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Der Kopf des Adlers

Der Kopf des AdlersZu guter Letzt frei zu sein, den Wald mit all seinen hinterlistigen Tücken und seinen Absonderlichkeiten wieder heil verlassen zu haben und sich endlich auf dem Weg zu den fünf Rabauken zu befinden, war für die beiden ein Grund, dem anstehenden Marsch frohen Mutes begegnen zu können. Weit hatten sie es nicht und beschwerlich würde der Ausflug ebenso wenig. Das Dorf der fünf Rabauken lag bloß einige Bücher und Geschichten von ihnen entfernt.

Insgeheim hoffte Ferdinand das große Zirkuszelt der Antonellos in irgendeinem Dorf zu entdecken, denn eine Begegnung mit seiner Jugendliebe Lisa war immer wieder sein Wunsch. Außerdem freute er sich aus völlig anderen Gründen auf den Besuch im Dorf der fünf Rabauken. Ferdinand konnte sich sehr gut an das vorzügliche Essen im dortigen Wirtshaus erinnern und auf ein Wiedersehen mit Tensi freute er sich außerdem. Sie hatte mittlerweile sein Herz erweicht und war bei jedem seiner Atemzüge zugegen. Ferdi hätte Tensi gerne immer bei sich. Es musste so etwas wie die Liebe auf den ersten Blick gewesen sein, der ihn mit ihr verband, anders konnte er sich diese Sehnsucht zu ihr nicht erklären. Aber sie war keine Prinzessin und für ihn somit tabu. Die fünf Rabauken hätten es ihm also erst gar nicht mitteilen müssen. Wahrscheinlich taten sie noch nicht einmal mit gezielter Absicht, sondern jedem gegenüber. Es war offensichtlich schon zu einer Floskel geworden und hatte mit Ferdinand nichts zu tun.

Ferdinand und Phrasius kamen gut voran. Sie krauchten, krabbelten und robbten sich durch hunderte von Jahren der Märchenerzählungen und warfen bei jeder einzelnen Geschichte nur noch einen genauen Blick in die Dörfer, um dort ein großes Zelt zu entdecken, das die Höhe der Schornsteine der umliegenden Häuser überragt. Bereits zuvor wunderte es Phrasius oft, dass sich Ferdinand unvermittelt umschaute, als suche er in den Orten nach etwas Bestimmtem. Ferdinand berichtete ihm dann aber von seiner Jugendliebe und davon, dass er als Kind immer ins Dorf lief, wenn der Zirkus da war. Eigentlich war es ihm nie um den Zirkus gegangen, er wollte bloß Lisa sehen. Vielleicht erspähten sie das Zelt des Zirkus‘ inmitten eines Dorfes und würden eine Vorstellung besuchen. Phrasius war mit dieser Vorgehensweise umgehend einverstanden. Seinem Freund einen Dienst zu erweisen hätte ihm ein Vergnügen bereitet und außerdem würde es nicht wieder einen Umweg oder einen unliebsamen Aufenthalt bewirken.

Da würde Lisa aber Augen machen, wenn Ferdinand plötzlich vor ihr stünde. Aber niemand schien von der Existenz oder dem aktuellen Aufenthalt des Zirkus zu wissen. Ferdinand fragte immer wieder irgendwelche Leute, ob sie von einem großen Zelt oder vom Zirkus Antonello wüssten. Viele Leute gaben Ferdinand das Gefühl sich zu schämen und sich von ihm abzuwenden, sobald das Wort Zirkus fiel, als handele es sich dabei um eine ansteckende Krankheit. Ferdinands Neugier wurde durch dieses Verhalten lediglich angestachelt. Auch Phrasius’ Interesse und Wissensdurst blieben davon nicht unberührt. Dennoch zeigte sich kein Zirkuszelt, so weit der Blick reichte. Ferdinands Kummer war ihm anzusehen, denn bereits das nächste Dorf war ihr Ziel. Er bat Phrasius inständig darum, zuerst das Wirtshaus aufzusuchen und danach erst zum Haus der fünf Rabauken zu gehen. Damit war Phrasius sofort einverstanden, denn auch er hielt nichts davon, Sahara und seine Mannen mit hungrigem Magen zu besuchen. Ferdinand wollte Tensi nicht als Dienstbotin sehen. Seiner Ansicht nach gehörte sie in hübsche Kleider gehüllt und auf einen Thron neben dem seinigen sitzend.

Ihr selbst müssten Bedienstete zur Verfügung stehen und edle Geschmeide ihre Haut berühren. Ferdinand ereilte wieder einer dieser Tagträume, die zwar nur einen Wimpernschlag dauerten, er sich davon jedoch oft viele Momente nicht zu trennen vermochte. Er klimperte mit den Augen, als versperrte ihm irgendein Schleier den Blick zur Wirklichkeit. Und dann tauchte sie wieder auf, diese Gewissheit, dass Tensi nur als Prinzessin an seiner Seite sein konnte. Niemals würden sein Vater in eine Verbindung mit einer sogenannten Bürgerlichen einwilligen, geschweige seinen Segen dazu geben. Ferdinands Mutter schloss sich schon seit jeher kommentarlos den Wünschen seines Vaters an. Für sie klangen die Wünsche ihres Gatten wie ein Befehl und erduldeten daher keinerlei Widerspruch. Ferdinand wuchs mit diesem harten Regimentston auf und empfand ihn nicht mehr als schroff. Seine Mutter teilte dasselbe Los. Sie liebte die herzensgute Seite des Königs und lebte mit der anderen Seite ebenso, wie sich der Tag zur Nacht neigt. Die Freude, den nächsten Tag wieder mit der Wärme, der Behaglichkeit und dem Schutz der strahlenden Sonne erleben zu dürfen, war auch bei Ferdinand entsprechend groß. Ihm durfte nichts passieren, er war der Thronerbe. Durch sein Geschick fiel und stieg die Gunst des Königreichs. Jedes seiner Gebrechen forderte die Anwesenheit der besten Gelehrten des ganzen Landes. Seine Genesung stand als oberstes Gebot aller Erstrebungen und sein Wohlergehen sollte jedem Bediensteten erster Wunsch sein.

Seine augenblickliche Abwesenheit ließ seinen Vater in ein finsteres Loch fallen. Die Ungewissheit quälte den König täglich. Sie fraß ihn auf, verschlang ihn mit Haut und Haaren und verhöhnte ihn immer wieder. Oft schon glaubte er ein schallendes Lachen in den Fluren des Schlossen vernommen zu haben, doch niemand war da. Es war der Hohn, der sich in seinem Kopf befand und ganz langsam Besitz von ihm ergriff. Er machte ihn verrückt. Doch niemand wünschte sich einen verrückten König und niemand würde von einem verrückten König regiert werden wollen. Also blieb dem König nichts anderes übrig, als sich mit der Situation abzufinden und darauf zu hoffen, seinen Sohn irgendwann wieder glücklich und wohlbehalten in die Arme schließen zu können. Ferdinand hatte sein ganzes Leben noch vor sich und wusste das. Ein Schloss, ein Königreich und der Wunsch nach einem liebenden Weib, das ihm den Wert und die Ehre, den Stolz und die Gewährleistung zum Erhalt der königlichen Linie schenken wird: einen strammen Nachkommen. Das Geschlecht der königlichen Majestäten, welche die Hagebutte in ihrem Wappen führte, muss die nächste Generation von Märchenlesern erreichen können und dazu bedurfte es des gesicherten Vorhandenseins einer gesunden und männlichen Nachkommenschaft. Was nutzte es also Ferdinand verliebt zu sein, wenn die Angebetete nicht den Ansprüchen der Traditionen entsprach? Er war sich seiner Verpflichtung bewusst und wollte es in jeder Form vermeiden, seine Eigensinnigkeit mit dem Willen seines Vaters konkurrieren zu lassen. Derlei Konfrontationen fielen bislang immer zugunsten des Königs aus.

Meinungsverschiedenheiten besaßen auf einmal einen fragwürdigen Anspruch und die Stimmen der Kontrahenten erhoben sich. Tags darauf scharwenzelte der Vater um den Sohn und der Sohn um den Vater, um sich für die verbalen Ausrutscher des Vortages zu entschuldigen. Man umarmte sich und war bestrebt, sich künftig beherrschen zu wollen. Bereits in diesem Moment wusste jeder, dass es ihm nicht gelingen wird. Aber den anderen im Arm zu halten tat gut. Vielleicht stritt man bloß deswegen, um den anderen später umarmen zu können.

Ferdinand und Phrasius lugten mit ihren Köpfen unterhalb des Textes aus einer Seite heraus und wagten einen vorsichtigen Blick in die Folgende. Sie mussten stets auf alles Mögliche gefasst sein. Schließlich besaß niemand eine Garantie darauf, dass sich Situationen nie ändern, weil man selbst nicht anwesend war. Die Zeit blieb für niemanden stehen, für Märchenwesen auch nicht. Mit dem Erreichen jeder weiteren Seite und jeder weiteren Geschichte, bewegten sich Ferdinand und Phrasius nicht nur in ihren Belangen vor– oder rückwärts, sondern passierten ebenso die Schicksale derer, die in den Geschichten eine Rolle spielten. Jeder König war ständig bestrebt sein Reich zu vergrößern und seinen Wohlstand zu mehren. Dazu führte er seine Krieger in eine Schlacht und kämpfte gegen einen Verteidiger. Manchmal gewann er, manchmal verlor er. Steckten Ferdi und Phrasius zu einem solchen Zeitpunkt ihre Köpfe unvorsichtig in die Gegend oder erschienen gar komplett, könnten sie sich inmitten einer solchen Schlacht befinden und könnten dabei gefährlich verletzt oder sogar umgebracht werden. Phrasius besaß zwar medizinale Kenntnisse, die jedoch spätestens dann an Wirkung verlören, wenn es ihn selbst erwischte.

Dort standen sie schon einst und nun taten sie es wieder. Sie blickten auf die Friedlichkeit des Dorfes, atmeten befreiend tief ein und machten sich auf, die letzten Schritte bis zum Wirtshaus in der Gewissheit hinter sich zu bringen, endlich am Ziel zu sein und sich gleich den Bauch voll schlagen zu können. Selbst an den Tisch, an dem sie auch bei ihrer letzten Einkehr saßen, konnten sie sich wieder hocken. Sie verwöhnten sich mit Speis und Trank und ließen nichts mehr übrig. Beide saßen mit kugelrunden Bäuchen da und hätten gerne ein Nickerchen gemacht, doch Ferdinand sah die Wagen mit dem Zirkuszelt, an dessen Farben er sich immer erinnern wird, durch das Fenster des Wirtshauses auf der Straße vorbeiziehen.

»Lisa …«, erklang es hauchdünn aus Ferdinands Mund, als würde man seine Gedanken hören können. Phrasius schaute irritiert zu ihm herüber, verfolgte seinen Blick und sah ebenfalls den Grund seiner Äußerung.

»Wohin fährt der Zirkus?«, fragte Ferdinand laut und richtete seinen Blick zum Wirt. Der schaute Ferdinand bloß unbekümmert an, zuckte mit den Schultern und scherte sich nicht weiter um die Angelegenheit. Ferdinand war außer sich vor Wut. Immerhin war er der Prinz und hatte den Wirt bloß um eine Auskunft gefragt. Man könne ihm also mit ein wenig mehr Respekt begegnen, fluchte Ferdi in sich hinein. Phrasius legte seine Hand beschwichtigend auf die Schultern seines Freundes. Plötzlich sprang Ferdi auf, griff nach einigen Münzen, knallte sie auf den Tisch und winkte Phrasius mit seinem Kopf entsprechend zu, damit er ihm folgte.

»Reg dich nicht auf«, sprach Phrasius besänftigend und zeigte auf die Zirkuswagen. »Dort hinten sind sie und irgendjemand hier im Dorf wird wissen, wohin sie fahren.« Ferdinand atmete befreiend aus, drehte seinen Kopf zu Phrasius, zwang sich zu einem Lächeln und gab dem Magier mit einem bedächtigen Kopfnicken zu verstehen, dass er höchstwahrscheinlich recht hat. Dann schnaufte Ferdi kräftig, als ob er sich selbst Mut zugesprochen hätte und machte sich mit Phrasius auf, die letzten Schritte zum Haus der fünf Rabauken zu gehen. Je weiter sie sich dem Haus dieser Spitzbuben näherten, desto höher zogen sich Ferdinands Mundwinkel und klebten fast unter seinen Augen. Phrasius war Ferdis schwärmerische Zuneigung für Tensi keinesfalls entgangen. Auch die Zwiespältigkeit, vor der sein Weggenosse nun stand, war ihm nicht fern geblieben.

Sich für eine zu entscheiden, bedeutete gleichsam die andere zu lassen. Keine der beiden war allerdings eine Prinzessin und nur von einer vermutete Ferdi, dass sie frei sei. Die andere schwirrte in Ferdinands Kopf als Erinnerung herum und brachte ihn bloß durcheinander. Auch in Phrasius’ Kopf existierten plötzlich wieder diese Fetzen, die erst in der Gesamtheit ihres Erscheinens ein komplettes Bild ergeben. Als einzelnes Exemplar ohne einen hinweisgebenden Tipp sind diese Teile unbrauchbar und stiften im Kopf nur Unruhe. Genauso erfuhr es wahrscheinlich Ferdinand augenblicklich. Er musste Lisa wiedersehen, um das Kapitel in seinem Kopf abschließen zu können. Eigentlich lief er einer Illusion nach, denn egal wie es um Lisas Wohlergehen bestellt wäre, würde sich nichts an der Sachlage geändert haben, dass sie nicht von königlichem Blute war. Sollte ein König sie jedoch mittlerweile zu einer Prinzessin gemacht haben, wäre sie bestimmt nicht mehr bei ihrem Vater im Zirkus. Doch Ferdinand konnte all das nicht wissen. Er konnte sich dieser Dinge bloß vergewissern und musste somit die Zirkuswagen erreichen. Phrasius sah eine Menge Tränen der Verzweiflung entstehen, wobei nicht Ferdinand zwangsläufig der Verzweifelte sein würde.

Endlich waren sie angekommen und klopften an die Türe. Tensi öffnete wie erwartet und Ferdinand konnte seine Freude nicht mehr verbergen. Sein Herz klopfte wie wild und sein Gesicht glühte. Am liebsten wäre er Tensi um den Hals gefallen und hätte ihr seine Gefühle gestanden, doch er musste sich zusammenreißen und Haltung bewahren. Also gab er ihr gebührend die Hand, begrüßte sie, nahm sie zwar in den Arm, doch sehr distanziert. Dann ging er voraus, um Phrasius nicht den Weg zu versperren. Phrasius nahm Tensi erheblich herzlicher in den Arm und begrüßte sie. Er hatte nichts, was er ihr gestehen könnte oder vor ihr zu verbergen hätte. Tensi drehte sich herum, rief ins Haus, dass Besuch da sei und schloss die Haustüre. Ferdinand wäre es lieber gewesen, sie hätte seinen Titel und seinen Namen mit säuselnder Stimme gerufen und die komplette Szene mit schmachtenden Blicken untermalt. Doch die Realität kam wieder schneller auf ihn zu, als er es für möglich hielt.

Im Salon erwarteten ihn und seinen Gefährten die fünf Rabauken, in gehabt undisziplinierter Art. Auch hier fiel seine Begrüßung recht zurückhaltend aus und wirkte fast ein wenig hölzern. Phrasius drängte sich an Ferdinand vorbei, begrüßte die Bande der Reihe nach herzlich und gab ihrem Anführer Sahara eindeutig zu verstehen, dass augenblicklich nichts in Sachen »Rache der Märchenwesen« zu unternehmen sei, da noch einige Dinge zu klären wären, da sich die Angelegenheit doch verworrener darstelle, als er es ursprünglich selbst annahm. Sahara verstand zugegebenermaßen nicht ein einziges Wort, doch er nickte höflich, machte eine Handbewegung, die allgemein als ›Abwarten‹ verstanden und von seinen Mannen mit einem Kopfnicken quittiert wurde.

Ferdinand hatte offensichtlich nur Augen für Tensi. Sie stand angelehnt im Türrahmen zur Küche und er schmolz nur so dahin. Er wusste nicht wie er sich verhalten sollte, wie er sich hinzustellen oder seine Hände zu bewegen hätte. Irgendwie stand er sich selbst im Weg und Tensi schien seine augenscheinliche Unsicherheit zu genießen. Sie fühlte sich endlich wieder begehrt und umschwärmt. Im Kreise der fünf Rabauken fühlte sie sich nicht einen Augenblick als junge und lebenshungrige Frau, sondern als Mitglied einer furchteinflößenden Gesellschaft mit einem äußerst fragwürdigem Erscheinungsbild. Auch die Tatsache, dass niemand von ihrer wahren Identität wissen durfte, weil sie allgemein als ›tabu‹ galt, stimmte sie ärgerlich. Immerhin war sie die Tochter aus einem königlichen Haus und für die finanziellen Eskapaden ihres Vaters nicht verantwortlich. Tensi vertrat die Ansicht, dass ihr ein wenig Licht des ehemaligen Glanzes zustehen würde. Aber sie durfte es nicht zeigen und niemandem sagen. Manchmal kam sie sich wie ein Gegenstand vor, der lediglich der Dekoration samt der Prahlerei, jedoch nicht seinem eigentlichen Zweck diente. Ein besonderes Gemälde in einem auffälligen Rahmen, dessen Schicksal sich ausschließlich auf die Bewunderung beschränkte. Wie gerne würde sie Ferdinand als Prinzessin gegenübertreten, ohne dabei ihre und die Existenz der fünf Rabauken bloßzustellen. Tensi bot sich keine andere Wahl.

Ferdinand konnte es nicht verbergen: Er war verliebt. Er genoss es einerseits sehr, doch andererseits blickte er einer möglichen Begegnung mit Lisa skeptisch, ja beinahe schon ängstlich entgegen, da er einen Gleichstand seiner Gefühle befürchtete, dem er mit einer Entscheidung zu begegnen hätte und davor würde er sich liebend gerne drücken. Entscheidungen waren nicht seine Welt. Was auf der einen Seite hochgehoben wurde, ging auf der anderen Seite in gleichem Maße unter. Allein die Möglichkeit jemandem dabei ein Unrecht zufügen zu können, war ihm stets abhold. Ein Prinz zu sein bedeutete Ferdinand viel. Alles war im Reich geregelt. Waren die jeweiligen Gesetze, Bestimmungen und Verordnungen nicht auf das Wort seines Vaters zurückzuführen, so betraf es das Wort seines Großvaters oder dessen Vater. Egal wer einen Umstand verfügte: Er war es jedenfalls nicht. Für nichts hätte man ihn verantwortlich oder missbilligend anschauen können. Jede Entscheidung beruhte generell auf einer Bestimmung, die nicht seinem Bestreben unterlag, sondern stets das eines anderen. Ferdinand war der Prinz, aber nie der Schuldige. Das war der Hauptanteil der Portion, die er als Glück empfand. Komplett wäre es mit einer Frau an seiner Seite, die den Traditionen entspräche und diskussionslos von seinen Eltern akzeptiert würde. Gegen eine Liebelei mit einem Zirkusmädchen hätte niemand etwas einzuwenden gehabt, solange diese Person nicht auf dem Thron neben ihm gesessen hätte. Ferdinand war völlig verwirrt. Wenn er Tensi ansah, dachte er an Lisa und wenn er an Lisa dachte, sah er Tensi. Wären sie doch bloß ein und dieselbe Person, dann hätte seine Reise ein Ende.

Phrasius setzte sein Wort fort und entschuldigte sich zunächst einmal für den überfallartigen Besuch. Gleichsam bat er um Verständnis für die Tatsache, nicht lange bleiben zu wollen, denn sie hätte gerade die Wagen des Zirkus gesehen und müssten sie unbedingt erwischen. Wenn jemand wüsste, wohin es die Wagen zieht, wäre er der Person sehr dankbar, ließ Phrasius verlauten.

»Der Zirkus gastiert gleich im übernächsten Dorf«, sagte Alaska. »Dort könnt ihr bequem zu Fuß hingehen, ohne euch durch die Geschichten bewegen zu müssen. Nehmt die Abkürzung durch den Wald, dann müsst ihr keinen Umweg machen«, fügte er noch an, als er sah, wie sich die beiden bereits bäuchlings bewegten.

»Auf dem Rückweg kommen wir wieder vorbei und bleiben dann auf jeden Fall länger«, sagte Ferdinand und schaute verpflichtend zu Tensi, die absichtlich ihren Blick gesenkt hatte, um Ferdinand indirekt zu bestrafen. Sie wusste nicht, warum er schon wieder ging, doch sie reagierte auf seinen plötzlichen Aufbruch berechnend eigensinnig. Ferdinand sollte es zu spüren bekommen, dass es ihr etwas ausmachte, wenn er wieder ging, ohne sich ein einziges Mal hingesetzt zu haben. Tensi war eifersüchtig auf etwas, von dem sie noch nicht einmal wusste, um was es sich überhaupt handelte.
Die Beiden ließen sich nur noch die Richtung zeigen und befanden sich schon wieder auf Schusters Rappen. Von überall winkte es.

Selbst aus den Fenstern des Hauses ragten Hände und wedelten mit einem bunten Tuch. Tensi stand geziemt in der geöffneten Türe und wartete sehnsuchtsvoll darauf, dass sich Ferdinand zu ihr umdrehen würde. Sie kannte ihre Handlungsweise und die lief wie der Faden eines Spinnrades in ihr ab. Würde sich Ferdinand umschauen, hätte sie ihren Blick wieder schamhaft zu senken, ohne ihn dabei zu ignorieren. Ferdinand besäße zwar ständig das Gefühl von ihr angeschaut zu werden, aber in dieser unterwürfigen Weise, die man eher von unartigen Kindern erwartet. Als Prinzessin war Tensi jedoch von Kindesbeinen auf diese Art der Begegnung vorbereitet worden. Ein fordernder, aufsässiger, frecher oder gar patziger Blick stand ihr nicht zu und dieser unausgesprochenen Anordnung hatte sie sich zu fügen. Also demonstrierte sie Reue und Folgsamkeit, als Hinweis auf ihre standesgemäße Erziehung.

Damit hatte Ferdinand nicht gerechnet. Etwas passierte in ihm. Unsicherheit breitete sich in ihm aus. Er kannte dieses, nur durch eiserne Wiederholung anerzogenes Verhalten und wusste, dass es sich dabei nur um eine Person mit königlicher Herkunft handeln konnte. Ihm waren diese Blicke nicht fremd, denn jede ihm vorgestellte Prinzessin begegnete ihm so. War Tensi vielleicht eine Prinzessin? In Ferdinands Kopf rannte ein Gedanke den nächsten um, drängt sich vor oder meldete sich lautstark, um Beachtung zu finden. Aber warum würde sie dann in den vier Wänden der fünf Rabauken als Haushaltshilfe arbeiten? Tensi sah deutlich, dass sich Ferdinands Gedankenwelt bewegte und hoffte, dass all diese Fragen in seinen Kopf einschlagen werden, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Auf jeden Fall betrachtete sie ihre Reaktion als Erfolg ihres Mutes.

Ohne den Anschluss an Phrasius zu verlieren, marschierte Ferdi weiter drauflos. Er richtete seinen Blick wieder nach vorn, doch er blieb für den Moment verwirrt. Bis zu einem Wiedersehen mit Lisa musste er einen klaren Kopf bekommen. Phrasius schlug eine Rast vor und setzte sich schon gemütlich an einen Schatten spendenden Baum. Er schloss die Augen und wendete sein Gesicht in Richtung der Sonne. Ferdinand tat ihm gleich und kämpfte gegen eine unsichtbare Übermacht, die unablässig an seinen Augenlidern zerrte und ihn zu schlafen anwies.

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