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Der Mensch denkt …und Gott lenkt. So lautet ein bekanntes Sprichwort und besaß über lange Zeit unangefochtene, fast schon ehrfürchtige Gültigkeit. Doch dann trat etwas bis dahin mehr oder weniger Unbekanntes auf und übernahm das Ruder. Dieses Unbekannte ist das Unterbewusstsein. Eigentlich lenkt es den Verbraucher gänzlich und schon beim Anblick einer Tomate denkt er an die Zahnbürste.

Eigenartig, aber die an eine Tomate gedrückte Zahnbürste assoziiert Schonung, Weichheit und diesen kaum zu beschreibenden Wohlfühleffekt, der mit dem Reinigen der Zähne einher gehen soll. Es produziert das Gefühl, sich selbst etwas Gutes angetan zu haben … schließlich sollen die eigenen Beißerchen möglichst lange halten. Die Werbeindustrie schleicht sich demnach auf hinterhältige Art und Weise an den Geldbeutel.

Zwei völlig differente Dinge, wie eine Zahnbürste und eine Tomate, werden im Kopf nun zu einem Päckchen geschnürt und ergeben tatsächlich etwas Gemeinsames. Ergo kauft der Konsument eine dieser tomatenfreundlichen Zahnbürsten, eine entsprechende Tube Pasta und je nach Geschmack ein Pfund Paradiesäpfel.

Kein Essig, kein Öl und keine Zwiebeln, dennoch Salat gesund ist.

Auch einzelne Worte, welche im Zusammenhang mit einem Bild konsumiert werden, ergeben im Kopf einen Begriff, der als Konsequenz nichts anderes als schieren Konsum zur Folge haben soll. Beispiel: ›Ente‹ und Badezimmer = WC-Reiniger.

Wolle mer’n eroilosse?

Ab und zu kommt es sogar vor, dass gewisse Verbalisierungen Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch finden und dort lange Zeit verweilen. Somit handelt es sich keinesfalls um einen Trend, eine Modeerscheinung, den berühmten Zeitgeist oder etwa ein Sprichwort, welches von einer Tätigkeit, beziehungsweise einem klugen Gedanken abgeleitet wurde. ›Den Nippel durch die Lasche ziehen‹ deutet auf so etwas hin. Jeder weiß was gemeint ist und jeder versteht es.

Selbst einzelne Produkte schaffen es, als Synonym für eine ganze Warengruppe dazustehen. Man sagt nicht einfach bloß ›Zellstofftaschentuch zur Einmalbenutzung‹, sondern ›Tempo‹. Man sagt auch nicht ›sofort gebrauchsfähige Kinderwindel zum einmaligen Verwenden‹, sondern ›Pampers‹ und das Wort ›Golf‹ bezieht sich schon lange nicht mehr auf das sportive Einlochen eines kleinen weißen Balls auf einem großen Grün. ›Uhu‹ bezeichnet meistens einen Kleber, weniger jedoch den Nachtvogel und ›Tesa‹ gibt’s von der Rolle und ist sicher kein Film von Wim Wenders.

Erbarmungslos wird unser Unterbewusstsein betrogen, wenn man vorsätzlich Falschmeldungen mittels eines bekannten und sonst eher vertrauenerweckenden Mediums verbreitet. Das kann eine Zeitung, wie auch ein TV-Sender sein. Doch selbst das ›Buch der Bücher‹ schreckt hier nicht zurück. Schon etliche ›Fehlmeldungen‹ aus der Bibel wurden entlarvt und postum gerade gerückt. Ein eher nutzloses Unterfangen, schmettern doch noch immer dieselben sonntäglichen Worte von den Kanzeln.

Was du schwarz auf weiß besitzt …

kannst du getrost nach Hause tragen … doch sei auf der Hut, denn so mancher lügt wie gedruckt. Man ist dadurch nicht im Geringsten verunsichert. Wenn es dann noch in der Zeitung steht oder gar in den Fernseh-Nachrichten erscheint, wähnt man sich auf der sicheren Seite und ist überdies bereit, die Nachricht weiterzuverbreiten. Das kann zur Folge haben, dass Falschmeldungen über Generationen ›Gültigkeit‹ zu besitzen vorgeben, dennoch nichts mehr daran stimmt.

Als Paradebeispiel dafür steht das in allen Kneipen und Gaststätten bekannte Wort: ›Ein gutes Pils braucht (nun mal) 6 Minuten.‹ Wer Durst hat, muss eben früher aufstehen, ganz einfach. Ein gutes Pils kann in unseren Tagen auch schon nach ein bis zwei Minuten trinkfertig serviert werden, weil sich die Anschlüsse und Druckverhältnisse der Schankanlagen seit der Entstehung jener Kneipenweisheit drastisch und zum Vorteil des eiligen Gastes geändert haben. Mit dieser ›6-Minutenregel‹ wird in der heutigen Zeit eigentlich nichts als Unsinn erzählt, doch der Mensch hängt daran, wie an einem alten Foto, von dem er sich nicht zu trennen vermag.

Im schwerelosen Raum gibt es kein oben und kein unten. Die bekannten und regulären Dimensionen greifen ineinander und man fühlt sich orientierungslos. Fügt man jetzt noch Dunkelheit, eine fremde Sprache und verwirrende visuelle Eindrücke hinzu, ist das Chaos komplett. In dieser Art der Hilflosigkeit greift der Mensch in die Trickkiste der Natur und besinnt sich auf das Unterbewusstsein.

Das Kaninchen aus dem Hut.

Doch dieses Unterbewusstsein funktioniert nicht mehr verlässlich und sauber. Es wurde durch unentwegte Manipulationen verunreinigt und das geschah keinesfalls aus Langeweile. Einen klaren Gedanken fassen kann dann nur noch der, der sich nicht beeinflussen ließ, doch wie will man das tun …? Sollte man als Einsiedler in einer entlegenen Hütte hausen und das womöglich ohne Telefon, Fernseher, Kühlschrank und Auto?

Keine Werbung, keine Prospekte im Briefkasten, keine Beeinflussung aber auch keinerlei Information mehr? Niemand sagt dann, was Gut und Böse ist, was zu Tun oder Lassen wäre, was In und was Out ist und wo das Benzin jeweils günstiger ist?! Keine Leuchtreklame als Loreley für den unerschrockenen Konsumenten, den Entschlossenen, den ewig währenden Feierabend? Keine Richtung mehr, keine Order und keine Smalltalks mehr, bei denen man seine sonst so interessanten Weisheiten versprühte?

Ein Ende ist nirgends in Sicht und Trostlosigkeit steht 24 Stunden lang auf dem Tagesplan.

Apropos Sicht. Wäre es jetzt nicht toll eine Tiefkühltruhe zu sehen, an eine Pizza zu denken und sich gleichsam an den letzten Italienurlaub zu erinnern, den man umgehend bereit ist, erneut zu buchen. Oder wäre es nicht der Wahnsinn jetzt eine Tomate zu sehen und sofort an eine Zahnbürste zu denken?

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