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Harte Bandagen

Harte BandagenSpäter Nachmittag war es bereits, als Helga mit den Worten »und eine neue Wohnung habe ich auch schon«, jubelnd in die Küche stürzte.
Ihre Begeisterung erfuhr kein Echo. Niemand schien sich für ihre Belange zu interessieren. Statt der erwarteten Fragen, wie groß die Wohnung sei, wie viele Zimmer sie besäße, in welcher Etage sie sich befand und ob sie von ihrer neuen Arbeitsstelle aus gut zu erreichen war, erblickte sie zwei mürrische Gesichter. Etwas fürchterlich Schlimmes musste sich ereignet haben.

»Ist irgendwas passiert? Ist irgendwas los? Muss ich irgendwas wissen?«, fragte sie drauflos. Kein Kopfnicken, keine Antwort, nichts. Bloß diese unheilvollen Blicke. Helga war sich nicht sicher, warum sie nicht einmal von ihrer Schwester eine Reaktion oder einen Hinweis bekam, denn damit hätte sie etwas anfangen können. Trat Gisela aus reiner Solidarität zu ihrem Mann Helga gegenüber derart unfreundlich auf? Denkbar wäre es zwar, aber Helga suchte nach einem Motiv.

Sie schaute die beiden noch einige Male fragend an, drehte sich langsam herum und ging ins Wohnzimmer, um ihre Sachen zu packen. Helga hatte eine neue Wohnung, in die sie sofort einziehen konnte und angesichts dieser eigenartigen Begrüßung nun auch wollte. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, ihren Auszug weniger übereilt zu gestalten, aber offensichtlich war es nur ihr Wunsch.

Bruno saß konfus in seinem Büro und hielt noch immer den Telefonhörer in der Hand. Die Firma war sein Leben. Mit ihr begann sein Tag und mit ihr endete er auch. So lange er denken konnte, kannte er bloß das Unternehmen. Dort lernte er, wurde zum verantwortungsvollen Kaufmann und erfreute sich ebenso an den Vorzügen, die ihn zum Lebemann werden ließen. Er genoss sein Dasein und machte daraus keinen Hehl.

Und nun sollte er das alles teilen? Dazu war er nicht bereit. Niemand bereitete ihn darauf vor und niemand erwähnte jemals eine derartige Angelegenheit. Bruno fühlte sich bedroht. Er betrachtete seinen Lebensstil als eine Art Entschädigung für seine sonstigen Entbehrungen. Er war fleißig, ehrlich und verlässlich. Er war loyal und gerecht. Sein Handschlag war einem Versprechen gleich und sein Wort galt als Garantie.

Für sein Unternehmen arbeiteten die ideenreichsten Entwickler der Branche. Die revolutionierende Angelrolle aus seines Großvaters Tagen bildete den Grundstein für die Anerkennung dieses Freizeitbereichs. Mittlerweile gesellten sich Dutzende anderer, ebenso neuartiger Produkte dazu, die den Namen des Unternehmens zum Synonym für eine ganze Palette innovativster Fertigungen werden ließ.

Eine eisige Kälte umgab ihn plötzlich und eine ihm bis zu diesem Zeitpunkt unbekannte Fassungslosigkeit nahm Besitz von ihm. Etwas schien seinen Hals zu umklammern und ihm die Luft zum Atmen zu nehmen.

»Warum soll ich mit jemandem teilen?«, fragte er sich. »Ja, warum eigentlich?«, schimpfte er vor sich hin, und war insgeheim froh alleine in seinem Büro zu sitzen. »Da kann ja jeder kommen und irgendwelche Ansprüche stellen, die irgendein Opa irgendwann einmal in irgendein Buch geschrieben haben soll, das nun auf wundersame Weise zum Vorschein gekommen war«, steigerte Bruno sich in seine eigenen Worte. »Wer war bis zu seinem letzten Atemzug bei ihm und kümmerte sich auch schon all die Jahre zuvor um Ihn? Wir waren es und sonst niemand!«

Ohne Plan und nur einem Instinkt folgend, wählte er Helgas Telefonnummer. Sie meldete sich. Noch immer stand sie im Wohnzimmer und räumte ihre letzten Sachen zusammen.
Er grüßte sie nicht und verlor kein überflüssiges Wort.

»Du musst mir einen Gefallen tun«, brachte er sein Anliegen in ungewohnt fordernder und direkter Art vor. Völlig abwegig verließ er sich auch auf ihre Ergebenheit und erfuhr tatsächlich keinerlei Einwand. Helga hörte ihm zu und nickte, als hätte sie jemand hypnotisiert.

»Das Buch«, haspelte er, »dieses Notizbuch, von dem ständig die Rede ist, das brauche ich …«
»Ich packe gerade meine Sachen in den Rucksack, weil ich eine andere Wohnung habe, die ich noch Heute beziehen werde …«, sagte sie.

»Ich weiß, ich weiß, ich weiß«, unterbrach er ihre Worte, und vermittelte nicht mehr den ausgeglichenen Eindruck, den er zum Zeitpunkt ihres Kennenlernens auf sie machte.
Schon beim gemeinsamen Essen in seinem Hotel verhielt er sich so merkwürdig, als er diese edle Unterkunft aus Gründen verließ, die für Helga noch immer als unerklärlich galten.
»Ich denke, es ist die Hausmeisterwohnung im Souterrain des Bürohauses. Kannst du mir also dieses Buch besorgen?«, redete Bruno, als fühlte er sich gehetzt. Helga hörte die Stimmen ihrer Schwester und ihres Schwagers aus der Küche klingen und konnte sich völlig unbeachtet Brunos Bitte widmen.

»Ja«, sagte Helga, und wusste nicht, wie ihr geschah. »Das Notizbuch liegt hier direkt vor mir auf dem Tisch, ich brauche es bloß zu nehmen.«
»Dann nimm es, um Himmels willen und steck es in deinen Rucksack«, knurrte er durch die Leitung. »Ich rufe dich später wieder an … ich verlass mich auf dich«, sagte er, und legte auf. Er hoffte, dass alles so lief, wie es in seinem Kopf passierte. Völlig reibungslos.

Helga kam nicht nur wortlos seiner Bitte nach, nein, sie fühlte sich geradezu verpflichtet und konnte sich ihr eigenes Verhalten nicht erklären. Sie nahm das Buch und stopfte es zwischen die anderen Sachen in ihren Rucksack. In der Hoffnung nichts vergessen zu haben drehte sie sich noch einmal um und ging in die Küche. Trotz der dort herrschenden bedrückenden Gemütslage wollte sie nicht einfach gehen, ohne sich vorher für alles zu bedanken und regulär zu verabschieden.

Es war ihr wichtig, ihre Schwester in den Arm zu nehmen, an sich zu drücken und ihr ins Gesicht zu schauen. Ihren Rucksack stellte sie am Türrahmen ab, reichte ihrem Schwager die Hand und bedankte sich in aller Form für die ihr gebotene Gastfreundschaft. Dann machte sie einen Schritt zur Seite und nahm ihre Schwester sehr herzlich in den Arm. Kein Wort fiel. Helga schaute in das bewegungslose Gesicht ihrer großen Schwester. Kein Zwinkern, kein Lächeln, nichts.

Auf einmal spürte Helga dieses eigentümliche Klopfen auf ihrem Arm. Ein solches Signal erwartete sie sehnsüchtig. Wie finster sähe es in ihrem Herzen aus, wenn sie einfach gegangen wäre. Eine grässliche Ungewissheit würde an ihr nagen. Jetzt ging es ihr wieder gut.

Sie schnappte ihren Rucksack, sagte noch einmal ›Danke für alles‹ und sprang leichtfüßig die Stufen hinab. Dann fuhr sie in ihre neue Wohnung.

Bruno bangte um den gesamten Zustand. Alles, was er übernommen, geändert und verbessert hatte und das, was er selbst geschaffen hatte, sah er mit einem Schlag halbiert. In seiner Fantasie sah er eigenartige Veränderungen, von denen er selbst noch nicht wusste, wozu sie am Ende gut sein könnten.

Doch irgendetwas hatte das Notizbuch an sich, was ihn dazu veranlasste so zu denken. Vielleicht flößte es ihm keine Angst ein, aber Respekt. Bisher hatte er lediglich von diesem Büchlein gehört, aber selbst noch nie gesehen. Möglicherweise stimmten die Angaben darin sogar, schließlich wusste er von der Kriegsgefangenschaft seines Großvaters.

Viel hatte man ihm darüber nie berichtet. Es wäre keine schöne Zeit gewesen, »es war Krieg«, hieß es allgemein. Es klang immer wie eine Generalabsolution, die alles betraf, was sich in diesen Jahren ergab, und Bruno nahm es einfach so hin.

Nach und nach erloschen die Lichter der Abteilungen und die Mitarbeiter begaben sich in den Feierabend. Brunos Ellenbogen bohrten sich in die Platte seines Schreibtischs. Er stützte seinen Kopf auf die offenen Hände der angewinkelten Arme und richtete seinen Blick frei nach vorn. An und für sich stierte er geradewegs Löcher in die Luft, doch in seinem Kopf ging es hoch her. Dort wägte er die eine Möglichkeit gegen die andere ab.

Was würde passieren, wenn sich alles so bewahrheitete, wie es ihm mitgeteilt wurde? Vielleicht hatte sich alles tatsächlich so ergeben und kam erst jetzt zum Vorschein? Vielleicht wusste sein Vater wirklich nichts von dieser Teilhaberschaft, weil sie ihm wissentlich verschwiegen wurde? Brunos Fragenkatalog wuchs, doch eine Antwort sah er nicht.

Selbst, wenn sich alle Geschichten aus dem Notizbuch, als erfunden herausstellen würden, käme es immer wieder zu der Frage, wie seines Opas Unterschrift dort hineingelangte. Vielleicht war sie gefälscht? Aber wozu? Um möglicherweise unbeachtet zu bleiben? Niemals!

Bruno brauchte absolute Gewissheit. Die Wichtigkeit des Notizbuchs nahm mehr und mehr an Bedeutung zu. Wenn sich sein Großvater nicht zusammen mit Friederich Salzwedel in einem Lager befand, wäre alles andere auch nicht wahr. Diese Auskunft brauchte er also.

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