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Wenn Mord Pflicht wäreWenn die Wut oder der Hass auf eine Person so groß ist, sodass man sie am liebsten umzubringen gedenkt, bleibt als Alternative oftmals nur die geballte Faust in der Hosentasche.

Wegen Mordes befinden sich zwar eine Menge Personen hinter Gittern, aber selbst möchte niemand dazugehören – man hat sich zu beherrschen gelernt. Wenn der Groll, der sich gegen eine andere Person richtet, jedoch immer größer wird und sich die Unbeherrschtheit als Kontrollverlust an der Alternative vorbeimogelt … was dann?

Dann kommt es zu dem, was bis dahin als undenkbar galt … die Selbstdisziplin geht verloren … die Rage nimmt unbekannte Ausmaße an und nicht selten folgt diesem Verhalten der vermeintlich letzte Ausweg … ein Mord. Nein – es herrscht kein Krieg und weder vor, noch hinter, noch links oder rechts neben jemandem, existieren Beispiele, die möglicherweise der moralischen Rechtfertigung dienen könnten.

Im Kopf eines Betroffenen bricht wahrscheinlich gerade ein Chaos aus und der Verstand ist nicht mehr erreichbar. Die Situation wirkt unverständlich und absolut konfus. Nichts erscheint noch klar erkennbar und die Gewohnheit gibt sich befremdend. Verlass scheint lediglich der eigenen Reaktion zugeteilt worden zu sein. Im Bruchteil eines Augenblicks geschieht dann das, was nie mehr ungeschehen gemacht werden kann. Dann ist es jedoch zu spät.

Und der Täter, wie fühlt er sich danach … nach einer solchen Tat? War sie wirklich unausweichlich? Das Opfer ist tot. Wird es auch so bewusst? Findet die Tat wirklich den Weg in die Gedanken? Was löst sie dort aus? Den Wunsch zur Wiederholung oder zur Reue? Entsteht womöglich sogar Mitleid? Prägt der zeitliche Abstand zur Angelegenheit die Empfindung? Ändert sich sogar das Resultat?

Je nach dem, kommt ganz drauf an, da gibt’s keine Universalantworten. Manchmal weiß es der Täter selbst nicht. Blackout. Filmriss. Es braucht eine Weile, bis die Nebel aus dem Kopf verflogen sind … manchmal sind es Jahre und manchmal finden werden sie für den Rest eines ganzen Lebens beherbergt.

Und der Täter? Er stand wie gelähmt neben sich und sah sich selbst zu, aber konnte nicht eingreifen. Er sah alles wie einen Film und kann sich vielleicht an gar nichts mehr erinnern. Geräusche, Bewegungen, Handlungsabläufe und Gedanken … alles blockiert sich offenbar gegeneinander und steht still. In einem solchen Augenblick weiß er es wirklich nicht mehr. Das Schuldgefühl verfolgt ihn trotzdem bis in seine Träume. Jede Nacht. Ein Leben lang. Vor sich selbst wegzurennen gelang noch niemanden und sich einer Situation zu stellen, die kaum vorhanden ist, fällt schwer.

Was ist mit den anderen Menschen? Die fühlen sich doch schon bei einer Lüge ertappt, schuldig und überfordert. Und einen Menschen zu ermorden, ein fremdes Leben gegen den Willen des regulären Besitzers auszulöschen und brutal zu beenden – aus welchen Motiven auch immer – können sie noch nicht einmal vorstellen.

Demnach müsste es mindestens zwei Sorten Menschen geben: Mörder und Nichtmörder … aber genau so ist es nicht, so wird es nie sein und so war es auch noch nie.

Was wäre aber, wenn jeder Mensch nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht besäße, einen Mord zu begehen. Wenn jeder innerhalb seines Lebens einen anderen Menschen umzubringen hätte … jeder darf also morden und würde sich nicht schuldig machen, zumal es bloß seine Pflicht wäre. Allein die Umstände blieben ihm überlassen. Nimmt er die eigenen Hände und erwürgt jemanden? Greift er zum Messer, zur Pistole oder zu einer anderen Waffe oder wie stellt er es an? Es bleibt seine Sache, aber er kommt nicht drumherum. Niemand kann es sich ersparen und jeder ist für sich zuständig. In diesem Fall sind keine Auftragskiller erwünscht. Es bleibt jedermanns eigene Pflicht und sie wäre völlig legitim.

Sich zu früh zu entscheiden ist ebenso fatal, wie zu spät. Wer hätte es verdient und wer nicht. Jeder ist Täter und möglicherweise auch ein Opfer. Genau der Person nach dem Leben zu trachten, deren Ziel es ebenso ist … dann stünden sich genau die beiden gegenüber, welche die Entscheidung ihres Leben erbringen werden.

Der Pflicht, ein fremdes Leben und ungeachtet des Motivs, durch Mord zu beenden, nicht nachzukommen, bedeutet, sich selbst strafbar zu machen und das bringt Probleme mit sich.

Im Regelfall würde eine Person durch eine andere ermordet werden und dieser Mord gilt als Straftat. Nun ist es nicht nur legal, sondern wird regelrecht und unter Androhung einer Buße von jedem gefordert. Aber das Leben ändert sich, die Gewohnheiten ebenfalls und die Zielpersonen nicht minder.

Im Alter von 10 Jahren will man seine Eltern oder den Mathematiklehrer umbringen, im Alter von 20 Jahren sich selbst, mit 30 Lebensjahren soll ein Kollege ins Gras beißen oder wahlweise der Abteilungsleiter. Im Alter von 40 Jahren ist die eigene Frau das Opfer und mit Erreichen von 50 Lenzen steht bereits die zweite Frau auf der Todesliste. Mit 60 Jahren wird der bis dahin beste Freund erwürgt und damit ist noch lange kein Ende in Sicht. Auf wen fällt die Entscheidung? Wer ist das Opfer? Die Auswahl muss sich auf lediglich eine Person beschränken, denn jeder weitere Mord gerät wieder zur Straftat.

Wird die Entscheidung zu früh getroffen, wird man – wie erwähnt – beim zweiten Mord zum Straftäter, verbüßt lange Jahre in der Obhut der Justiz und würde dort am liebsten den Wärter gen Himmel schicken … möglicherweise auch den Gefängnisdirektor oder den Zellennachbar. Es lastet auf jedem wie ein Fluch. Allein die Tatsache, jemanden umbringen zu müssen, ist peinigend und die Konsequenz für etwaige Verweigerer ist unerträglich. Somit muss es einer Regelung unterworfen sein.

Wer bis zu seinem 61. Geburtstag niemanden umgebracht hat und das wird penibel protokolliert, wird auf der Stelle liquidiert oder staatlicher Folterknecht.

Die Identifikation der Folterknechte ist nicht möglich. Deren Existenz wird konsequent verschwiegen. Auf diese Weise können sie weder korrumpiert oder kompromittiert werden.

Folterknecht zu sein stellt für den Leidtragenden eine nicht enden wollende Pein dar. Nun muss er Menschen quälen, die sich geringfügiger, jedoch gesetzeswidriger Vergehen strafbar gemacht haben. Sie zu martern und sie durch Hinzufügen unerträglichster Qualen ihres Verstandes zu berauben, bringt den Verursacher selbst zur Tobsucht.

Sich diesem Leid zu entziehen ist unmöglich, da sich dort alles ereignet. Dort wird gelebt, dort wird gewohnt und dort wird der ganze Tag verbracht. Moment um Moment. Doch niemand ist dort alleine. Zusammengerottet ergibt sich jeder dem noch verbleibenden Schicksal und der Wunsch, bereits rechtzeitig einen Mord begangen zu haben, wird immer lauter.

Zu jeder Stunde und von überall her klingen die Stimmen der gefolterten Opfer. Allein das zu ertragen gilt es. Wehleid, Klagen und Jammern, Schreie und schmerzerfülltes Stöhnen den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch. Kein Entrinnen, kein Ausweg, keine Gnade.

Nun lässt sich die Pflicht wieder spüren. Ihr nachzukommen wäre ein Leichtes gewesen … vielleicht auch nicht. Jetzt kann sich jeder die Strafe selbst zuschreiben, die bloß entstand, weil sich dem Mord nicht unterworfen wurde. Ihm wurde sich verweigert und belohnt wird mit der Pein jemand anderen zu foltern.

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