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Das Versteck

Ganz großes Kino

Das VersteckVielleicht gibt es sie ja wirklich, die mit Schwachsinn beträufelten Nachtwächter, die ihrem Gegner mit vorgehaltener Waffe irgendein Versteck entlocken wollen, oder sie anderenfalls umzubringen drohen. Im Film existieren sie jedenfalls.

Nun denkt man sich die Szene weiter und der Bedrohte gibt das Versteck mit keiner Silbe preis. Der mit der Knarre schießt ihn jetzt über den Haufen, allein schon, um seine Drohung wahrzumachen und steht eher belämmert da, weil er immer noch nicht weiß, wo dieses vermaledeite Versteck ist.

Er hätte sich also die Nummer schenken können. Hat hier der Dialog versagt? War der Autor bekifft, oder wer soll hier verscheißert werden? Setzen diese Film-Fuzzis in ihrem Tatendrang voraus, dass kein logisch denkender Zuschauer mehr existiert? Es will so scheinen. Aber der Bösewicht schießt gar nicht. Dann wären viele Filme schon nach den ersten zwei Minuten vorbei und wer will das? Also verschont er sein Opfer, sucht sich seine Geliebte und besitzt erst dann ein Druckmittel.

Plötzlich weht ein anderer Wind und der Dialog macht halbwegs Sinn.
»Entweder du nennst mir das Versteck oder du wirst es bitter bereuen …!« Na also, klappt doch.
»Und wenn nicht?«, fragt der Bedrängte ein wenig aufmüpfig?
»Dann schneide ich deiner hübschen Freundin die Kehle durch.« Aha, ein Halsabschneider. Was jetzt folgt, ist ein endlos dümmliches Gefasel von wenn’s und dann’s, gegenseitigen Bedrohungen und weiteren Verzichtbarkeiten, die sich im realen Leben nicht annähernd derart abspielen würden.

Zur Strafe bezahlt man Eintritt.

Man wähnt sich auf einem türkischen Basar. Es wird verhandelt und verhandelt, aber keineswegs gehandelt. Das komplette Kino droht einem hundertjährigen Schlaf zu erliegen. Es muss schleunigst etwas geschehen. Das erkennt auch der Regisseur und lässt entweder einen Vulkan ausbrechen, die Zwillingsschwester der hübschen Geliebten erscheinen, oder den Bösewicht ereilt ein Herzinfarkt. Die Zuschauer erlangen durch das Gewimmer der Geigen wieder volle Aufmerksamkeit. Zur Vorlage des Drehbuchs diente schließlich ein preisgekrönter Roman und nicht zuletzt darum man hält sich konsequent an die Handlung.

Alle Situationen erscheinen daher auch extrem realistisch. Der an den Baum gefesselte Aussageunwillige ist selbst nach zwei Tagen immer noch frisch rasiert. Nach einem dreiundzwanzig seitigen Dialog zwischen Gewehrhalter und Versteckverratsverweigerer, einigt man sich auf folgenden Deal: »Ich verrate dir das Versteck erst dann, wenn die Zwillingsschwester meiner Geliebten ins nächste Dorf reiten, die dortige Bevölkerung vor dem drohenden Vulkanausbruch warnt und sich dann zu ihrem seit frühen Kindertagen erträumten Medizinstudium immatrikulieren darf, um dich bei einem etwaigen Herzanfall retten zu können … außerdem muss ich mal pinkeln … du Schurke!«
»Hm, hm, klingt vernünftig«, raunt der, mit der doppelläufigen Bleispritze bewaffnete Ganove und nickt zustimmend.

Das Publikum schnauft erleichtert und der Vorhang schließt sich zur Pause. Das Licht wird heller gedimmt und die kurzberockte Tussi mit dem Bauchladen macht ihren Job. Das ist Spannung, da tritt Unterhaltung auf, das lockert die Seele gewaltig und der Zuschauer befindet sich in einem Rausch. Drei Tüten Studentenfutter werden geordert – allein der blankliegenden Nerven wegen.

Wunder gibt es immer wieder.

Am kommenden Morgen reitet die Zwillingsschwester wie am Vortage besprochen davon. Das Pferd muss vom Himmel gefallen sein, denn weit und breit war bis dahin keines zu sehen. Auch für die läppischen 270 Meilen Ritt zu Pferde, wird keinerlei Proviant für Tier und Reiterin erübrigt. Das versteht man also unter einer ›Low-Budget-Production‹. Während sich unser Held den Rücken an dem Baum reibt, an den er gebunden ist, sitzt der Bösewicht, der seltsamerweise unrasiert ist, auf einem Stein und die Geliebte kauert jammernd zu Füßen des Helden. Stundenlang.

Die Zwillingsschwester gibt dem Zossen derweil die Sporen und ihre langen blonden Haare wehen im Wind. Sie scheint die Strecke auswendig zu kennen, denn weder eine Karte noch ein Kompass werden zur Wegbestimmung benötigt. Wäre es ein James-Bond-Film, so hätte sie sicher ein Navigations-System im Puderdöschen, aber der Streifen spielt in einem anderen Jahrhundert. Pech. Ab und zu faucht der Vulkan bedrohlich und die bisweilen abgeflaute Spannung züngelt erneut auf. Mittlerweile sah man die Leute auf der Leinwand schon eine knappe Woche nichts essen.

Der Held ist immer noch frisch rasiert und steht da wie eine Eins. Der Gaul unter der daher preschenden Zwillingsschwester ist bester Laune und zu keiner Zeit sieht man ihn trinken. Das Kleid der Geliebten ist antimagnetisch, denn erscheint wieder und wieder farbenfroh, chemisch gereinigt, nebst gebügelt und der, der immer noch nicht weiß, wo das Versteck ist, putzt aus Langeweile seine Flinte, wenn auch schon zum achten Mal.

Der Vulkan will und will nicht ausbrechen und auch der Herzinfarkt scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Ein Kinobesucher wagt den Blick zur Uhr und tatsächlich, der Film ist zu Ende. Antworten auf eventuell entstandene Fragen beantwortet die Fortsetzung unter dem Namen: Das Versteck Teil II.

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