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Übergewicht ist ungesund – oder?Oftmals heißt es, dass Übergewichtige auf der Flucht vor wilden Tieren keine Chance gehabt hätten und unsere Vorfahren allein deshalb nicht mit Übergewicht belastet waren. Aber auch diejenigen, die nachweislich nicht an Übergewicht litten, wie zum Beispiel die Christen im Zirkus Maximus, belegten lediglich den zweiten Platz im Wettrennen gegen Löwen und Tiger. Zugegeben – heutzutage rennen wilde Tiere selten frei herum, aber gewappnet sollte man dennoch sein.

Das Skelett würde unnötig belastet und die Gelenke machten frühzeitig schlapp, leidet man an Übergewicht. Übergewicht sei nicht hygienisch, weil man beim täglichen Waschen nicht an alle Stellen käme, welche für gewisse Ausdünstungen zuständig seien, heißt es auch gerne. Andererseits werden diese atmenden Fleischberge bewundert wie ein Gott. Sie werden gemästet, in TV-Shows präsentiert und vorgeführt, wie ein Zirkusaffe. Kein Zuschauer käme jemals auf den Gedanken, sich in eine Sendung mit keuchenden und hüstelnden Lungenpatienten zu schalten.

Also scheint Übergewicht keine Krankheit zu sein.

Kreislauf, Herz und Knochenbruch sind doch die Anführer der Hitparade. Übergewicht jedenfalls nicht. Zu anderen Zeiten galt Übergewicht als Zeichen des Wohlstands und demonstrierte, dass man sich Nahrung leisten konnte. Noch in diesen Tagen bedeutet ein gewaltiger Leibesumfang bei vielen Naturvölkern dasselbe. Sich mit dem Einsammeln von Leergut befassen zu müssen, um den Erlös in eine Bratwurst zu investieren, war zu keiner Zeit nachahmenswert.

Jemand leidet an Übergewicht, sagt man, aber niemand leidet. Es wird reingehauen, was das Zeug hält und sich gemästet, bis die Position im Buch der Rekorde geknackt wird. So groß kann das Leid demnach nicht sein. Verspottet und missachtet werden BMI- und Modelmaße. Schon lange hat die Industrie den molligen Typ der Gattung XXXL für sich entdeckt. Damen wie Herren schreiten erdbebengleich über den durch Stahlträger verstärkten Catwalk. Sie präsentieren Mode – Mode für Mollige und darüber hinaus.

Dicke hungern sich nicht Kilo um Kilo ab, sie genießen das Leben satt.

Überall schießen förmlich Fitness-Studios aus dem Boden und die Bezeichnung XXL-Restaurant fand schon lange den Weg in unseren Alltag. Dicke – so sagt man – sind gemütlich, gesellig, lustig und kuschelig, wohingegen Dünne als aufgedreht bis quirlig, knochig-drahtig-sehnig, unstet und vorwitzig gelten. Umfragen fördern derlei zutage und infizieren die Meinungen der restlichen Bevölkerung.

Dicke lassen sich aufgrund ihres Gewichts mit Geld belohnen. Ihr Körpergewicht wird in Gold aufgewogen und gilt vielerorts als Richtmaß. Bei Dünnen ist nichts davon der Fall. Bei Alternativentscheidungen bekommt das Dicke stets den Vortritt. Es ist immer vom „dicken Geld“, vom „dicken Auto“ und vom „dicken Haus“ die Rede. Etwas Dünnes klingt dagegen erbärmlich, blass oder krank und macht sich darum dünne. Niemand will ein „dünnes Haus“, ein „dünnes Auto“ oder ein „dünnes Gehalt“.

Man ist dick im Geschäft!

Übergewicht ist ungesund – oder?Betrachtet man einen dünnen Metzger, so assoziiert das Gehirn nicht selten ein eher weniger gut gehendes Geschäft, als einen durchtrainierten Kerl. Hier scheint die Wurst irgendwie anders zu schmecken. Ebenso ist es mit fast allen Berufen, die sich kreuz und quer mit der Gastronomie, also mit dem Bewirten und dem Wohlergehen Dritter befasst. Es mag sich evtl. seltsam anfühlen, aber mit der Zunahme des Bauchumfangs, scheint ein gewisses Vertrauen gleichsam zu wachsen. Der vermeintlich kuschelige Charakter einer übergewichtigen Person vermittelt diese offensichtliche Atmosphäre der Vertraulichkeit. Auch körperfülligen Geistlichen wird nicht zuletzt daher vertraut.

Es mag sogar sein, dass des Betrachters Kopf die Leibesfülle mit mangelnd zu erreichender Geschwindigkeit kombiniert und daraus ableitet, dass Dicke nur deshalb vertraulicher zu sein hätten, weil sie sehr schlecht flüchten könnten. Sie haben genug an sich selbst zu tragen, das eigene Körpergewicht stellt sich als hinderlicher Ballast heraus. Die Dünnen haben es da erheblich besser, sagt man. Was dem Dünnen an Gewicht fehlt, schaufelt der Dicke schon zum Frühstück in sich hinein und schafft somit einen Ausgleich, sagt man.

Natürlich spielt die Lebensqualität eine nicht zu verachtende Rolle dabei. Besonders jedoch die Lebensqualität derer, deren Leben auf der Strecke bleibt. Dicke als Unfallverursacher, als Kinder- oder Tierschänder, als Einbrecher, Räuber oder Mörder, werden in der Rangliste nicht auf den vordersten Plätzen notiert. Vielleicht sind sie harmloser, weil sie satt sind.

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