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Winnetou und der SchierlingsbecherIn der Zukunft wird sich eine Retrospektive auf die momentane Zeit erheblich einfacher darstellen. Alles wird heutzutage dokumentiert, fotografiert und digitalisiert. Biometrik scheint das Zauberwort der Stunde zu sein und selbst subkutane Supporte finden Akzeptanz. Geburten, wie auch Todestage, werden minutengenau verzeichnet und Konterfeie existierender Zeitgenossen werden katalogisiert. Postume Spekulationen entlarven sich als überflüssig, zumal sich selbst die Datenbanken lokaler Redaktionen ergiebiger erweisen, als der schnatterhaft spekulative Klatsch früherer Epochen.

Würden die Chronologien eines Carl Friedrich May verloren gehen und stünde die tatsächliche Existenz eines Indianerhäuptlings namens Winnetou infrage, so besäße der Autor dieser Abenteuerromane, die er selbst gerne Reiseerinnerungen nannte, zumindest die Chance, als Philosoph zu gelten. Immerhin beschreibt der Autor Orte, Figuren und Begebenheiten derart lebensnah, dass sogar Fachleute von ihm lernen und sein Name allerorts Bekanntheit erwirtschaftete.

Winnetou und der SchierlingsbecherUnter dem Namen Karl May erfand der Autor somit weltbekannte Figuren, allen voran Winnetou und Old Shatterhand. Und auch den unaussprechlichen Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah ließ er auferstehen. Mit all diesen Charakteren machte er sich unsterblich, denn noch in diesen Tagen finden jährlich die Karl-May-Spiele in Bad Segeberg statt und lassen den Atem des Publikums stocken.

Indianer sehen aus wie Indianer und antike Philosophen sehen aus wie antike Philosophen. Jahrhundertelang.

Winnetou und der SchierlingsbecherEs ist ergo immerhin möglich, dass Personen früherer Tage gar nicht existierten und deren Existenz auf Erzählungen und Phantastereien beruht. Immerhin wurde das Dasein des Marco Polo mehrfach und zu Recht angezweifelt. Juristisch ausgedrückt hieße es „… aus Mangel an Beweisen…“. Mit „Rotkäppchen“ gehen selbst die Erzählungen des Auslands eigene Wege und den jungen Damen namens „Dornröschen“, „Schneewittchen“ und „Rosenrot“, wie auch einem gewissen „Aschenputtel“ schenken nur noch schläfrige Kinder Gehör.

Die Märchenfiguren der heutigen Kinderzimmer nennen sich „Ninja-Turtle“, „X-Man“ oder „Capt’n Sparrow“. Das „Kasperle“, „Peter Pan“ und selbst „Darth Vader“ wurden in Rente geschickt. Den Philosophen längst vergangener Epochen zu folgen, ist offensichtlich nur der Wunsch jener, deren eherner Held ein antiker MacGyver namens Odysseus ist und schier unglaubliche Abenteuer durchlebt, welche sich ein Karl May der Zeit vor der Geburt Christi namens Homer ausdachte, von dem mittlerweile ebenso viele Fachleute der Ansicht sind, dass er gar nicht existierte. Jedenfalls nicht als der, der selbst den Vorsokratikern voraus geht.

Eine Büste, ein Bart und ein Umhang: fertig ist der antike Philosoph.

Winnetou und der SchierlingsbecherHomers Existenz ist nirgendwo beurkundet, findet nirgendwo die Erwähnung, über die eine bedeutende Person verfügen sollte. Ebenso geht es vielen anderen Personen früherer Tage auch. Besonders betroffen sind dann jene, deren Lehren lediglich durch Schüler publiziert wurden und dazu gehört auch Sokrates. Mehr und mehr werden Zweifel ob seiner tatsächlichen Existenz als Philosoph laut, zumal Studenten mit dieser Person Vorlieb nehmen müssen. Xanthippe genießt als Synonym des zänkischen Weibes eine mindestens ebenbürtige Bekanntheit, wie der Herr des Hauses selbst, der Sokrates offensichtlich nie gewesen ist.

Winnetou und der SchierlingsbecherEin „Trinkfreudiger“, wäre er gewesen, notierte Platon später, „… doch betrunken sah man ihn nie.“ Auch hier rettet der feine Unterschied die Reputation. Ohne nun die Überzeugung mancher Denker überstrapazieren zu wollen, gediehe der Bausatz einer Spielpuppe aus der Schublade „Philosoph“ recht simpel und könnte mit den Attributen „Vollbart“ (diese Gesichtstracht hält bis zu Alexander dem Großen an), „Tribon“ (Gewand) und „Sandalen“ sowohl komplettiert als auch variiert werden.

Die alleinige Vorstellung, dass Sokrates, Karl May und Darth Vader ein und derselben Rasse abstammen, stellt allenfalls den Einfallsreichtum der Schöpfung zur Schau. Beweisen ließe sich ansonsten nichts.

Winnetou und der SchierlingsbecherPrähistorisches Leben in Form dagewesener Dinosaurier des Trias, des Jura und der Kreidezeit, entwickelten sich nach heutigem Wissen beileibe nicht so vielfältig, wie es noch zu früheren Zeiten gelehrt wurde. So wie auch der Mensch innerhalb eines Lebens diverse Entwicklungsstufen durchläuft, passiert es anderen Kreaturen ebenso. Die damit verbundenen Veränderungen der individuellen Strukturen innerhalb der jeweiligen Stadien (wie zum Beispiel der Pubertät), ändern nicht das Exemplar einer Gattung.

Winnetou und der SchierlingsbecherDiese Position wurde viele Jahre ignoriert und ebenso falsch weitergegeben. Knochenfunde von Sauriern, die keiner bisherigen Spezies glichen, erfüllten gerne die Voraussetzungen einer neu entdeckten Spezies, dennoch sie lediglich zum Skelett einer schon bekannten Art, jedoch eines bis dahin unbekannten Entwicklungsstadiums gehörten.

Winnetou und der SchierlingsbecherEs ist davon auszugehen, dass Personen wie Homer, Sokrates, Georg Lucas oder Karl May in ferner Zukunft ein und derselben Kategorie zugeordnet werden, selbst wenn sich in diesen Tagen noch dagegen gesträubt wird. Die Existenz der als amerikanische Ureinwohner bekannt gewordenen Indianer, bezeugt wohl kaum Winnetous tatsächliches Dasein. Und Ausgrabungen von Stadtmauern antiker Befestigungen, dienen ebenso wenig als Zeuge für weiland lebende Zeitgenossen.

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