raus!“

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„Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.“
Mark Twain (1835-1910), eigentl. Samuel Langhorne Clemens, amerik. Schriftsteller