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Sprich mit der Wand

Sprich mit der WandEin gepanzerter Wagen durchfuhr eine fensterlose, stählerne Schiebetorschleuse und hielt vor einem Haus, dessen Bauweise rein optisch seiner Zweckmäßigkeit unterworfen schien. Auch die Jahre seit seines Bestehens waren nicht völlig spurlos an ihm vorübergegangen.

Dobermann war außer dem Fahrer, dem Beifahrer und einem speziell für ihn bereitgestellten Wachmann, der einzige Fahrgast. Der Wagen hielt, die beiden hinteren Türen gingen auf und er stieg aus. Alles fiel ihm um Einiges schwerer. Seine Hände befanden sich seit seiner Festnahme in Handfesseln.

Dobermann sprach zwar kein Wort, doch in seinem Inneren drehte sich die ganze Welt. Niemand sagte etwas und niemand tat irgendetwas, das er deuten konnte. Keine Grimasse, keine Handbewegung, kein Hinweis. Nichts. Nichts, woraus etwas zu entnehmen gewesen wäre. Irgendetwas, was mit ihm zu tun gehabt hätte. Etwas Persönliches, wie ein Augenzwinkern, ein aufmunterndes Kopfnicken oder eine Körperbewegung, die Mitgefühl und Zuversicht vermittelte. Aber Dobermann empfing nichts dergleichen. Ebenso gut hätte er sich auch inmitten von Betonpfeilern oder Schaufensterpuppen befinden können.

Er war komplett orientierungslos. Er fühlte sich keiner Schuld bewusst und dem Vorwurf des mehrfachen Mordes konnte er sich überhaupt nicht annähern. All das stieß bei ihm auf absolutes Unverständnis. Er kannte das Opfer Nummer 3 noch nicht einmal und die beiden ersten Toten fielen wahrscheinlich irgendeinem Wahnsinnigen zum Opfer.
Wie gerade er mit diesen Gräueltaten in Verbindung gebracht werden konnte, blieb für ihn ein Rätsel. Dobermann war verzweifelt.

Der Wagen, der ihn zu dem Gebäude brachte, in dem er sich nun befand, verfügte bloß über ausbruchsichere Milchglasfenster und die ließen keine konkrete Außendarstellung zu. Ebenso gut hätten ihm die Augen verbunden werden können. Als Exekution gestaltete es sich aus seiner Sicht ohnehin.

Er wurde in das Gebäude geführt, das sich ihm als Haftanstalt offenbarte. Wie eine Ware wurde er dort von anderem Personal übernommen. Einige Papiere wechselten ihren Besitzer, eine Unterschrift, ein Schulterklopfer und das wars. Die joviale Art des Umgangs der Uniformierten miteinander ließ darauf schließen, dass sie sich bereits kannten. Teilnahmslosigkeit übernahm Dobermann. Er hörte gar nicht mehr, wie die Türen des Wagens zugeschlagen wurden und er wegfuhr. Dobermann schaute sich uninteressiert aber neugierig um. Nicht zu einer Sekunde entstand bei ihm der Gedanke an eine Flucht. Er wüsste noch nicht einmal wovor oder wohin er fliehen würde. Er realisierte bisher kaum die Situation, in der er sich befand. Und den Ort, an dem er sich befand, machte er sich am wenigsten bewusst.
Eine eigenartige Stille herrschte in diesem Gebäude. Dobermann sprach noch immer kein Wort und noch immer richtete niemand ein Wort an ihn. Nur das Aufsetzen der Schuhsohlen auf dem gefliesten Boden war zu hören. War er der Einzige in dem ganzen Gebäude? Er hatte den Eindruck.

Die Wände waren bis zur Höhe der Hüften gefliest und alle paar Meter erschien eine Zellentüre in der ansonsten endlos erscheinenden Wand. Das Haus war mehrstöckig und ließ den Blick bis zum Dach zu. Das Treppenhaus befand sich in der Mitte und verband über gitterplattenartige Zugänge die angegliederten Etagen. Das gesamte Treppenhaus war aus Eisengitter gefertigt und alles schien einsehbar. Nirgendwo gab es Ecken oder Winkel, die sich als Versteck anboten. Was sollte er dort? Noch nie zuvor war er an einem solchen Ort. Was passierte mit ihm?

Dobermanns Hände waren immer noch mit Handschellen gefesselt. Eine Wolldecke, Plastikgeschirr und diverse Hygieneartikel balancierte er auf seinen Händen. Er hätte schwören können nicht zu wissen, wie diese Dinge dort hingekommen waren. Dann legte ihm der Beamte eine Hand auf die Schulter. Wie automatisiert stoppte Dobermann. Der Beamte schloss eine Zellentüre auf, schob Dobermann wortlos hinein, nahm ihm die Handfesseln ab und ging. Es tat einen gewaltigen Schlag, als die Türe hinter ihm geschlossen wurde. Vielleicht kam es Dobermann aber auch bloß so vor. Eigentlich freute er sich darüber, denn es war seit Langem wieder ein anderes Geräusch. Der Schlüssel drehte sich noch einmal kräftig im Schloss und umgehend entstand wieder diese eigenartige Stille. Noch nie zuvor nahm er eine Geräuschlosigkeit derart intensiv wahr. Er hörte plötzlich Klänge, die noch nie in dieser Deutlichkeit an sein Ohr drangen. Da war seine eigene Atmung, sein Herzschlag und jede Bewegung. Er wusste gar nicht, dass selbst die Regung seines Körpers Töne verursachte. Er hörte sich sozusagen selbst zu.

Seit er in diesen Raum geschoben wurde, stand er wie versteinert da. Er schaute auf ein gardinenloses und unversperrtes Fenster. Es erforderte keine Gitter, denn es bestand aus gemauerten Glasbausteinen und ließ bloß das Licht des Tages durch oder die Dunkelheit der Nacht erkennen. Kein Baum, kein Haus, keine Sonne und kein Himmel. Nichts. Niemand unterwies ihn, niemand teilte ihm etwas mit und niemand klärte ihn über die vorherrschenden Umstände auf. Doch der Raum, in dem er sich augenblicklich befand, war offensichtlich sein momentanes Quartier. Dobermann war noch nie in einer Zelle, er wusste nicht was passieren oder auf ihn zukommen würde. Dieser oftmals würdelose Lebensabschnitt blieb ihm bisher erspart. Es gab keinen Zellengenossen und es gab keine Uhr. Es war entweder hell oder dunkel. Alles schien sich an ihm vorbeizubewegen, als gehöre er plötzlich nicht mehr dazu, als hätte ihn das Leben aussortiert und auf ein Gleis für gesellschaftlich Auffällige geschoben.

Dobermann fühlte sich plötzlich schuldig. Es war ein sonderbares Gefühl und entsprach nicht im Geringsten dem Sinn des Mordvorwurfs. Er hatte auf einmal das Gefühl, als trüge er einen schneeweißen Overall mit einer haftenden Oberfläche und jeder dürfte ungefragt einen apfelgroßen, knallroten Klettball werfen, der dann für alle sichtbar an ihm hängen blieb. Vorrangig wären dort Schuldzuweisungen zu sehen. Vorurteile flögen parallel zu den Beschuldigungen und klebten direkt daneben. Optisch wären sie nicht zu unterscheiden gewesen. Er war der Schuldige – so oder so.

Bloß er selbst war sich keiner Schuld bewusst. Natürlich war Dobermann kein Unschuldslamm.

Als Kind steckte er seine Finger liebend gerne in die auf dem Schrank stehende Marmelade, naschte unerlaubt vom frischen Kuchenteig und machte seine Hausaufgaben nicht immer mit der Beflissenheit, die allgemein erwartet wurde.

Aber an Mord dachte er noch nie. Natürlich wollte er schon oft jemanden umbringen, aber als Redewendung, in Gedanken lediglich und in Rage. Den Tod eines anderen Menschen wirklich und vorsätzlich herbeizuführen, entsprach jedoch noch nie seiner ernsten Absicht.

Manchmal war er auf den einen oder anderen seiner Kollegen sehr wütend und schon oft wünschte er irgendeinem Mitmenschen kein Glück, doch jemanden kaltblütig umzubringen, kam ihm noch nie in den Sinn. Allein der Gedanke daran ließ ihn erschrecken.

Dobermann drehte sich langsam herum und musterte seine Zellentüre. Eigentlich war es der wegen des Zuknallens entstandene Reflex. Ein Guckloch, eine Klappe und eine Menge Kratzer. Irgendjemand begann irgendwann mit dem Zerkratzen der Türe und alle anderen verstanden darin eine persönliche Aufforderung dem gleichzutun. Er klappte den an der Wand befestigten Tisch hoch, legte die Sachen, die er immer noch trug, irgendwo auf dem Tisch ab, ging dann wieder zur Türe und ritzte die Initialen M P mit seiner Gürtelschnalle dort hinein. Jetzt war er einer jener, die auch dort waren. Schuldig oder unschuldig, jedoch namenlos. Seine geritzte Hinterlassenschaft befand sich ganz weit oben. Er war der Letzte, der dort etwas in die Türe gravierte.

Dobermann verschränkte seine Arme vor der Brust, trat einen halben Schritt von der Türe weg und betrachtete seine Arbeit wertschätzend. Dann ging er wieder dorthin und schob die heruntergefallenen Lacksplitter mit dem Fuß unter die Türe. Im selben Augenblick schlug er sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, denn sobald die Türe aufgemacht wurde, kam seine Aktion zum Vorschein. Also legte er sich auf den Boden und rutschte so nah es ihm nur möglich war, mit dem Mund an die untere Kante der Türe. Er betete innerlich, dass jetzt niemand kommen und die Türe schwungvoll öffnen würde. Alles musste demnach recht zügig vonstattengehen.

Er pustete nun mit aller Kraft, um die augenfälligen Lacksplitter zu verteilen. Zur Kontrolle warf er einen Blick durch das Guckloch, doch das war lediglich von der anderen Seite aus bedienbar. Dobermann trat wütend gegen die Türe und stellte fest, dass wahrscheinlich schon hunderte vor ihm dasselbe taten, denn die Spuren an der Türe sagten genau das aus.
Dobermann ging zurück zum Tisch, brachte den, sich unter der Tischplatte befindende Stuhl in Position, testete seine Belastbarkeit mit aufgestützten Armen und setzte sich darauf. Eigentlich war der Stuhl bloß ein schwenkbarer Sitz ohne Rückenlehne.

»Was Olli wohl gerade anstellt? Ob Yanni in diesem Augenblick vielleicht auch auf einem Stuhl sitzt?«, dachte er. Er wusste es nicht. Er wusste noch nicht einmal, dass sich Yanni bereits seit Stunden in der Nachbarzelle befand.

Niemand klopfte an eine Wand oder gab sonstige Zeichen von sich, die schließlich auch missverstanden werden konnten. Jeder war mit sich und der neuen Umgebung beschäftigt.

Dobermann nahm dann auch zum ersten Mal seine hoffentlich nur vorübergehende Umgebung richtig in Augenschein. Alles war in seiner Struktur oder vom Material her einfach gehalten, leicht zu säubern, hinsichtlich der Haltbarkeit robust und strahlte diese sterile Unfreundlichkeit aus, mit der ohnehin niemand näher Bekanntschaft machen wollte. Das Bett befand sich in der Wand gleich neben ihm. Es wurde tagsüber offensichtlich hochgeklappt und verriegelt. Es bildete mit der Wand eine Einheit.

Weder der Stuhl noch der Tisch wiesen irgendwelche Besonderheiten auf. Die Tischplatte war ebenso verkratzt und voller Namen, Nummern und anderen Hinweisen, wie die Sitzfläche des Stuhls. Die Spuren an der Türe stellten demnach bloß eine Fortsetzung dessen dar. Der Tisch bildete zusammen mit dem Stuhl eine, über ein Schwenkscharnier verbundene, matt glänzende, edelstählerne Einheit, die komplett an der Wand befestigtes war. Sowohl der Tisch als auch der Stuhl konnten nirgendwo anders platziert werden.

Plötzlich stand eine uniformierte Person vor ihm und bat um Gürtel und Schnürsenkel. Auch wurde Dobermann von dieser Person nach weiteren Gegenständen untersucht, die eine Selbsttötung durch Strangulieren ermöglicht hätte. Etwaige Einrichtungsgegenstände der Zelle boten dazu keine Möglichkeit. Ebenso flink wie die Person vor ihm stand, verschwand sie auch wieder. Dobermann versuchte das gerade Erlebte Schritt für Schritt nachzuvollziehen, denn entweder bewegte er sich in einer anderen Zeit oder er registrierte sein Umfeld nicht mehr in der ihm gewohnten Weise.

»Ein Schlüssel fährt in die Tür, schließt sie auf, öffnet sie, eine Person betritt die Zelle und stellt sich vor ihn … all das ereignete sich nicht«, überlegte er. Das alles fehlte. Entweder war seine Wahrnehmung eine andere oder sie war momentan bloß beeinflusst. Der gesamte Umstand brachte Dobermanns gewohnten Ablauf völlig durcheinander.

Er musste unbedingt seine Umgebung kennenlernen und setzte daher seine optische Erkundung fort. Rechts neben der Türe befanden sich das WC und ein Waschbecken. Beide Objekte bestanden aus dem gleichen Material, aus dem auch der Tisch und der Stuhl gefertigt waren. Im Dunklen als Orientierungsloser umherzuirren, war nicht sein Plan. Wahrscheinlich machte er es auch nur darum oder aus einfach nur aus Langeweile, denn er stand nun auf, ging zu der Wand mit dem Fenster aus Glasbausteinen, stellte sich mit dem Rücken dagegen, schloss die Augen, streckte die Arme wie Fühler nach vorne und machte geschätzte Meterschritte in Richtung der gegenüberliegenden Wand, in der sich die Türe befand. Seine ausgestreckten Arme signalisierten ihm das Ende der Strecke.

Auch zur Seite vollführte er diese Übung und war nun über die ungefähre Größe des Raumes informiert. Die Deckenlampe wäre selbst unter Zuhilfenahme des Tisches nicht zu erreichen gewesen. Dobermann dachte nicht an Selbstmord. Er wollte leben. Bestimmt würde sich bald alles aufklären und einem riesigen Irrtum zugewiesen. Vielleicht wäre die offizielle Entschuldigung sogar mit einer finanziellen Zuwendung verbunden. Vor seinem geistigen Auge sah er schon eine Person mit ausgebreiteten Armen in die Zelle direkt auf ihn zustürmen, die sich höflich und Hände schüttelnd bei ihm entschuldigte und ihn kratzfüßig entließ.

Er setzte sich auf den Stuhl, beugte sich notgedrungen nach vorn, stützte seine Ellenbogen auf seine Oberschenkel und legte sein Gesicht in die Hände. Das Schlimmste, was ihm passieren konnte, begann nun und er befürchtete, dass es noch einige Male auf ihn zukäme: Warten. Dobermann verstand es noch nie zu warten und die jetzige Lage bot die ungünstigsten Voraussetzungen dafür, es jetzt zu lernen. Ohne sich anzustrengen, erreichte sein Blick die farbigen Punkte im Bodenbelag. Es gab schwarze, rote, grüne, blaue und graue. Dobermann zählte sie. Jede Farbe einzeln. Zum Glück stand ihm das Bett nicht im Weg. Er wollte schließlich zählen und nicht bloß schätzen.

Mit einem Satz sprang Dobermann auf, machte einen Riesenschritt zur Zellentür und hämmerte unbarmherzig drauflos.

»Lasst mich sofort raus hier! Ich bin unschuldig! Habt ihr das gehört? Ich will hier sofort raus! Ich habe niemanden umgebracht! Ich bin unschuldig!«, schrie er und trommelte mit seinen Fäusten wieder und wieder gegen die Türe. Irgendjemand schaute durch den Spion in die Zelle und befahl harsch: »Treten Sie zurück! Gehen Sie von der Türe weg!« Dobermann funktionierte zu seiner eigenen Verwunderung automatisch so, wie es die Stimme befahl und ging einen Schritt zurück. Die Türe öffnete sich und er wurde gefragt, was los sei, aber er reagierte kaum. Vor seinen Augen ging die Türe wieder zu und somit wurde ihm der Weg in die Freiheit wieder verschlossen.

»Sie besitzt einen anderen Geruch, diese Freiheit«, fuhr es Dobermann durch den Kopf. Mit leicht nach vorne gestreckter Nase ging er achtsam durch seine Zelle und schnupperte in die Luft, als hätte das Öffnen der Türe gerade eine andere Brise hineingeweht. Es stellte sich ihm so dar, wie die erste Wahrnehmung des Aromas von Essig. Unter Tausenden anderer Gerüche würde er den von Essig immer wieder erkennen. Und mit der Freiheit wäre es wahrscheinlich so ähnlich. Sie duftete nach einer frisch gemähten Wiese, einem Spaziergang im Morgentau, nach Wald, wild wachsenden Blumen und nach Himbeerbonbons.

Erschöpft saß er wieder da und langsam wurde es immer dunkler. Er knipste das Licht an, denn direkt neben der Türe befand sich ein Schalter. Plötzlich vernahm er ein eigenartiges Geräusch. Es musste aus seiner Zelle stammen, denn Töne von woanders drangen noch nie an sein Ohr. Er drehte sich reflexartig um und suchte nach der Ursache.

Da war es. Das Bett wurde zu einer bestimmten Uhrzeit offensichtlich automatisch entriegelt und stand ihm nun als Nachtlager zur Verfügung. Dobermann ging dort hin, klappte das Bett herunter und bemerkte, dass es – ebenso wie viele andere Einrichtungsgegenstände – keine Beine besaß. Es wurde wie ein gepolstertes Tablett einfach aus der Wand geklappt. Er bezog es mit den Laken, die man ihm bei seiner Ankunft mit all den anderen Dingen gab und legte sich dann einmal probeweise auf das Bett. Im selben Moment ging das Licht aus und von irgendwoher ertönte es: »Nachtruhe.«

Am nächsten Morgen erwachte Dobermann und traute sich kaum die Augen zu öffnen. Doch allein an der Bettwäsche, am Geruch und dieser eigenartigen Stille merkte er, dass etwas anders war. Alles war also kein Traum, alles war tatsächlich so. Er befand sich in Haft. Er befand sich in einer Gefängniszelle und wusste noch nicht einmal warum und wieder nahm ihn die Verzweiflung in den Würgegriff. Als er aufstand, bemerkte er zum ersten Mal eine kleine Abdeckung über der Türe, die er für einen Luftschlitz hielt. Wahrscheinlich verbarg sich jedoch ein Lautsprecher dahinter. Und dann erinnerte er sich wieder an die verordnete Nachtruhe und wieder fiel dieses Fangnetz der Wehrlosigkeit über ihn. Er klappte das Bett hoch, als hätte er es bereits 1000 Mal gemacht, scherte den Sitz unter dem Tisch hervor und starrte die Wand an.

»Na«, sagte er zu der Wand. »Auch hier? Was hast du verbrochen? Was? Du stützt hier lediglich die Decke ab? Das ist doch kein Verbrechen … und dafür hat man dich hier eingesperrt? Was sagst du, lebenslänglich? Unfassbar … ich würde es nicht glauben, hätte ich es nicht selbst gehört.«

Die Türe öffnete sich und jemand sagte: »Guten Morgen!« Es klang eher nach einem Befehl, denn nach einem Gruß. Die Person stellte ein Tablett auf den Tisch, wünschte »Guten Appetit« und verließ die Zelle anschließend wieder. Der Ablauf war stets derselbe. Jemand schloss die Türe auf, trat ein, erledigte etwas und ging dann. Alles passierte fast mechanisch, wortlos und erschreckend unterkühlt. Dobermann erinnerte sich an einen Krankenhausaufenthalt, bei dem ihm die Mahlzeiten in ähnlicher Weise gebracht worden waren. Er schaute zu den Behältnissen auf seinem Tablett und war nun der Ansicht, dass sich unter all den Abdeckungen ein Frühstück befinden müsste. Dobermann schenkte sich zuallererst eine Tasse Kaffee ein. Die Qualität des Kaffees aus dem Bistro besaß er allerdings nicht, so viel gab das Aroma schon preis.

Dobermann behielt den Schluck noch im Mund und dachte an Clara, die auch zu den Opfern gehörte, deren Tod ihm auch zur Last gelegt wurde.

Dieser hauchzarte Karamellgeschmack fehlte dem Kaffee in seinem Mund. Diese leicht sahnige Verspieltheit und das freche, jedoch nicht vorwitzige Aroma fehlten ihm auch. Aber sonst ließ er sich gut trinken. Und dann fiel ihm der Tee ein.

»Wo ist mein Tee?«, fragte er die Wand. »Natürlich wieder mal nicht dran gedacht … typisch … darum bist du auch bloß eine Wand, aber ich, ich bin unschuldig. Okay, du meinst – das sagen hier alle. Aber dieses Mal stimmts sogar … okay, das sagen hier auch alle. Aber diesmal stimmts wirklich … okay, das sagen hier auch alle … du bist stur, mit dir kann man nicht reden.« Dobermann betrachtete die Wand als seinen Dialogpartner, der jedoch nicht antwortete und ihm somit nur scheinbar zustimmte. Auch erfuhr er keine sonstige Reaktion wie ein Kopfnicken oder ein Schulterzucken. Dobermann achtete oftmals gar nicht mehr darauf, ob er mit der Wand sprach, wenn er redete. Er kommentierte plötzlich all sein Tun und überdeckte damit diese eigenartige Stille, die sein täglicher Begleiter war.

»Niemals würde ich Frauen wie Nancy oder Clara etwas antun«, sagte er zu sich selbst, schaute zur Wand und ergänzte: »Du bist skeptisch, ich weiß, aber das kannst du mir jetzt ruhig glauben … auch wenn du jetzt mürrisch dreinschaust. Sieh es mal durch meine Augen, irgendwann würde man sich vielleicht wieder begegnen und stünde erneut dem Wunsch gegenüber, die Nacht miteinander verbringen zu wollen und dann wäre der andere nicht mehr da, weil man ihn … das ist der Ast, von dem immer gesprochen wird, den man nicht absägen soll, wenn man selbst drauf sitzt … ich wusste, dass du es verstehst … du bist auch der Ansicht, dass all das hier ein Irrtum sein muss … na bitte.« Dobermann wusste, dass er mit einer Wand sprach und rechnete zu keiner Sekunde damit, eine Stimme zu hören.
»Und wie denkst du jetzt über deine Freiheit?«, hörte er die Stimme plötzlich sprechen, die wahrscheinlich er selbst war und die er bereits seit vielen Tagen nicht mehr wahrgenommen hatte.

Dobermann wurde dadurch bloß für den Bruchteil eines Augenblicks abgelenkt. Entgeistert war er. Erschrocken nicht. Die Bekanntheit der Stimme vermittelte ihm die Vertrautheit, nicht mehr allein zu sein.

»Ich fühle mich benutzt, bevormundet, meiner Selbstbestimmung beraubt und meiner Freiheit bestohlen!«, antwortete er sich selbst sehr energisch.
»Beraubt?«, wiederholte die Stimme fragend. »Dazu solltest du sie zunächst besessen haben. Die Freiheit zählt nicht zu den streitbaren Errungenschaften. Sie ist nicht unverwechselbar. Sie verfügt auch nicht über den Anspruch von Dauerhaftigkeit und stellt deshalb niemandes Besitztum dar. Es ist eine Empfindung, die schätzen, lieben, kennengelernt und beherrscht werden will«, bekam Dobermann zu hören. »Könnte die Wand sprechen, würde sie dich imitieren. Vielleicht würde sie dir auch den Häftling täuschend echt präsentieren, der vor dir hier einsaß. Sie böte dir möglicherweise Kurzweil.

Doch sie kann es nicht. Sie ist bloß eine Wand. Aber du würdest dir wünschen, sie wäre mehr als nur ein Mauerwerk, um von der augenblicklichen Situation nicht erwürgt zu werden. Sie raubt dir die Luft zu atmen und sie raubt dir den Verstand – nicht die Freiheit.« Dobermann fasste sich an den Kopf. Er war nicht wahnsinnig, er konnte jeden Gedanken steuern – ja – er konnte fast all seine Überlegungen sehen, als sei er aus Glas und schaute sich bei der Formulierung seiner Ideen selbst zu. Aber wer war dann der, der überlegte und der sprach? Und wer war der andere, der sich selbst hörte, sich selbst antwortete und sich selbst beim Denken zusah? Dobermann konnte niemanden fragen, es war niemand da. Noch nicht einmal Yanni. Nur er selbst. Wahrscheinlich hätte Dobermann die Wand gebeten zur Seite zu gehen, wenn er gewusst hätte, dass sich Yanni dahinter befand. Mit ihm hätte er reden und wahrscheinlich einen Ausweg finden können.

Vielleicht war dieser eigenartige Dialog der erste Schritt zu einer unbewussten Kapitulation. Dobermann fühlte sich in seinem eigenen Körper nicht mehr wohl und hätte sich am liebsten die Haut vom Leib gerissen. Er war nach diesen konfrontationsartigen Selbstgesprächen sehr erschöpft. Sie forderten ihm viel Kraft und Konzentration ab.

Das typische Klackgeräusch ließ vermuten, dass das Bett für die Nacht wieder aufgeschlossen wurde. Er klappte es herunter, legte sich darauf und dachte daran, wie es wohl gewesen wäre, wenn er irgendwann geheiratet und eine Familie gegründet hätte. Ermattet fielen seine Augen zu.

Er sah eine Frau und einen Mann, die mit einer scheinbar unendlichen Fröhlichkeit durch den sorgsam, gepflegten Vorgarten eines dieser dennoch unpersönlich anmutenden Reihenhäuser umhersprangen, in denen offensichtlich nur gut gelaunte Leute zu Hause waren. Kinder sah er auch. Dobermann konnte mit Kindern nichts anfangen. Eigentlich waren es die Kinder, die mit ihm nichts anzufangen wussten. Bei Haustieren ergaben sich die Perspektiven ebenso, warum er zu dem wurde, der er war. Doch dann schaute er genauer hin und bemerkte, dass gar nicht er selbst dieser fröhlich umherspringende Mann im Vorgarten eines Reihenhauses war, sondern eine gesichtslose Person. Einerseits beruhigte es ihn, doch andererseits erinnerte es ihn an das Wesen, das sich ihm zeigte.

Es steckte offenbar sehr tief in ihm. Dobermann wunderte sich nicht über das augenblickliche Ertönen der seit einigen Tagen nicht mehr gehörten Stimme. Ebenso könnte ihn das Erscheinen seiner eigenen Person in Staunen versetzen, wenn er vor einem Spiegel auftauchen würde. Was ihn immer wieder wunderte, war die Tatsache, dass er nicht spürte, ob dieses Wesen zugegen war oder nicht. Nur wenn es sprach, besaß er die Gewissheit seiner momentanen Gegenwärtigkeit. Aber wo war es, wenn es sich nicht meldete und sich nicht zeigte? War es dann einfach bloß stumm oder gar nicht da? Dobermann fehlte jede Kontrolle darüber.

Irgendwann in seinem Leben bog er an einer Weggabelung anders ab. Es war seine freie Wahl. Es war sein Schicksal und war somit zu seinem Lebens- und Leidensweg geworden. War er dadurch anders? Vermittelten seine Eltern ihm andere Perspektiven? Waren seine Wertvorstellungen zu individuell? Blieben seine eigenen Ansprüche erreichbar? Dobermann stellte sich all diese Fragen schon so oft. Leider gab er sich selbst auch immer die Antworten dazu, dennoch er wusste, dass die Sichtweise des Betroffenen nicht als optimal galt. Wohlfällige Antworten transportieren keine Kritik. Sie stießen weder ein Fenster, noch eine Türe auf, wodurch weitere Perspektiven zur Beachtung gelangten. Wen aber hätte er fragen können? Yanni? Freudenthaler? Olli?

Olli war ein feiner Kerl, aber mit Themen dieser Art konnte er nichts anfangen. Er entschied sich bei der Weggabelung für die Richtung, die ihn zum Reihenhaus mit dem hübschen Vorgarten führte und ihm eine fürsorgliche Frau und gutgesinnte Kinder bescherte. Das sind diese gesicherten Existenzen, auf die Dobermann anerkennend schielte. Sie mischten sich manchmal als eine Art Vorbild in das Geschehen und erzeugten in Dobermann so etwas wie Neid. Freudenthaler schien auch einer derer zu sein, die bei der Weggabelung die vorteilhaftere Wahl traf.

Diese Personen verband etwas, aber Dobermann wusste nicht, was es war. Etwas Unsichtbares verband sie. Schweigende Akzeptanz, stille Erkenntnis, eiserner Zusammenhalt, fraglose Traditionen, als Flexibilität falsch verstandene Anpassungsfähigkeit, die Dobermann für sich als Opportunismus interpretierte? War es das, worauf Dobermann neidisch war? War es das, was ihm fehlte? War es das, was er vermisste? Hielt er sich dieses vermeintliche Defizit eigentlich deutlich genug vor Augen?

Doch welche Funktion hätte dann sein gewähltes Ausweichen einer festen Partnerschaft? Seine sporadischen Einwegabenteuer brachten sicher nicht die erhoffte Dauerlösung und im Übrigen sprach er mit seinen weiblichen Kurzbekanntschaften auch nie ernsthaft über diese Angelegenheiten – dazu war kaum Zeit vorhanden. Dobermann drehte sich thematisch im Kreis. In seinem Kopf schien sich alles spiralförmig zu bewegen. Er zog die Decke höher, drehte sich zur Seite und schlief ein.

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