Die bunte Welt der RückspiegelBabys haben keine Käse-Füße, die bekommt man erst viel später. Hätten Babys jedoch stark schwitzende und unangenehm riechende Zehenhalter, würde niemand ihre Schühchen an den Rückspiegel eines Autos befestigen. Obwohl es den eigenen Eltern wahrscheinlich nicht auffiele und man sich zur Not mit einem Frischebäumchen behelfen könnte, der ebenfalls am inneren Rückspiegel baumelt. Zum Glück kam bisher noch niemand auf die Idee, die erste vollgeknödelte Windel als Sichteinschränkung an den Rückspiegel zu hängen.

Wer nun kinderlos ist und sich nicht zur ewigen Erinnerung die ersten Treterchen des Nachwuchses an den Spiegel knoten kann, greift auf andere Dinge zurück. In der Beliebtheitsskala stehen Würfel weit oben. Passend zur Lackierung des Gefährts, oder zur Augen- oder momentanen Haarfarbe der Beifahrerin, findet der Asphaltjünger sie sortiert in den Regalen.

Diese Gehängebamsel an den Rückspiegeln der Autos sollen Glück bringen. Es sind demnach Glücksbringer, manche sagen dazu Götzen. Demzufolge leistet ein paar Babyschuhe Götzendienst. Kommt es dann zum frontalen Auffahrunfall während einer beschwingten Geisterfahrt, hat der Glücksbringer komplett versagt. Das dazugehörige Kind ist ohnehin schon an der Uni und macht sich um ehemaliges Schuhwerk kaum Gedanken.

Nicht nur dem medizinalen Studiosus, sondern auch allen anderen morbiden Wegwerfverweigerern, stehen Skelette im Miniformat zur Verfügung, die dann bei jeder Kurve eine bombastische Schräglage einnehmen. Schaut man den Knochenexhibitionisten länger zu, nimmt der Rückspiegel samt dazugehörigem Gefährt ebenfalls einen bedenklichen Neigungswinkel an.

Zur Personenrettung dringend benötigte Utensilien, falls es tatsächlich mal zum Crash kommt, entdeckt das Auge des Betrachters so gut wie nie. Nothämmer und Sägen, Bolzenschneider und Warndreiecke, sowie andere nützliche Gegenstände, werden nicht am Rückspiegel befestigt. Hier werden Handlungs- und Aufklärungsbedarf erkennbar. Noch nicht einmal ein Schweizer Messer liegt griffbereit herum. Stattdessen hat man den Rückspiegel mittlerweile mit einer durchgehenden und rostfreien Schraube, wegen der ständig zunehmenden zu tragenden Last, an der Windschutzscheibe des Benzinschluckers befestigt.

Selbst die flüchtig von Schnee und Eis befreiten Scheiben des Winters, bieten mehr optischen Durchlass, als die, einer öffentlichen Müllhalde gleichenden Rückspiegel mancher Rostlauben. Oftmals fühlt man sich an den Arm eines Wolfgang Petry erinnert, an dem unzählige Freundschaftsbändchen ihr wahrscheinlich geruchintensives Dasein fristeten.

Der immer weiter nach vorne gerückte Fahrersitz deutet es an: Hier wird das Auge in verkehrstechnischer Hinsicht nicht mehr fündig. Die Pupille des Fahrers leistet innen den gleichen Dienst, wie die Wischer außen.

Dieser Trend hält schon lange an und findet nun auch Nachahmer. So hängen z. B. Piloten einer Verkehrsmaschine den BH der Stewardess an den Spiegel, die nicht schnell genug die Hotelzimmertüre verschließen konnte. Linienbusfahrer befestigen an den Rückspiegel gerne Liegengebliebenes. Skateboards und Zelte, Rucksäcke mit und ohne Wanderkarte, Taucherflossen und Falschgeld, tütenweise Rauschgift und Lektüren aller Art, findet man schnell und der Aushang erscheint sortentreu und übersichtlich. Selbst von der Straße aus können sich Besitzer über den Verbleib ihrer Gegenstände kostenlos informieren, gottlob ist Glas durchsichtig. Auch Straßen- und U-Bahnen haben sich dem Treiben angeschlossen und bieten diesen Schaufenstereffekt. Suizidambitionierte Aufsgleisspringer schätzt man als Gaffer ein, denn die ansonsten aktiven Fundbüros werden nun anderweitig genutzt und das Inerfahrungbringen des Aufenthaltsortes evtl. vergessener Fallschirme, hat sich für vorzeitig in Rente geschickte Freizeitdetektive, als lukratives Zubrot entpuppt.

In den heimischen vier Wänden stehen, mit Gittern versehene Behausungen, in denen gefiederte Freunde der Gattungen Wellenvogel und Kanariensittich lebenslänglich gefangen gehalten werden. Auch hier hängt man Dinge rein, die ein Vogel täglich benötigt und daher stets griffbereit haben muss. Selbstverständlich sind diese Maßnahmen ein Abbild der natürlichen Umgebung dieser Lebewesen und ein Spiegel muss somit im Käfig platziert werden.

Auch Kolben von Hirse, Mais und Sonnenblumenplantagen, bringt man dem Piepmatz näher, Stalaktitenartig hängen diese Kolben dann in den Käfigen, bis sie nicht mehr gebraucht werden. Genauso wie die ersten Treter des ersten Babys im ersten Auto mit dem ersten Partner, bevor man die erste eigene Wohnung bezog.

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„Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.“
Mark Twain (1835-1910), eigentl. Samuel Langhorne Clemens, amerik. Schriftsteller