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Meuterei auf der BountyJahrelang befährt er schon die Weltmeere und jahrelang ist er immer nur für kurze Zeit daheim. Aus jedem Land, in dem sein Schiff vor Anker ging, schickte er seinen Lieben eine Postkarte. Mittlerweile nahmen sie schon eine ganze Wand ein.

Seine freie Zeit an Bord verbringt er am liebsten mit dem Bau von sogenannten Buddelschiffen. Diese recht fummelige Beschäftigung erfordert eine Menge Ruhe und Konzentration. Wahrscheinlich fertigte er bereits über ein Dutzend dieser fragilen Objekte und deponierte sie in seiner Kajüte.

Augenblicklich verbringt er einen Großteil seiner Mußestunden mit der Schaffung eines ganz besonderen Segelschiffs, das sogar historischen Hintergrund besitzt. Nach der Fertigstellung will er es seinem Sohn überreichen. Der wird es womöglich auf seinen Schrank direkt neben dem Fenster stellen.

Geschafft. Die letzten Handgriffe waren getan und das beste, komplizierteste und größte Buddelschiff, das er je gebaut hatte, lief vor seinem geistigen Auge vom Stapel und berührte zum ersten Mal das Wasser … dabei hielt er bloß eine Glasflasche, in der sich dieser Dreimaster befand, in seinen Händen.

Mit aller Vorsichtig stellte er sein Meisterwerk auf dem Boden ab und schob es achtsam unter seine Koje. Dort war es gut aufgehoben.

Nur noch wenige Tage trennten ihn bis zum Erreichen des Heimathafens, wo er seine Familie endlich wieder in den Arm nehmen konnte. Vorsorglich schaute er nach dem Flaschenschiff und zog es langsam und bedächtig unter seiner Koje hervor.

Doch was war das? Etwas war anders! Zwar lag kein Schaden vor, doch irgendetwas stimmte nicht. Möglicherweise hätte jeder andere nicht den kleinsten Unterschied zum vorherigen Zustand festgestellt … doch er spürte es genau. Etwas war ganz anders.

Wie immer verstaute er alles in seinem Seesack. Bloß das Schiff in der Flasche trug er auf seinen Händen. Das überreichte er zuerst seinem Sohn und nahm dann seine Frau in den Arm. Er drückte sie so fest, sodass sie nach Luft schnappen musste – so groß war seine Freude.

Und wie er es bereits ahnte, stellte sein Sohn das gute Stück in seinem Zimmer auf die Kommode direkt neben dem Fenster. Dort konnte er es jeden Tag bewundern.

Am nächsten Morgen wurde der Sohn von einem mordsmäßigen Radau und einem angsteinflößenden Geschrei geweckt. Im Nullkommanichts sprang er aus dem Bett, um die Quelle des Geräuschs ausfindig zu machen. In leicht gebückter Haltung und mit nach vorne gestrecktem Kopf schlich er durch sein Zimmer, doch er konnte nichts finden, was diesen Lärm verursachen würde.

Jedesmal, wenn er sich an dem Buddelschiff vorbeibewegte, wurde das Getöse lauter, doch es klang so merkwürdig dumpf, als würde sich eine Wolldecke darüber befinden. Aus der Flasche kann es nicht kommen, dachte er. Darin befindet sich nichts, was einen derartigen Krach verursachen könnte. Doch je näher er mit seinem Ohr an das Glas der Flasche kam, desto deutlicher wurde der Krawall.

Und dann stellte er sich genau davor, um seine Augen von dem zu überzeugen, was sein Kopf sich zu begreifen weigerte. Der Lärm kam tatsächlich aus dem Bauch des Seglers. Plötzlich flogen einige Luken und Türen auf und bewaffnete Seeleute stürmten ans Deck. Über irgendetwas waren sie in Streit geraten und brüllten sich gegenseitig an. Fatalerweise verstand er ihre Sprache nicht.

Einer stach mit einem Säbel zu und ein anderer sank blutend zusammen. Sofort war es still, aber die Stille hielt nur wenige Sekunden vor. Dann begannen sie sich zu beraten, murmelten miteinander und er verstand wieder kein einziges Wort. Ein paar von ihnen gingen dann auf den Toten zu und warfen ihn über Bord. Da lag er nun. Auf dem Glas einer gewöhnlichen Flasche.

Die anderen gingen wieder unter Deck, schlossen die Luken und Türen und ebenso schnell, wie der Spuk entstand, war er auch schon wieder zu Ende. Gerade wanderten seine Augen zu der Leiche, doch auch die war nicht mehr da.

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