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Langeweile

LangeweileManche Menschen haben keine Hobbys. Manche Menschen haben keine Familie. Entweder sind sie verwitwet, geschieden, oder man kann diese Leute generell nicht ertragen. Manche Menschen planen nichts voraus, fahren nie in den Urlaub, zum Camping, oder mähen zumindest den Rasen. Treffen all diese Momente unerwartet und geballt zu, entsteht eine sehr kreativfreie Zone, genannt Langeweile.

Manche Menschen gehen dann – und sie können es weder sich noch anderen erklären – in den Keller, setzen sich irgendwo hin, verweilen dort drei oder vier Stunden und schauen sich die Sachen an, die sich im Laufe der Zeit dort ansammelten. Während ihres Aufenthalts im Keller bewegen sie sich nicht, kaum, oder extrem langsam, sodass es nur im Zeitraffer wahrnehmbar wäre. Auch schalten sie kein Licht ein. Sie atmen. Mehr nicht.

Manche Menschen vollführen eine ähnliche Übung, ohne dazu in den Keller zu marschieren. Sie verschränken die Arme vor der Brust und stützen sich nun mit den Ellbogen ins offene Fenster. Das auf der Fensterbank deponierte Kissen lässt darauf schließen, dass diese Person dort öfter verweilt und das Kissen der allgemeinen Bequemlichkeit dient. Dass diese Leute selbst im Winter bei Minustemperaturen dort anzutreffen sind, sei nur am Rande erwähnt.

Auch weiß man nie, ob diese Menschen überhaupt noch leben. Sie schauen immer gleich aus, ignorieren jedwede Modetrends und selbst die Mimik des Gesichts ist eher statisch. Nein, das sind nicht die Sorte Personen, die Falschparker per Standleitung an die örtlichen Sheriffs weitergeben; die stehen hinter der Gardine.

Vergessen darf man keinesfalls die Spaziergänger. Diese unterteilen sich zunächst und grob sortiert in zwei Lager. Zum einen gibt es die militanten, im olivgrünen Zwirn erkennbar und festes, knöchelumschließendes Schuhwerk, als auch Knickerbocker tragend und Gehstock schwingend, mit dieser zwanghaften Fröhlichkeit auf den Lippen. Und dann existieren noch die anderen, welche man zum Spazierengehen überreden oder foltern musste.

Man spaziert durch Wiesen und Wälder, schließt Freundschaften mit völlig unbekannten Gleichgesinnten, die während der Naturbesichtigung ebenfalls völlig unmotiviert daherlatschen. Manche Zeitgenossen wagen einen forschen Blick in die Zukunft und schlendern über den Friedhof. Ja, Ruhe herrscht dort, man könnte Flöhe pupsen hören.

Manche Menschen erforschen sich selbst und bohren in der Nase, oder in anderen Körperöffnungen. Manche Menschen greifen zum Telefon und fragen ihr gesamtes Adressverzeichnis ab, was man mal machen könnte. Ins Kino gehen, Radfahren, einen Jazz-Tanzkurs belegen oder sich von einer Brücke stürzen, mit einem Gummiband an den Füßen.

Manche Menschen sitzen gerne vor ihrem PC und besuchen das Internet. Auch langweilig, genau wie fernsehen oder die Hampelei vor der Spielkonsole. Hätte man nicht eine Glatze, könnte man wenigstens eine neue Frisur ausprobieren. Geschlechtsverkehr als Zeitvertreib? Warum nicht, aber mit den Jahren werden die Pausen länger. Es scheint keine dauerhafte Lösung zu sein.

Manche Menschen gehen in die Garage und schrauben an ihren rädrigen Opfern herum. Zwei- drei oder vierrädrig kommen sie daher, werden geschminkt und gepudert, aufgebrezelt und gewienert. Manche Menschen bauen. Mit Streichhölzern. Der Eifelturm ist keine Hürde für einen Profi dieser Gilde. Eine Herausforderung wäre die Chinesische Mauer im Maßstab eins zu eins. Das ließe sich auch mit Bierdeckeln bewerkstelligen, denn auch in dieser Nische steckt kreatives Potential. Briefmarken- und Münzsammler wurden im Laufe der Vergangenheit Opfer übelster Witze. In den gläsernen Auslagen div. An- und Verkaufsläden, werden ihre Machenschaften immer noch zur Schau gestellt.

Überall – so meint man jedenfalls – wäre erheblich mehr Betrieb als da, wo man sich zur Zeit der Null-Action-Phase aufhält. Die Öde und Trostlosigkeit einer Wanderdüne ist vergleichsweise ein Rummelplatz, gegen bestehende Langeweile, die sich festgefahren hat, wie ein Auto im Schnee. Selbst das Testbild im TV scheint sich zu bewegen, Figuren erkennen zu lassen und Formen wie auch Farben zu wechseln. Nach stundenlangem Hinstarren kommt es vielen so vor.

Einem Gebirge beim Wachsen zuzusehen ließe mehr Freude entfachen, als sich gymnastischen Übungen wie z. b. Yoga hinzugeben. Auch die Meditation ist nicht das direkte Tor, auf dass Anlauf genommen wird.

Viele Menschen ergreifen in ihrer nicht enden wollenden Standspurfahrerei zum Äußersten und heiraten, in der Hoffnung, jemanden kennenzulernen, mit dem man die Langeweile zumindest zu zweit verbringen könnte, ein Leben lang. Und wenn dann ein zweites Kissen auf die Fensterbank geschoben wird, hat sich das Warten gelohnt.

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