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Schlurche - Bilder aus der TiefeRuhe herrschte, als Professor Seltsam zur Türe hereinkam. Er legte seine lederne Aktenmappe, die man ihm zu seinem 50. Dienstjubiläum überreichte und er sie seither stets unter dem Arm trug, behutsam auf das Pult. Noch wusste niemand, dass sich in dieser Aktenmappe die bisher einzigen Bilder der extrem scheuen und äußerst seltenen Schlurche befanden.

Weit länger als zwei Wochen dauerte seine Expedition diesmal und ohne einen Beleg für die bisher unbewiesene Existent der Schlurche, wollte Professor Seltsam nicht wiederkommen, ließ er in einem Pressebericht verlauten. Eng war es in diesem Unterseeboot namens Helga. Den Namen wählte Seltsam zu Ehren und zum Gedenken an seine erst unlängst verstorbene Stubenfliege aus.

Immerhin plante Professor Seltsam diese Unterwasserexpedition schon seit einiger Zeit. Drei Wochenenden gingen dabei hin und obendrein finanzierte er das Abenteuer zu eigenen Lasten. Wie weit in die alles verschlingende Tiefe wird er vordringen müssen? Schlurche, so wusste er, bevorzugen die abgelegensten und schlecht erreichbaren Winkel der Ozeane. Dort, wohin sich noch kein menschliches Wesen zu bewegen wagte, fanden Schlurche schon seit jeher ihren Lebensraum. Davon war Professor Seltsam überzeugt und dafür würde er – wenn es sein müsste – auch Helga opfern.

In diesen Tiefen zu leben ist nach menschlichen Maßstäben undenkbar. Dunkelheit herrscht hier vor und es ändert sich nie. Tag und Nacht verschmelzen zu einem Zeitablauf, der durch nichts unterbrochen wird. Die hier existierenden Wesen kennen kein Licht. Viele dieser Tiere sind daher blind, weil die Natur keinen Sinn verfolgen würde, wären sie mit Augenlicht auszustatten. Nicht zuletzt schauen viele dieser Exemplare darum auch sehr skurril aus. Eine große Anzahl dieser Geschöpfe besitzt eine eigentümliche Form und trotz der ewigen Finsternis weisen viele Wesen eine grelle Farbe auf, dennoch es der ewigen Nacht der Tiefe völlig egal wäre, wie sie dort erscheinen.

In ihrer etliche Millionen von Jahre dauernden Evolution entledigten sich die Schlurche ihrer Äußerlichkeiten gänzlich und wurden für das menschliche Auge unsichtbar. Professor Seltsam wusste es und schon deshalb war das Erbringen eines Beweises, ob der Existenz der Schlurche, von maximaler Wichtigkeit. Somit war die Expedition ständig in Probleme eingewickelt.

Auch war bis dahin völlig unbekannt, wie sich Schlurche bei plötzlich erhellter Umgebung verhielten, denn ohne ausreichendes Licht ist fotografieren unter Wasser so gut wie unmöglich. Besitzen Schlurche Augen oder vielleicht sogar Sensoren? Würden sie das Licht sehen oder gar fühlen können? Hätten sie womöglich Angst vor dem Licht und nähmen Reißaus?

Das Tauchboot hatte mittlerweile eine Tiefe von etwa 7834,14 Metern erreicht. Hier und jetzt sollten Schlurche anzutreffen sein. Hier ist die See ruhig, denn es herrscht kaum Strömung. Professor Seltsam hatte den Fotoapparat ständig griffbereit und musste nur noch den Auslöser bedienen. Er befahl dem Steuermann Helga zu stoppen. Nun dümpelte das Boot in gewaltiger Tiefe auf der Stelle. Tonnenschwer war der Druck, den Helgas Außenwände jetzt standhalten mussten. Ruhig sollte das kleine U-Boot unter Wasser liegen, damit Seltsam zum Schuss kommen konnte.

Seltsam ließ das Unterseeboot stoppen. Hier kam endlich das Spezialgerät zum Einsatz. Ein an Helgas Außenseite angebrachtes, rostfreies Gestell fuhr auf Knopfdruck automatisch auseinander und bildete zunehmend eine Figur, die einer gigantischen Stimmgabel immer ähnlicher wurde. Zwischen den beiden langen Holmen erzeugte ein Generator eine Art Kraftfeld, welches jede Form von Energie messen konnte und das Ergebnis auf einem Monitor erkennen lässt. Auch wenn sich Schlurche nicht mit dem Auge sehen ließen, so erschienen sie doch auf dem Monitor. Dazu mussten sie bloß erscheinen. Und da erschienen sie.

Die Gelegenheit war einmalig. Professor Seltsam hielt seinen Fotoapparat vor das Fenster und knipste drauflos. Der Film war voll und Seltsam befahl gemächlich aufzutauchen. Um das Gesamtgewicht Helgas nicht zu erhöhen, verzichtete Professor Seltsam auf die Mitnahme eines zweiten Films, was auch aus wissenschaftlicher Sicht mehr als verständlich erscheint. Seltsam entwickelte die Bilder in seinem Badezimmer selbst und war über die Ergebnisse hocherfreut.

Ein Gerät wurde in den Saal gerollt, mit Strom versorgt und eingeschaltet. Ein Assistent stand zur Bedienung parat und nahm eines der Bilder, die Professor Seltsam aus seiner ledernen Aktenmappe zog, vorsichtig entgegen. Das Bild fand auf der großen Glasfläche des Gerätes Platz und wurde vergrößert an die gekalkte Stirnfläche des Saals projiziert, sodass von den eingeladenen Gäste der Veranstaltung das in Augenschein genommen werden konnten, was Seltsam fotografiert hatte.

Professor Seltsam nahm hinter dem Pult Position ein und dokumentierte die just zu betrachtende Aufnahme mit überzeugenden Worten.

Mit einem Zeigestock in der Hand trat Professor Seltsam an die Wand, auf der sein eigens dafür fotografiertes Bild erschien.
»Hier auf diesem Bild befindet sich eine komplette Schlurch-Rotte, die gerade hinter einer Tiefsee-Agave steht oder kauert, das wird nicht exakt erkennbar.«
Zwischendurch forderte er seinen Assistenten jeweils zum Wechseln der Bilder auf.
»Einige Schlurch-Junge, die sich gerade im Sand eingegraben haben und wahrscheinlich ‚Verstecken‘ spielen oder nach Nahrung Ausschau halten … wie dem auch sei.«

Fragende Gesichter bei den Gästen, denn zu erkennen war lediglich ein schwarzes Viereck an der Wand, und das wiederholte sich bei jedem gezeigten Bild.
»Um die Beweise zu festigen, zu ergänzen und jeden Zweifel an der Existenz der Schlurche zu beseitigen«, sagte Seltsam, »zeige ich Ihnen – meine sehr verehrten Damen und Herren – gerne weitere Fotos der Schlurche aus ihrem Lebensraum«, ergänzte er.
Währenddessen vollführten die Anwesenden wortloses Schulterzucken.

Es folgten noch etwa 15 weitere Bilder, die allesamt schwarze Vierecke an der Wand erkennen ließen. Professor Jedes Bild wurde von Professor Seltsam fachmännisch kommentiert.

Mal sahen die Zuschauer Schlurche in einem unterseehöhlenartigen Labyrinth und mal waren es Schlurche, die sich chamäleongleich einem Stein anpassten. Fragezeichen füllten die Gesichter derer, die dem Geschehen beiwohnen durften.

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One Response to “Schlurche – Bilder aus der Tiefe”

  1. Döneken sagt:

    Herrlich, Herr Spilker; einfach köstlich
    Ihr Vokabular, einmalig. Das mußte mal gesagt werden.
    Vielen Dank für die Schmunzelei,

    BG,

    Ernst E. Döneken

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