Wie man es machtZwei Dinge werden weltweit gleich verstanden: Musik und Lachen. Die Musik beruht auf Noten, und die werden gespielt. Wie sie gespielt werden, gibt der Komponist schriftlich vor. Man sieht also sofort, ob das Stück langsam oder schnell, tragend oder freudig, laut oder leise gespielt werden muss. Sicher, die Voraussetzung ist hier das Notenlesen, aber dann klingt das Stück weltweit gleich.

Mit dem Lachen ist es ebenso. Lachen bekundet Freude, Frohsinn und Heiterkeit, wie auch Schabernack, Überlegenheit und List. Wem jetzt gar nicht zum Lachen zumute ist, weil er Liebeskummer hat und seiner Angebeteten ein paar Zeilen zukommen lassen will, steht vor einer recht komplizierten Sache. Niemand weiß nämlich, wie der andere, also der Leser, das Geschriebene oder Gedruckte liest und somit auffasst.

Als „Besonderes“ kann man den Liebesbrief betrachten. Er wird bestimmt von Hand geschrieben und damit fallen einige Attribute weg, die dem Gedruckten zur Verfügung stehen. Man schreibt nicht kursiv und auch nicht fett. Man kann ein Wort oder eine Passage unterstreichen, aber man kann nicht sicher sein, dass der Leser es so empfindet, wie man es selbst empfand, als man es schrieb.

Sehnsucht in Hülle und Fülle.

Auch werden Gefühle wie Sehnsucht, Gemeinsamkeit und Liebe oft auf der Strecke bleiben. Reden ist nicht Schreiben und ein gesprochenes Wort unterscheidet sich vom Geschriebenen erheblich. Einem Brief entnimmt man keinen Schluchzer des Autors und auch Wehleid steht maximal zwischen den Zeilen. Die Schrift, ob gedruckt oder per Hand verfasst, weist hier – im Gegensatz zur Notenschrift – erhebliche Defizite auf.

Man kann den Leser nicht anweisen einen bestimmten Satz so und so zu lesen, weil man ihn so und so geschrieben hat. In der Musik ist das möglich und dem Komponisten stehen genügend Zeichen zur Verfügung, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Die Bedienungsanleitung für einen Küchenmixer liest sich wahrscheinlich völlig anders, als ein Roman. Und ein formales Rundschreiben besitzt wohl kaum den Charakter einer persönlichen Ansichtskarte aus dem Urlaub.

All diese genannten Informationen auf schriftlicher Basis müssen jedoch gleich verstanden werden, also im Sinne des Absenders. Das ist nicht nur schwierig, sondern oftmals nicht umsetzbar, betrachtet man sich den Leser eines Liebesbriefs einmal genauer. Der Schreiber weiß keinesfalls im Voraus, wie seine offengelegten Gefühle beim Leser verstanden werden. Lacht sie/er darüber, oder empfindet sie/er ebenso? Landet der Brief im Müll, oder womöglich bei einer anderen Person? Eben. Woher soll man das wissen.

Man müsste Klavierspielen können.

Aus der Geschichte weiß man, dass Liebesbotschaften nicht selten in musikalischer Form dargeboten wurden und die Szene eines singenden, wie auch klampfezupfenden Troubadours unter einem Balkon ist uns allen bekannt. Auch in der heutigen Zeit schmachten die Hörer beim Klang einer gefühlvollen Ballade dahin, denken an den Partner oder halten ihn fest im Arm. Ein Gedicht aus eigener Feder vermag kaum, diese Wallung hervorzurufen und eine banale SMS geht oftmals am Thema vorbei.

Manchmal möchte man bloß die Stimme des Anderen hören und wäre schon glücklich. Aber wie soll man so etwas schreiben? Auch weiß man nie, in welcher Verfassung sich der Empfänger gerade befindet und man kann sich nicht darauf einstellen. Kommt dieser gerade voller Groll nach Hause, weil alle Ampeln auf Rot standen, der Chef mies drauf war und seinen Frust nach „unten“ weitergab, eine unerwartete Rechnung neben dem Liebesbrief in der Post lag? Sollen die erfüllten Zeilen jetzt aufmuntern?

Hinweise wie „Lies den Brief nur bei guter Laune“ helfen nicht weiter, denn man kann es nicht kontrollieren und der Tipp wäre vergebens. Selbst Schreibpausen lassen sich nicht darstellen. Wie soll man sich dokumentarisch verhalten, wenn es an der Türe klingelt, während man einen Liebesbrief verfasst? Steht dann im Brief „Moment – es klingelt gerade an der Türe“ und der Leser legt den Brief derweil aus der Hand? Wann darf er weiterlesen, wann ist man von der Türe wieder zurück und wer war da, war es wichtig usw.?!

Allein ist nicht einsam.

Man wird als Autor durch ein Klingeln an der Türe selbst aus der Situation gebracht und benötigt eine gewisse Zeit, sich der Atmosphäre wieder anzupassen. Aber wie will man das verhindern? Soll man sich abmelden, einschließen oder seine Umwelt ignorieren? Und wenn es wichtig ist? Auch das weiß man nicht vorher. Man reagiert demnach entsprechend. Und der Leser, der Empfänger dieses Liebesbriefs, kann der sich in „meine“ Lage versetzen? Soll und will er das überhaupt?

Soll er mitfühlen, sich ebenso quälen und leiden? Das wäre dann Mitgefühl, Folter und Mitleid. Will man das erreichen? Den anderen genauso weinend und verzweifelt sehen? Eigentlich soll er doch glücklich sein und bester Dinge. Andererseits soll er „mich“ aber auch verstehen und das lässt sich nur über das Gefühl erreichen. Denn nur dann verstünde der andere die Situation, denkt und fühlt mit und verstünde jeden Satz so, wie er geschrieben steht.

Den TV-Leuten ist das bekannt und nach einer Werbepause wird der Zuschauer an die momentane Situation, durch wiederholen schon vergangener Sekunden herangeführt. Der Werbeschnitt erhält sozusagen ein Pflaster. Das ist Film, aber in einem Brief gibt es weder Bilder noch Klang. Da stehen lediglich Worte, und die könnten falsch verstanden werden. Beabsichtigt oder unbeabsichtigt, das sei dahingestellt.

Unsicherheit nagt von innen.

Wer eine CD erwirbt, will sie auch anhören und wer eine DVD ausleiht bzw. kauft, schaut ebenso hinein. Dafür hat man schließlich bezahlt und wer sich ein Buch kauft, liest es sicher auch. Wer eine Zeitung kauft, liest sie vielleicht, bestimmen kann man es nicht. Bei Webseiten ist es ebenso. Wie oft eine Webseite aufgerufen wurde, zeigt der Counter. Wurde der Inhalt auch gelesen? Eben. Das kann man nicht wissen, man steht nicht daneben.

Wer gibt dem Autor eines Liebesbriefes dann die Gewissheit, ob dieser auch gelesen wird? Niemand. Es ist demnach möglich, dass sich jemand stundenlang durch Zeilen und Formulierungen hangelt und das Ganze letztlich irgendwo und ungeöffnet vermodert? So kann es passieren. Allein der Gedanke, dass dieses oder jenes Wort völlig falsch interpretiert werden kann, ist zum Haarraufen.

Dann lädt man die Angebetete in eine Talkshow ein, empfängt sie mit einem Strauß Rosen, gesteht ihr vor einem Millionenpublikum seine Liebe und kniet vor ihr nieder, wenn es um den unvermeintlichen Heiratsantrag geht. Dort kann man frei sprechen, sie hört die Worte direkt, welche sonst eher schleppend zu Papier gebracht werden müssten. Sie schaut in ein feuchtes Gesicht, erblickt die zuckenden Mundwinkel, die kaum noch ein klares Wort auszusprechen in der Lage sind und sie fühlt mit. Oder sie nimmt die Einladung nicht wahr und bleibt einfach zuhause.

Schlagwörter: , , , , , ,
Hinterlasse einen Kommentar

Du musst eingeloggt sein um einen Kommentar zu hinterlassen. Anmelden »



„Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.“
Mark Twain (1835-1910), eigentl. Samuel Langhorne Clemens, amerik. Schriftsteller