Feed on
Posts
Comments

Der Glücksbringer

Der GlücksbringerSo wie er jeden Tag das Haus verließ, ging er auch an diesem Morgen schon sehr früh zur Arbeit und das tat er bereits seit etlichen Jahren.

Melvin war als Straßenkehrer der städtischen Betriebe beschäftigt und mit seinem Job sehr zufrieden. Auf ihn war Verlass und auch seine Pünktlichkeit war geradezu sprichwörtlich.

Ab und zu fand er auch Brauchbares. Manchmal lagen ein paar Geldmünzen zwischen den zerknüllten Schachteln, den Tüten und anderen Verpackungen, den teilweise noch halbvollen Pappbechern oder den mit Lippenstift verschmierten Zigarettenkippen und den leergetrunkenen, gläsernen Flachmännern.

Und das Münzgeld? Irgendjemandem war es herunter gefallen. Kleine Beträge waren es bloß. Keine Reichtümer. Wahrscheinlich stellten sie für den ehemaligen Eigentümer ein verschmerzbares Fehl dar. Melvin betrachtete es als eine Art Trinkgeld und steckte es ein. Seine Kollegen erzählten auch davon. Also passierten ihm die Funde nicht nur allein.

Die mit großen Scheinen randvoll gestopfte Sporttasche, als die, auf der Flucht verloren gegangene Beute eines spektakulären Bankraubs, war leider noch nie dabei. Davon träumten seine Kollegen auch oft.

Mit den Jahreszeiten wechselte auch das Vorkommen an Unrat und so verging die Zeit. Der Schnee folgte dem herabgefallenen Laub der Bäume und das löste den üblichen Staub und Schmutz ab. Die Leute warfen fast alles auf den Boden und er kehrte es ordentlich zusammen, sortierte es in Tonnen und die wurden zum Schichtende geleert.

So vergingen die Tage und so vergingen die Wochen. Das Zusammengekehrte landete über eine Schaufel im Abfall … doch was war das da eben. Münzen? Kleingeld? Irgendetwas blitzte und blinkte so ähnlich. Nun wurde er neugierig und erhoffte sich einen kleinen Betrag, den er wiederum als Trinkgeld in seine Hosentasche stecken würde.

Aber dieses Mal handelte es sich nicht um Groschen, sondern um einen runden Anhänger, der vielleicht von einer Halskette gerutscht war. Er schien nagelneu zu sein. Nicht ein Kratzer war daran zu sehen und aus Gold war er. Auf der Vorderseite ließ er lauter Glückssymbole erkennen und auf der Rückseite war die Gravur Viel Glück bei allem was du tust! zu lesen. Schwer war er und bestimmt nicht billig gewesen.

Möglicherweise wurde das Amulett gerade übergeben und angelegt, als es in nächtlicher Dunkelheit herunterfiel. Vielleicht wollte es der Besitzer am nächsten Tag bei Licht suchen und sich endlich daran erfreuen?

Melvin ereilt ein Gewissenskonflikt … schließlich könnte er das Amulett auch üblicherweise beim Fundbüro abgeben. Diejenige Person, die ursprünglich damit glücklich gemacht werden sollte, geht nun leer aus, denn Melvin will es partout behalten. Schon eine Weile suchte er nach einem passenden Präsent für den anstehenden Hochzeitstag mit seiner Frau Gerti und nun scheint er es mit dem Glücksbringer gefunden zu haben.

Um seiner Frau eine Riesenfreude bereiten zu können, beschloss er, gleich nach Feierabend bei einem Juwelier Halt zu machen, um eine angemessene Halskette zu erstehen. Das Amulett besaß den Durchmesser in der Größe einer Aprikose und zeigte sieben Symbole des Glücks. Sechs davon waren kreisförmig um ein Weiters angebracht, welches sich in der Mitte befand. Die Goldkette musste somit nicht nur elegant sein, sondern auch ausreichend stabil.

Mit dem Herzklopfen eines frisch Verliebten, traf er zu Hause ein, ging schnurgerade auf seine geliebte Frau zu und nahm sie zärtlich in den Arm. Da er sich in dieser Form täglich begrüßte, wenn er von der Arbeit nach Hause kam, ahnte sie nichts von dem, was anschließend geschah. Dann nämlich, überreichte er ihr sein Geschenk. Sie öffnete die kleine Schatulle, blickte hinein und sogleich kullerten Tränen der Freude über ihr hübsches Gesicht. Stolz las er ihr den eingravierten Text der Rückseite vor und ließ sie unentwegt glauben, dass alles seinen eigenen Ideen entsprach. Auch ließ er es sich nicht nehmen, ihr die Halskette mit dem Glücksbringer direkt umzulegen. Sie konnte ihn nicht aus den Augen lassen. Pausenlos nahm sie das talergroße Amulett in die Hand und bestaunte es mit großen Augen. So etwas Schönes hatte sie noch nie von ihm bekommen. Stellenweise hielt sie es kaum für möglich, doch alles entsprach der Wirklichkeit.

Mit einem Glas Wein endete der Abend, denn das Leben musste auch für Gerti und Melvin weiter gehen. Schon am kommenden Tag ereilte sie wieder das Einerlei und wie an jedem Morgen verließ er schon früh das Haus, um pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen.

Gerti kümmerte sich derweil um die Arbeit im Haushalt und plötzlich passierten dort die seltsamsten Missgeschicke. Die bereits seit vielen Jahren im Mittelteil des Schlafzimmerschranks vorhandene Kleiderstange, knickte unter einem gewaltigen Getöse ein und ließ sämtliche Mäntel, Jacken, Hosen und Röcke auf einen Haufen stürzen. Das Meiste davon musste erneut gebügelt werden.

Also geschah das, was immer getan wurde, wenn es etwas zu glätten gab. Ruckzuck stand das Bügelbrett parat, wurde auseinandergeklappt und das Plätteisen auf die jeweils erforderliche Temperatur gebracht. Doch dann bewegte sie sich ungeschickt und geriet mit dem Unterarm an die glühend heiße Sohle des Eisens. Als Melvin am Abend nach Hause kam und ihren verbundenen Unterarm sah, erschrak er. Sie erzählte ihm die Sache mit der zerbrochenen Kleiderstange und dass sie sich am Bügeleisen verbrannt habe.

Daraufhin verschwand das erste Symbol auf der Vorderseite des Medaillons, doch es fiel keinem der beiden auf. Es passierte geräuschlos und machte durch nichts auf sich aufmerksam.

Innerhalb der darauffolgenden Tage ereigneten sich eben solch merkwürdige Dinge, die noch nie zuvor in dieser Häufigkeit und Prägnanz passiert waren. Beispielsweise hing Gerti die frisch gewaschenen Gardinen wieder auf, fiel dabei von der kleinen Stehleiter, brach sich ein Bein und lief danach einige Zeit mit einem Gipsbein durch die Räume. Arbeiten und Handgriffe, die sie schon unzählige Male vollführte, entpuppten sich unfreiwilliger Weise als bösartige Aktion.

Beim Putzen und Portionieren von Gemüsen verletzte sie sich mit einem scharfen Messer in der Küche und beim Nähen stach sie sich mit einer Nadel übelst in den Finger. Fast jeden Tag wartete sie mit einem Verband, einem Pflaster oder zumindest mit einer Geschichte auf, deren Inhalt eine weitere Schreckensnachricht beinhaltete. Mal verletzte sie sich bei der Gartenarbeit und mal rutschte sie derart heftig auf der Kellertreppe aus, sodass sie mit dem Notarztwagen in die nächste Klinik gebracht und mit Verdacht auf Beckenbruch umgehend geröntgt wurde. Das Resultat war ein angebrochenes Becken.

Bei jedem ihrer Unfälle verschwand ein Symbol vom Anhänger, der ihr doch eigentlich Glück bringen sollte. Am Ende war nur noch das Zeichen in der Mitte der Medaille übrig und erst dann fiel es ihr auf. Als Melvin an diesem Tag nach Hause kam, berichtete sie ihm ihre Beobachtung und brachte die seltsamen Vorkommnisse damit in Verbindung. Sie schauten sich beide an und nickten still. Jeder sah dem anderen jedoch an, dass er so ganz und gar nicht mit den Zusammenhängen einverstanden war – keiner von ihnen war abergläubisch oder stand im Bund mit finsteren Mächten. Arglos taten sie es als Zufall ab.

Am nächsten Tag erschien er zwar pünktlich bei der Arbeit, doch er wirkte den ganzen Tag abwesend und sehr nachdenklich. Melvin sorgte sich mehr als sonst um das Wohlergehen seiner geliebten Frau … schließlich könnte die Sache nicht nur aus einer Reihe unglücklicher Zufälle bestehen.

Was wäre, wenn mit dem letzten Symbol des Glücksbringers ein noch größeres Unglück verbunden ist? Wenn sie eine lebenslange Peinigung ereilen würde oder gar dem Tod anheimfiele? Melvin stellte sich die Situation derart drastisch vor, dass er selbst erschrak.

Er musste zu ihr und sie von diesem Amulett befreien. Es war vielleicht ein Glücksbringer, aber ihr brachte er kein Glück.

Print Friendly, PDF & Email

Comments are closed.

%d Bloggern gefällt das:

Durch die weitere Nutzung der Seite wird der Verwendung von Cookies zugestimmt. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen