FerngesteuertIrgendetwas war anders als sonst. Bloß was? Was war es? Er wachte auf und spürte eine Veränderung, aber er konnte nichts feststellen. Also begann er den Tag so, wie er jeden Tag startete und ging in die Küche, um die Kaffeemaschine zu bestücken. Bevor er die Wohnung verließ, trank er zuhause noch eine große Tasse Kaffee und ging danach ins Bad. Zuhause ist es auf dem Klo irgendwie anders. Da weiß man wer zu letzt drauf war und ist gewohnter Umgebung. Hier hat alles seinen Platz und man muss niemanden nach irgendetwas fragen.

Wasser in den Tank, eine Filtertüte und vier gehäufte Löffel kommen dann rein. Er machte den Kaffee noch so, wie man es ihm beibrachte. Diese Espresso- und Latte-macchiato-Maschinen wären wohl recht praktisch, aber nichts für ihn. Jetzt nur noch auf den Knopf drücken und der Rest passiert von allein. Es sind immer dieselben Handgriffe, die er macht. Während der Kaffee durchläuft, geht er ins Bad und schaut wie jeden Morgen in den Spiegel. Jetzt erst sieht er das, was ihn beim Erwachen schon irritierte: Sein Unterkiefer war aus Metal.

Wie konnte so etwas passieren, wie – zum Henker – ist das geschehen und bestimmt ist das ein Traum. Aber es war kein Traum, sein Unterkiefer war tatsächlich aus Stahl. Er versuchte zu sprechen und griff nach einem Buch aus dem Regal, irgendeines, völlig egal. Er schlug es irgendwo auf und las laut vor, was seine Augen ihm diktierten aber seine Ohren vernahmen einen völlig anderen Text. Das kann nicht sein, er versuchte es erneut, doch das Resultat war dasselbe. Er las etwas laut vor, doch sein Mund brachte andere Laute hervor, wie er selbst hörte.

Er stellte sich vor den Spiegel, um selbst zu verfolgen, wie etwas völlig anderes aus ihm herauskam als das, was seine Augen sahen und er es letztlich laut vorlas. Seine Ohren hörten das, was er sagte und seine Augen sahen das, was er glaubte laut vorzulesen. Es war so, als befände er sich in zwei verschiedenen Welten zur gleichen Zeit. So konnte er auf gar keinen Fall das Haus verlassen. Er griff zum Telefon und rief seinen Bruder an, um ihn zu bitten, schnellstens zu ihm zu eilen. Es klingelte und sein Bruder nahm ab. „Komm her, komm schnell her!“ wollte er sagen, aber seine Ohren hörten einen anderen Text. Auch klang seine Stimme plötzlich anders und sein Bruder erkannte nicht, wer sich am anderen Ende der Leitung befand. Er hielt es für einen dieser Streiche, die sich Kinder manchmal erlauben und legte auf.

Da stand er nun. Fassungslos, regungslos, schockiert und ohne einen konkreten Plan. Was wäre, wenn er in der Firma anruft und plötzlich etwas anderes sagt, als er eigentlich sagen will? Womöglich beleidigt er noch jemanden. Ziellos irrte er in seiner Wohnung von einem Zimmer zum nächsten. „Essen und Trinken“ schoss es ihm durch den Kopf „wenn das klappt…“! Er beeilte sich in die Küche, nahm ein Glas aus dem Schrank und hielt es unter den Wasserstrahl. Hastig führte er es zum Mund und trank. Es roch nach Wasser und es schmeckte nach Wasser.

Er stieß einen Schrei aus. Einen Schrei der Erlösung oder so, als ob er etwas Wertvolles gewonnen hätte. „Gut“ dachte er „wenn das mit dem Trinken passt, dann könnte es mit dem Essen auch klappen“. „Irgendwo reinbeißen“ waren seine Gedanken „ich muss jetzt einfach irgendwo reinbeißen“ marschierte es in seinem Kopf. „Es musste doch irgendwo etwas zum reinbeißen und essen da sein und wenn es ein alter Lappen wäre“ fluchte er gedanklich. Seine Ohren nahmen währenddessen völlig andere Geräusche wahr. Er schien etwas zu sagen und das war nicht das, was er dachte. Aber was sagte er. Während er dachte, hört er seinen Gedanken, aber nicht seinen Ohren zu. Er musste aufhören zu denken, um sich auf das Hörbare zu konzentrieren.

Er wusste nicht, wann er etwas Neues sagen würde und eilte wieder ins Badezimmer vor den Spiegel. Dort schaute er sich zu und staunte mit weit aufgerissenen Augen, dass nun auch sein Oberkiefer und die Nase aus Metal geworden waren. Von dieser Verwandlung hat er nichts gespürt. Es ist einfach so passiert. Es hätte also auch passieren können, wenn er in die Firma gegangen wäre oder wenn sein Bruder da gewesen wäre. „Die Zunge!“ dachte er „was ist mit meiner Zunge“? Er sperrte den Mund auf und sah sich seine Zunge an. Seltsamerweise konnte er die Muskeln selbst aktivieren, die das Öffnen des Mundes zuließen. Er schaute immer noch wie gebannt auf seine Zunge und wurde Zeuge, wie sie sich auch ganz langsam zu einem metallischen Gegenstand mit schier unendlich vielen kleine Gelenken verwandelte.

Wer oder was steckt dahinter und was will damit bezweckt werden? Noch immer wusste er nicht was er sagte. Ob er mit diesem metallenen Mund überhaupt etwas essen, geschweige schmecken kann, war ihm momentan völlig egal. Er beobachtete sich vor dem Spiegel und wartete auf dem Moment, indem er etwas sagte. Plötzlich nahm er einen kaum merklichen Impuls in der rechten Schläfengegend wahr. Hätte er sich nicht derart konzentriert und würde auf etwas warten, wäre ihm dieses Minimalsignal sicher entgangen. Sein Mund öffnete sich und er sagte „Dafür!“ Mehr nicht. Dann ging der Mund wieder zu. Dieses Signal, dieser Impuls oder was auch immer es war, spürte er nur ein einziges Mal und das wäre im täglichen Trubel untergegangen.

Er musste sich weiter konzentrieren, nicht eigenes denken und sich kopfmäßig von allem lösen. Im Millisekundenbereich jagten Gedanken durch seinen Kopf. „Ein Glück, dass ich nicht verliebt bin“ und „ein Glück, dass ich keine Kinder habe“ und ein Glück, dass ich keine Sorgen habe“ und plötzlich war es wieder da, das Signal, der kaum spürbare Impuls. Wieder genau an derselben stelle wie vorher. Er starrte wie gelähmt in den Spiegel und sah, wie sich sein Mund wieder langsam öffnete und er das Wort „Dagegen“ sprach. Wie die Worte einer Abstimmung. Dafür oder dagegen. Also muss noch die Enthaltung kommen. Aber vielleicht wird sie nicht gesprochen. Man enthält sich einfach und ist still. Wer war der Absender der beiden Worte? Es musste der sein, der auch den Impuls sendet.

Plötzlich wachten alle anderen Mensch überall auf der Welt auf und ihre Kiefer und ihre Zunge waren aus Metal. Sie waren entweder alle „dafür“ oder alle „dagegen“, wie auf Knopfdruck. Und wer gab den Impuls?

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„Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.“
Mark Twain (1835-1910), eigentl. Samuel Langhorne Clemens, amerik. Schriftsteller