PatchworkSie ging stramm auf die 25 zu und merkte, dass da noch mehr war, als ihre beiden Kinder, die sie mittlerweile allein erzog. Er war schon vor Jahren gegangen. „Schnauze voll“ meinte er und „bin nicht zum Vater geeignet“ setzte er noch nach. Und dann packte er sein Bündel und ging einfach, ohne sich umzudrehen. Da stand sie nun mit den damals noch ganz kleinen Kindern. Keiner weiß wo er steckt, er hat sich nie mehr gemeldet. Sein Geist, oder zumindest ein Teil davon, schien dort geblieben zu sein. Sie konnte ihn nicht sehen, aber es roch immer noch nach ihm.

Keine Karte, kein Anruf, nichts. Ab und zu dachte sie an ihn. In den Abendstunden besonders. Dann fehlte er ihr. Seine Schulter, an die sie sich anlehnen konnte und dieser eigenartig süßliche Geruch seiner Achseln. All diese Dinge fehlten und wurden nicht ersetzt.

Ein Tag verlief gleich eines anderen. Aufstehen, Frühstück machen, die Kinder zur Schule bringen, die Bude aufräumen, einkaufen und das Essen kochen, damit die Kinder was Warmes haben, wenn sie aus der Schule kommen. Danach werden Hausaufgaben gemacht und dann hat man wieder etwas Zeit für sich, wenn der Nachwuchs zum Spielen nach draußen geht.

Neue Kissen gibt es jetzt in dem kleinen Laden gegenüber. Ein bisschen wohnlich möchte man es haben und das Geld reicht gerade so eben, für ein paar neue Kissen. Dafür spart sie beim Friseur, das macht eine Bekannte und die ist mit Kleingeld zufrieden. Man schraubt mit der Zeit die Ansprüche runter und ist mit weniger zufrieden. Auch in partnerschaftlichen Dingen drehen die Uhren anders. Da ist keiner, der das Bett schon anwärmt oder später erscheint. Mit dem man einschläft und mit dem man aufwacht. Ein unrasiertes aber liebenswertes Gesicht, dem man einen dicken Kuss geben will.

Am Sonntagmorgen kommen die Kinder mal ins große Bett zum Kuscheln. Das ist toll, aber es ersetzt keinen Partner. Das eine Kuscheln hat mit dem anderen nichts zu tun. In ihren Armen hält sie dann das ganze Leben. Was will sie noch? Sie hat sich und zwei Kinder. Jeder ist gesund und arm ist sie nicht. Sie ist auch nicht reich, sie besitzt das Nötigste, aber sie hat diese Schulter nicht mehr, die ihr so fehlt. Zigmal hat sie sich nächtens gedreht und gewunden und sich eine Schulter herangesehnt, um sich einfach an sie zu schmiegen. Ihren Kopf hat sie fest daran gelehnt in ihn fast hereingebohrt.

Eins sein mit der Person, der diese Schulter gehört, das war ihr Wunsch und oftmals hatte sie das Gefühl, man würde es ihr ansehen. „Junge Frau sucht starke Schulter!“ stünde ihr auf der Stirn tätowiert, so glaubte sie ab und zu, wäre es der Fall. Sie kontrollierte es vor einem Spiegel und war einerseits erleichtert, dass es nicht so war und andererseits enttäuscht, dass es wirklich so war und niemand weit und breit sah, was ihr tatsächlich fehlte.

Ihre Kinder waren nicht allein und fühlten sich auch ohne einen Mann im Haus nicht unvollständig. Es ist wohl die Gewohnheit, die Erfahrung und sicher auch das Alter, was hier die Regeln aufstellt. Kinder lernen schnell, sagt man. Man sagt aber auch, dass es nicht gut ist, wenn der Mensch alleine ist. Sie war keine Frau für eine Nacht oder ein flüchtiges Abenteuer, welches sich nicht einmal 10 Minuten in der Erinnerung hält. Sie hielt sich nicht etwas für etwas Besonderes oder gab sich zickig, nein, sie dachte über gewisse Dinge recht konservativ nach und lebte schließlich nach diesen Werten. Für sie bedeuteten Worte wie Verantwortung und solche Sachen noch was. Das war ihre Welt und darin fühlte sich alles gut an.

Figürlich hatte sie an sich nichts auszusetzen. Nichts war schlaffer als vor den Schwangerschaften und nichts hing, was nicht auch schon vorher gegangen hat. Die beiden Geburten hinterließen keine Hürden, die nicht zu nehmen wären und doch spürte sie ständig irgendwas in sich, was sich gegen dieses Einerlei wehrte und dem wollte sie sich keineswegs kampflos ergeben. Unvorstellbar schien ihr der Gedanke, für immer nur Mutter sein zu müssen und dass das Leben schon an ihr vorbei gegangen wäre, ohne sie zu bedenken. Das ist so wie Weihnachten ohne Geschenke oder als ob man sich wochenlang auf ein Konzert freut und plötzlich wird es abgesagt. Man bricht in sich zusammen und kommt sich hohl vor. Einem Luftballon, dem man die Luft raus lässt und ihn im Zimmer umhersausen sieht, müsste es ähnlich gehen.

Sie gönnte sich einen Moment der Ruhe, setzte sich in der Küche an den Tisch, trank eine Tasse Kaffee und zog tief und versonnen an ihrer Zigarette. Und dann stand er da. Breite Schultern hatte er und jede seiner Hände hielt die Hand eines seiner Beiden fest. Dann wären es 4. Vier Kinder und zwei Erwachsene in dieser kleinen Wohnung? Sie öffnete ihre Augen wieder, die nur den Bruchteil einer Sekunde schlafen wollten und war klaren Geistes. Sie saß immer noch am Tisch in der Küche, trank in Ruhe eine Tasse Kaffee und zog an der Zigarette. Es roch nicht nur nach Rauch, sondern wieder nach ihm.

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„Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.“
Mark Twain (1835-1910), eigentl. Samuel Langhorne Clemens, amerik. Schriftsteller