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Der sprechende KeksSo wie jeden Tag, führte ihn sein Weg von der Arbeit direkt in dieses gemütliche Café, in dem er sich an seinen angestammten Platz setzte und der Gewohnheit entsprechend einen – wie er es nannte – Feierabendkaffee zu sich nahm.

Nach Hause zog es ihn nicht. Dort wartete niemand auf ihn. Zu seiner Rechtfertigung drehte er es allerdings so hin, dass er noch immer nicht die Richtige gefunden habe. So hörte es sich auch angenehmer an und nur so stand er dann besser vor sich selbst da.

Jedenfalls war er meist fröhlich und allgemein beliebt. Die hübsche Bedienung bedachte ihn beim Betreten dieser Kaffeestube schon automatisch und servierte die gleichen Dinge, die sie ihm an jedem Tag auf den kleinen, runden Tisch stellte.

»Hallo«, sagte sie freundlich, stellte eine Portion Kaffee, Milch und Zucker ab und platzierte jedesmal einen Keks auf den Rand des Untertellers. Anschließend schenkte sie eine gewisse Menge Kaffee in die Tasse, lächelte ihn an und gab erneut ein paar nette Worte von sich.

Er schaute sie ebenfalls an und bedankte sich. Dann drehte sie sich herum und ging ihres Weges. So ergab es sich Tag für Tag.

Der Gewohnheit entsprechend griff er zum Keks und wollte ihn sich gerade in den bereits geöffneten Mund stecken, als er die Worte »Ich bin gar kein Keks, du darfst mich nicht verschlingen!« hörte. Umgehend drehte er sich betroffen um und schaute nach der Reaktion der anderen Gäste, aber die verhielten sich ebenso unbekümmert, wie bereits zuvor. Offensichtlich hörte bloß er die Stimme. Langsam nahm er seinen Arm ein Stück zurück und betrachtete sich den Keks erheblich genauer.

»Ich bin ein Stein«, hörte er den Keks wieder sprechen. Die Stimme des Kekses klang leiser, fast schon flüsternd. Wieder sah er sich um. Nicht ein einziges fragendes Gesicht blickte zu ihm.

Allerdings sah er nun endlich, wie sich etwas an diesem Keks bewegte. Äußerst bedächtig, vorsichtig und mit der Geschwindigkeit einer verlangsamten Zeitlupe, legte er ihn zurück auf den Tellerrand.

Vom Gefühl her entsprach das, was er zwischen seinen Fingern hielt, tatsächlich eher einem Stein, als einem Keks. Der Keks hatte ihn demnach nicht belogen. Merkwürdigerweise verzeichnete er dadurch eine Art Vertrauen. Ich vertraue einem Keks, sagte er sich in Gedanken und wäre fast in schallendes Lachen ausgebrochen.

Da saßen sie nun. Der Keks, der vorgab ein Stein zu sein und er. »In mir befindet sich ein Schriftstück«, sagte der Keks völlig unvermittelt.
»Ich hätte mich fast zu Tode erschrocken!«, zischte er zurück. Sein Blick glich zwei Lanzen, die auf den Keks ausgerichtet waren. Nun sah er ganz deutlich, wie der Keks mit ihm sprach.

Dennoch empfand er es als absolut eigenartig, sich mit einem Keks zu unterhalten. Ständig fuchtelte er mit einer Hand an seinem Mund herum, als würde er sich dort einen Krümel wegwischen. Niemand sollte sehen können, dass er sich tatsächlich mit einem Keks unterhielt.

»Wenn sich in dir ein Papier befindet, dann erkläre mir doch bitte einmal, wie ich daran gelangen könnte … sollte ich dich etwa mit einem Hammer zerschlagen oder wie stellst du dir das vor …«, sagte er merklich schnippisch in Richtung des Kekses.
»Man kann mich aufdrehen, du musst mich also nicht erschlagen«, entgegnete der Keks mit erkennbarem Trotz.
»Sei nicht gleich eingeschnappt, aber für mich ist es nicht einfach, sich mit einem Keks zu unterhalten.«
»Ich bin kein Keks, sondern ein Stein!«, empörte sich der Keks.

Misstrauisch, aber von innerer Neugierde geleitet, legte er sich den Keks auf die flache Innenhandfläche und fügte seine andere Hand mit leichtem Druck dagegen. Auf diese Weise ließ sich der Keks problemlos aufdrehen, als sei er eine kleine Dose. Dann hob er den oberen Teil achtsam ab und legte ihn fürsorglich neben das Unterteil auf seine Hand.

All das tat er mit einer grenzenlosen Hingabe bei größtmöglicher Rücksichtnahme. Am liebsten hätte er dabei einen Mundschutz getragen und medizinische Instrumente benutzt. Niemand warf ihm einen Blick zu und auch die Bedienung schenkte ihm keine sonderliche Beachtung. Der Keks und er waren für die übrigen Anwesenden genau so viel beziehungsweise so wenig vorhanden, wie es die anderen für ihn waren.

Er sah ein zusammengefaltetes Papier, tastete besonnen danach und nahm es schließlich heraus. Darauf las er eine Zahl. Mehr nicht. Kein Wort, kein Hinweis – nichts. Gerade noch sah er sich in Gedanken als Besitzer eines Schatzes von unermesslichem Wert, zumal er eine Schatzkarte zu bekommen erhoffte, doch seine Augen sahen lediglich eine Zahl.

Wieder schaute er sich um, warf unauffällige Blicke über seine Schultern und stellte fest, dass sich niemand für sein Treiben interessiert. Immerhin hätte er um ein Haar einer der bedeutendsten Menschen seiner Zeit werden können, wenn … aber nun hielt er bloß einen Zettel mit einer Zahl in der Hand.

Der Länge dieser Zahl nach zu urteilen handelte es sich um keinerlei geografische Koordinaten. Sein Traum von einem Schatz entpuppte sich somit als Seifenblase. Für die Seitenzahl eines Buches war diese Ziffer auch zu lang und das galt ebenso für die Angabe eines Kapitels und um eine Hausnummer konnte es sich ebenso wenig handeln.

Er musste herausfinden, was es mit dieser Zahl und der gesamten Angelegenheit auf sich hatte. Kurz entschlossen steckte er den Keks und den Zettel mit der Zahl ein, legte – so wie er es immer tat – Geld auf den Tisch, verabschiedete sich kopfnickend und ging nach Hause.

Dort setzte er sich an den Tisch in der Küche, legte das Papier mit der Ziffernfolge vor sich hin und starrte darauf. Meinetwegen könnte der Zettel jetzt sprechen, dachte er und überlegte verbissen, welches Geheimnis sich hinter dieser Zahl verbirgt.

Vielleicht handelt es sich dabei um ein Ergebnis zweier anderer Ziffern, die es zu errechnen gilt und die – jede für sich – doch letztlich zu einem Schatz führen. Er wollte sich allerdings nichts vormachen und war sich darüber bewusst, dass diese Art der Vorgehensweise keinerlei Fortschritt mit sich bringt.

Wahrscheinlich war die Lösung für jeden anderen klar erkennbar. Für ihn nicht. Gerade noch sah er sein Leben als problemloses Gefüge und nur einen einzigen Augenblick später strampelte er sich durch einen Sumpf voller unglaublicher Merkwürdigkeiten. Selbst wenn er all diesen Dingen den Rücken zukehren und sie ignorieren würde, zögen sie ihn wieder in seinen Bann, wie ein Magnet. Dessen war er sich sicher.

Er wähnte sich einer gewaltigen Macht verfallen, die er bis dahin noch nicht kannte. Die Nummer eines Bank- oder sonstigen Schließfaches konnte es auch nicht sein, überlegte er, dafür ist sie zu lang. Unzählige Gedankenfetzen sausten durch seinen Kopf und schienen ein Rennen gegen sich selbst auszutragen. Glückszahlen, Codes und Chiffren … alles flog in seinen Überlegungen hin und her, als wären es Gummibälle, die nicht an Schwung verlören.

Befremdend entwickelte sich auch diese Szenerie. Aus der skurrilen Unterhaltung mit dem Keks gestaltete sich nun ein konzentriertes Nachdenken, welches die Bedeutung einer mehrstelligen Zahl zum Vorschein bringen soll. Vielleicht korrespondiert die Quersumme doch mit einer Hausnummer oder mit der Startposition eines Rennpferdes oder, oder, oder? Im Grunde genommen wäre es völlig egal, auf was diese Nummer hindeutet, solange dadurch nicht der wahre Grund erkennbar wird.

Irgendjemandem war daran gelegen, dass er sich ernsthaft damit beschäftigt, um auf etwas zu stoßen. Er musste der Angelegenheit mehr Beachtung zukommen lassen.

Also summiert er: Die Zahl ist also mehrstellig, wurde maschinell geschrieben, ausgeschnitten, zusammengefaltet, in diesen Keks gelegt, zugeschraubt und anschließend wahrscheinlich unter hunderte anderer Kekse gemischt. Möglicherweise wurde ihm der Keks auch bloß zufällig serviert und hat mit ihm überhaupt nichts zu tun? Eventuell wurde er Opfer einer Verwechselung und besitzt nun die geheime Telefonnummer eines Mafiosos?

Und plötzlich glänzten seine Augen und er strahlte über das ganze Gesicht. Natürlich! Es ist eine Telefonnummer! Geradewegs wollte er nach seinem Telefon greifen, als ihn einige Gedanken davon abhielten. Was wusste er denn schon, wer oder was sich dort melden würde … nichts wusste er! So naiv kann doch nur einer sein und das bin ich, beschimpfte er sich lautstark.

Dass es sich bei dieser Zahl überhaupt um eine Telefonnummer handeln würde, war für ihn absolut sicher. Auch ärgerte er sich darüber, dass er nicht schon vorher darauf gestoßen war. Anstatt diese Zahl jetzt aber einfach in den Apparat zu tippen, um herauszufinden, wer sich am anderen Ende meldet, beziehungsweise klarzustellen, ob es sich bei dieser Zahl tatsächlich um eine Telefonnummer handelt, rätselte er nun herum, wer dahinter stecken könnte.

Aber was sollte ihm schon passieren? Schließlich würde er niemandem gegenüberstehen und somit wäre die Sicherheit stets auf seiner Seite.

Endlich fasste er Mut und hielt das Telefon in der einen und den Zettel mit der Nummer in der anderen Hand, gab die Zahlen bedächtig ein und ließ das Gerät dann arbeiten. Gleichzeitig hoffte er niemanden mehr zu stören, denn die Zeit war schon sehr weit fortgeschritten und letztlich siegte die Neugierde über alles.

Es läutete. Es handelte sich also um eine Telefonnummer. Jemand nimmt ab und sagt freundlich »Hallo«. Er kennt die Stimme und bebt innerlich. Es ist die nette Bedienung aus dem kleinen Café, in das er sich täglich einfindet. Sie freut sich unbändig ihn zu hören, denn sie war schon im Zweifel, ob er generell anrufen würde. Auch er war voller Freude, ihre Stimme außerhalb ihrer Arbeitsstelle zu hören.

Aufgrund seiner Neugier und der vielen Fragen, die er stellte, legte sie dann los und erzählte ihm, wie sie das alles eingefädelt hatte.

Unter dem Tisch im Café befindet sich ein Lautsprecher und da er sich immer an denselben Tisch setzt, konnte in dieser Hinsicht nichts schiefgehen. Alle anderen anwesenden Leute wurden kurz zuvor informiert, damit sie sich auch wirklich unbeteiligt verhalten. Den steinernen Keks habe sie in einem Spielzeugladen gefunden und konnte ihn per Fernbedienung so animieren, dass es wie ein sprechender Keks aussieht. Das alles hat sie etliche Male vorher geprobt und getestet, damit an dem Tage, an dem das alles passieren sollte, nichts mehr schiefgehen kann, denn sie habe sich unsterblich in ihn verliebt und will noch eine Menge von ihm erfahren.

Aber in erster Linie wollte sie ihn kennenlernen und würde ihn am liebsten umarmen, wenn es durch das Telefon möglich wäre.

Noch am selben Abend trafen sie sich und fielen sich in die Arme, denn auch er hatte sich in sie verliebt, doch besaß nie den Mut, ihr sein Herz zu öffnen.

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