Goethes erste WorteDas Leben eines jeden Menschen beginnt mit seiner Geburt. Ab diesem Moment lernt der Neuankömmling dazu und jede Sekunde ist ein Gewinn. Irgendwann sagt dieser frische Erdenbürger die ersten Worte und die lauten nicht immer „Mama“ oder „Papa“. Die Erinnerung an die ersten Worte des Nachwuchses bleibt selten erhalten. Die letzten Worte sind es, die in die Geschichte eingehen und man hat sich offensichtlich daran gewöhnt.

Festzuhalten gilt es zunächst, dass es sich im Laufe eines Lebens um ein und denselben Menschen handelt. Dieser wird zwar größer und mit jedem Gongschlag älter, aber es bleibt immer derselbe Mensch. Dass seine Ansichten wechseln und seine Neigungen ebenso mit der Persönlichkeitsbildung einhergehen werden ist vorauszusetzen. Das Bewusstsein und die Begabung sind jene Gründe, welche den neugeborenen Menschen daran hindern, etwas so zu sagen, sodass es im Sinne einer Kommunikation verständlich wäre. Da die jeweilige Umgebung allerdings nicht versteht, was das jüngste Familienmitglied mitzuteilen hat und es als ungeordnetes und unverständliches Gebrabbel abtut, interessiert man sich seit jeher schon nicht dafür. Ebenso blieb dann für immer verborgen, welche unwiederbringlichen Tipps auch dabei gewesen sein konnten.

Welche „letzte Worte“ von einem Menschen mit großer Popularität hinterlassen wurden, ist von einigen Persönlichkeiten für die Geschichte erhalten worden. So sollen die letzten Worte des Johann Wolfgang von Goethe „mehr Licht“ gewesen sein. Aber welche Worte waren seine ersten? Seinerzeit ahnte noch niemand, dass aus diesem Schreihals einmal jener Goethe wird, der als Dichterfürst in die Analen eingeht und man Institute und Denkmäler für ihn errichtet, beziehungsweise nach ihm benennt. Aber mit jeder anderen Persönlichkeit verhält es sich ebenso.

Kleinkindern traut man nichts zu, man vertraut ihnen nicht und was auch immer sie sagen, man versteht es äußerst miserabel. Ungeachtet der Tatsache, dass Albert Einstein ein lausiger Mathematikschüler war, hätte er als Kleinkind die verrücktesten Formeln oder Theorien vor sich hin brabbeln können, man hätte weder entsprechend beachtet, geschweige gewürdigt, noch verstanden.

Epochale Erfindungen existierten vielleicht schon erheblich früher, als es den Büchern zu entnehmen ist und der jeweiligen Zuordnung einer vermeintlich erfinderischen Person sollte mit gesundem Kritikverständnis begegnet werden. Das Rad könnte demnach schon zeitiger gerollt sein und vielleicht waren Pferde doch nicht die ersten Tiere, welche der Mensch zum Reiten auserkoren hatte. Vielleicht trat ein Frühaufsteher der Steinzeit unbeabsichtigt das tatsächlich erste Feuer aus, weil er sich in einem Albtraum glaubte und womöglich gab es schon vor der Begegnung zwischen David und Goliath diese gewieften Steinschleudern. Aber man hatte sie der Gefährlichkeit wegen verboten und sie gerieten dadurch in allgemeine Vergessenheit.

Oft ist es so, dass Schreiben und Lesen nicht mit dem Beginn des Sprechens synchron verläuft. Kinder sprechen schon viele Jahre vor der Einschulung. Und worüber sprechen sie? Hier ist ein Defizit an Aufmerksamkeit seitens der Erziehungsberechtigten erkennbar; hier zeigen sich Lücken der personellen Aufsichtspflicht und hier wird die Notwendigkeit zur Erfindung des Siebs erkennbar. Selbst Einzelkinder suchen einen Gesprächspartner gleichen Alters und plaudern unbedacht drauflos. Der milchzahnige Zuhörer schnappt etwas auf, wiederholt es naiv im elterlichen Beisein und schon wechselt ein genialer Gedanke den Besitzer. Handbewegungen und Rumpfbeugen dienen der Einmaligkeit eines Künstlers und verlieren schon beim Anblick eines Sandkastens ihre Bedeutung, wenn sie unerlaubt von Spielkameraden imitiert werden.

Die postnatale Erkenntnis plus der damit verbundenen Stimmungsschwankung beim Säugling sind bisher völlig unvollständig erforschte Gebiete und die Chance, dass sich Kleinkinder einer Geheimsprache bedienen, steigt daher immens. Auch wurde – aufgrund unterschiedlicher kultureller Bedingungen – die Zeichensprache bei Kleinkindern gänzlich unterbunden, indem man sie ganzkörperlich einwickelte, was eine partielle Bewegung unmöglich machte und somit keinerlei Geheimbotschaften ausgetauscht werden konnten.

Wer hier den Anfang als Gegenteil eines Endes betrachtet, wird dazulernen, dass das Ende lediglich eine Weiterführung von Angefangenem sein kann und die ersten Worte keinesfalls ein Gegenteil etwaiger letzter Worte bedeutet. Am Beispiel Goethes und seiner letzten Worte, wäre als Antipart „mehr Dunkelheit“ oder „Finsternis“ zu dokumentieren, und das ist nicht der Fall. Unabhängig des Alters einer Person müsste sie sich, in der Stunde ihres Todes, an die ersten Worte erinnern, um als letzte Worte das Gegenteil dessen zu hinterlassen?

Oftmals geraten Menschen in eine brenzliche Situation, die sich in den Geschichtsbüchern als „aussichtslos“ entpuppt und „letzte Worte“ hinterlässt. Wer denkt in diesen verzwickten Lagen an seine Kindheit? Überdies muss man der Person uneingeschränkt vertrauen können, welche die „ersten Worte“ inne hat und dem Planer der „letzten Worte“ verbal und fehlerfrei überliefert. Kommt es schon dann zu Bruchstellen, ist auch das „letzte Wort“ nicht stimmig, wenn es das Gegenteil des ersten zu sein hätte. Sprachen, Dialekte und individuelle Eigenheiten lassen gerne etwas völlig anderes entstehen, als es ursprünglich geplant, bzw. gesprochen wurde.

Übertrüge man dieses Verhalten in sportive Veranstaltungen, wäre lediglich der Zieleinlauf von Interesse; der Beginn kaum, oder gar nicht. Ein verpatzter Start bliebe demnach völlig unbeachtet, zumal sich alle erdenklichen Momente auf das Ziel konzentrieren. Es wäre wie ein Bild, welches entstand, ohne dass des Künstlers Pinsel je die Leinwand berührte. Ein Fluss, der quer durchs Land zöge und Wiesen und Felder mit Wasser speist, doch nirgendwo eine Quelle besäße. Ein Mensch, dessen Leben zwar vorhanden ist, er aber nie geboren wurde.

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„Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.“
Mark Twain (1835-1910), eigentl. Samuel Langhorne Clemens, amerik. Schriftsteller