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Leben und leben lassen»Einen Krug vom Weißen, aber vom Guten!«, tönte es durch das Wirtshaus. Er wollte gehört werden, dennoch sich die Tische gerade erst füllten und noch gar nicht so viel los war. Seit einigen Minuten erst hatte der Wirt seine Schänke geöffnet und die letzten Riegel an der Pforte zurückgeschoben. Doch schon füllten sich die Bänke mit all denen, die durstig waren, eine Rast oder eine Ablenkung suchten oder mit denen, deren Beine schwer geworden waren, weil sie nicht mehr zu den Jüngsten gehörten und sich bloß hinsetzen wollten.

Ja, ihnen gewährte man auch Aufenthalt. Sie bestellten sich klares Wasser. Mehr konnten sie sich nicht mehr leisten. Sie waren ungebildete Tagelöhner … so wie die meisten. Lesen und Schreiben konnten sie nicht. Sie waren auf die Hilfe anderer angewiesen, doch denen ging es ebenso. Sie mussten ihrem Gegenüber vertrauen, auch wenn sie dabei oft betrogen wurden. Manchmal spendierte man ihnen einen Becher Wein. Zum Dank sangen sie einige Lieder und alle sangen mit.

Manche sagten auch einige Verse bekannter Schauspiele auf, denn viele von ihnen besaßen ein großes Wissen.

Auch er saß fast jeden Tag dort, trank gemächlich seinen Wein und sang mit den anderen mit. Jahrelang schon tat er das so und man kannte ihn. Den ganzen Tag zu Hause zu verbringen, um dort herumzusitzen und seiner Frau im Wege zu sein, wollte er nicht. Außerdem war seine Frau mit den Jahren zu einem zänkischen Weib geworden, warum er schon morgens der Erste im Wirtshaus war.

Dort konnte er sitzen und nachdenken.

Leben und leben lassenAuch er konnte nicht schreiben. Er gehörte einfach dazu und ließ es jeden wissen. Nur ab und zu begann er in seinen Gedanken zu versinken und eine andere Welt schien sich ihm zu offenbaren. Dann fasste er sich an die Stirn und dachte nicht selten auch laut nach. Auf einmal klebten die Ohren der anderen an seinen Lippen und Stille trat ein. Seine Worte waren wie eine Heilsalbe, die den ganzen Körper bedeckte und ihn mitnahm.

Das Leben, das Geschenk, welches selten mit einem Dank quittiert wird, siedelt offenbar nicht dort, wo es sich befinden sollte … an erster Stelle. Jeder verfügt darüber und fast jeder behandelt es so, als besäße er noch mehr davon. Doch das ist allerdings nicht der Fall; es ist einzigartig! Es wird nicht zugeteilt, jeder kann es erzeugen und jeder kann es auch löschen … niemandem wird eine Qualifikation abgerungen.

Und dann ist es plötzlich da: Das Bewusstsein, ungetrübt und klar, wie das Wasser in den Bächen. Die Welt wird wahrgenommen und sich an ihrer Schönheit und ihrer Einzigartigkeit erfreut. Also hebt den Becher und erfreut euch eures Daseins.

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