Oma so liebAn manchen Wochenenden fuhren wie alle zusammen im Auto nach Oberhausen. Dort wohnten Oma und Opa, die Eltern meines Vaters. Einerseits freute ich mich auf den Besuch, andererseits hielt sich meine Freude in Grenzen und das lag nicht zuletzt an den Gewohnheiten, die sich meist gegen Ende zeigten.

Mein älterer Bruder und ich trollten mit unseren Cousins, deren Eltern ebenfalls da waren, im Hof. Als Spielgerät bot sich die Teppichstange an. Manchmal war auch eine andere Tante mit ihrer Tochter da und nur zu besonderen Ereignissen traf man auf die komplette Verwandtschaft.

Ab und zu schaute ein Kopf aus dem Fenster und ermahnte zur Ruhe, während wir im Hof spielten. Eigentlich überbrückten wir nur die Zeit bis zum Mittagessen. Am Tisch galt es sich zu benehmen. Ungefragt reden, bzw. anderen ins Wort zu fallen erlaubte sich keines der Kinder. Brav aß man seine Suppe und schaute nur sekundenweise zu den anderen. Oft traf man auf eine Grimasse, die ein anderes Kind gerade zog, damit man lacht. Ein strenger Blick korrigierte diesen Fehltritt umgehend.

Nach der Suppe folgte das Hauptgericht. Meist war es Schweinebraten mit Kartoffeln und Gemüse. Dann kam der Nachtisch. Irgendetwas Eingemachtes war es. Wahrscheinlich Obst. Und dann gingen die Kinder wieder spielen, bzw. wurden raus geschickt. Die Erwachsenen widmeten sich dem Abwasch und redeten pausenlos über Dinge, die uns Kinder nicht interessierten oder nicht zu interessieren haben.

Die Wohnung meiner Großeltern war eingerichtet mit allem, was man so kennt. Warm war es. Wärmer als sonst. Ältere Leute frieren wahrscheinlich schneller als jüngere. Zum Rausgehen schlupfte ich in einem Pullover und in der Wohnung zog man ihn mir wieder aus. Eine Strickjacke mit Reißverschluss hätte mehr Sinn gemacht. Zum Kaffeetrinken mussten wir wieder erscheinen, also bemühten wir uns pünktlich zu sein.

Die Erwachsenen tranken Kaffee und die Kinder Kakao. Kuchen gab es auch, irgend etwas Trockenes, der Kakao war von Nöten. Dann trat diese merkwürdige Stille ein. Jeder schien gesättigt und die ersten schickten sich an nachhause zu fahren. Übrig blieben also wir. Wir waren eigentlich immer die Letzten. Oma und Opa, sowie meine Eltern saßen am Wohnzimmertisch und mein Bruder und ich hockten müde auf dem Sofa.

„Schmeiß nichts runter..“, „Mach nichts kaputt…“, „Wir fahren ja gleich…“ Diese Sätze kannte ich zur Genüge. Die gravierten Muscheln auf der Anrichte dienten der Dekoration. Sicher hatte man sie irgendwann als Souvenir mitgebracht. „Man kann das Meeresrauschen hören, wenn man sie ans Ohr hält.“ Tatsächlich, es rauschte. Wer hätte da widersprechen wollen. Die Muschel, wie auch alle anderen Gegenstände, die meiner persönlichen Inspektion unterworfen wurden, stellte ich in exakter Position an ihren Platz zurück.

Dann saß ich wieder mit meinem Bruder zusammen auf der Couch. Die Gespräche der Erwachsenen waren eine eigene Welt. Opa – wie ich später erst erfuhr – war ein stets unzufriedener Zeitgenosse. Jedenfalls zog er ständig ein mürrisches Gesicht und war sehr streng. Oma war eben die Oma. Sie hatte ihre Ansichten, stammte nach meiner damaligen Ansicht aus dem Mittelalter und bildete mit dem aktuellen Treiben kaum Gemeinsamkeiten. Opa ohnehin nicht.

Irgendwann schliefen wir ein und kauerten auf den Lehnen. Es war warm, ich war zufrieden und man hätte mich liegenlassen können. Aber das war nie das Fall. Aufstehen, anziehen und ins Kalte, denn nun geht es in Richtung Heimatland. Pullover wieder anziehen, Jacke anziehen und warten, bis der Rest auch zum Aufbruch parat stand. Wie es sich gehört, verabschiedete man sich nett und höflich. Oma drückte meinen Kopf gegen ihren Busen und hielt mich dabei fest.

Diese Prozedur war mir bekannt, ich konnte mich ihrer nicht erwehren. All das bekam ich im Halbschlaf mit. Nun ging es raus zum Auto. Im Auto war es kalt. Kälter jedenfalls, als im gerade verlassenen Wohnzimmer. Man verabschiedete sich erneut und es kam mir vor, als wolle man nie losfahren. Ich freute mich auf mein Bett, doch bis dahin war es noch ein Stück Autobahn. Im Wagen schliefen wir wieder ein.

Daheim angekommen wurden wir erneut geweckt, ausgezogen, fürs Bett angezogen und dann endlich in Ruhe schlafen gelassen.

Bildquelle: HIER

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2 Antworten zu “Oma so lieb”
  1. Lutz Spilker sagt:

    RT @all Oma so lieb | LSD – Lutz Spilker Deutschland http://is.gd/aLYtW

  2.  
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„Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.“
Mark Twain (1835-1910), eigentl. Samuel Langhorne Clemens, amerik. Schriftsteller
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