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Der SchaufensterbummelLangweilig wurde es nie. Schaufensterbummel nannten sie ihren Rundgang der dienstlichen Art. Mitten in der Nacht führte sie ihr Weg tagtäglich durch die hell erleuchteten Ladenpassagen der Innenstadt und vorbei an den abwechslungsreich und bunt dekorierten Schaufenstern der großen Kaufhäuser.

Im Winter war es oftmals kalt. In den wärmeren Jahreszeiten stieg die Temperatur merklich an. Einige Obdachlose machten sich die weniger zugigen Ecken zunutze und suchten einen trockenen und sicheren Platz, um die Nacht dort zu verbringen.

Für die beiden Streifengänger gab es immer etwas zu sehen. Für sie wurde es mit den Jahren zwar zur Routine, doch eine modische Neuigkeit folgte der nächsten. Auf diese Weise wurden die beiden Ordnungshüter stets aktuell informiert.

KBV notierten sie dann in ihren kurzen Bericht. Keine besonderen Vorkommnisse. Bloß – aber das behielten sie zunächst für sich – stand bei ihrer letzten Runde ein zur Hälfte zugeklappter Karton in der Größe eines Werkzeugkoffers im vorletzten Schaufenster auf der rechten Seite dieser Einkaufsmeile.

Etwas Zusammengerolltes lugte heraus.
Der Pappkarton befand sich direkt neben den beiden offensichtlich männlichen und aufrecht stehenden Schaufensterpuppen. Er machte einen stabilen Eindruck und eigentlich war er nicht zu übersehen.

Seltsam war es schon, denn niemandem sonst schien er noch aufgefallen zu sein. Ihnen stach er sofort ins Auge. Ihren geschulten Blicken entging nichts. Er war weder augenfällig, noch bewegte er sich. Er stand bloß da. Hatte ihn der Dekorateur versehentlich vergessen oder stand er womöglich absichtlich da?

Sollte er möglicherweise die Szene ergänzen? Handelte es sich sogar um einen Aufmerksamkeitstest oder gar um ein Preisausschreiben für die Passanten? Nirgendwo war ein Aushang angebracht worden oder stand etwas Erläuterndes angeschrieben … demnach würde es nichts zu gewinnen geben.

Der Streife kam das alles sehr eigenartig vor.
Jedenfalls nahmen sich die beiden Polizisten vor, dieses Schaufenster und besonders den Karton genauestens im Auge zu behalten.

Am nächsten Tag, als sie überhaupt nicht mehr an diese Pappschachtel dachten, hörten sie von einem Einbruch, bei dem ein wertvolles Gemälde aus dem Rahmen geschnitten und gestohlen worden war. Um unerkannt fliehen und die Beute so unauffällig wie nur möglich transportieren zu können, mussten die Täter die Leinwand wohl zusammengerollt haben.

Schlagartig schauten sich die Beiden an und jeder wusste, woran der andere gerade gedacht hatte: der Karton.

Anstatt den wohlverdienten Feierabend anzutreten, begaben sie sich in die Ladenpassage, schauten in das betreffende Schaufenster und staunten nicht schlecht. Der Karton war weg.

Noch vor einer Weile stand er scheinbar unbeachtet da und schien sich plötzlich in Luft aufgelöst zu haben. Kartons bewegen sich nicht von selbst … irgendjemand muss hier beteiligt sein! Bloß wer? Das Geschäft öffnete erst in einer halben Stunde. Es war noch niemand anwesend. Drinnen bewegte sich nichts. Alles war noch dunkel. Doch irgendwer besaß zu genau diesem Schaufenster Zutritt! Aber wer? Die Person musste von innen gekommen sein, denn von außen ließ sich das Schaufenster nicht öffnen! Also verfügt die Person über einen Schlüssel … vielleicht sogar über einen Nachschlüssel.

Den beiden Ordnungshütern blieb nichts anders übrig, als bis zum Eintreffen der kompletten Belegschaft zu warten. Dann gingen sie hinein, stellten sich vor und schilderten die unglaubliche Situation und sprachen auch von dem Einbruch. Anschließend sprachen sie mit jedem Angestellten und machten sich eifrig Notizen. Niemand wusste etwas. Keinem war der Karton bisher aufgefallen. Und von einem Preisausschreiben, dem Aufmerksamkeitstest im Sinne eines ›Hinguckers‹ oder einem Versehen des Dekorateurs, wollte selbst der Geschäftsführer nichts gewusst haben.

Nun war der Ehrgeiz der beiden Polizisten geweckt worden, denn jetzt ging es um ihre Berufsehre. Für die kommende Nacht nahmen sie sich vor, sich ausnahmslos mit diesem Schaufenster zu befassen. Also positionierten sie sich so, dass sie alles problemlos einsehen konnten und legten sich auf die Lauer.

Mucksmäuschenstill war es und stockdüster. Lediglich der Innenraum des dekorierten Fensters war erhellt. Die vorbeischlendernden Passanten, die verliebten Pärchen und die fröhlichen Spätheimkehrer wurden immer weniger.

Der SchaufensterbummelUnd dann trauten sie ihren Augen nicht. Aus den Schaufensterpuppen traten zwei Geschöpfe, die den weiterhin dort stehenden Puppen zum Verwechseln ähnlich sahen. Es war so, als schlüpfte ein Individuum – wie ein Geist – aus einem anderen heraus und nahm dann eine feste Gestalt an. Optisch betrachtet standen somit vier Figuren da, von denen sich allerdings zwei frei bewegen konnten.

Die zwei Gestalten guckten sich wortlos an, nickten sich erkennbar zu und verschwanden durch die Frontscheibe des Schaufensters, ohne dabei einen Riss, eine Scherbe oder ein einziges Geräusch zu verursachen. Im Nu hatten sie die Dunkelheit der Nacht erreicht und verloren sich darin, als wären sie nie da gewesen.

Auch die beiden Polizisten schauten sich wortlos an. Ihre Gesichter drückten Ratlosigkeit aus, denn ihre Augen waren weit aufgerissen, ihre Münder standen offen und ihre Schultern zuckten unaufhörlich. Die beiden Gestalten waren derweil auf und davon und auch im Schaufenster tat sich nichts mehr.

Somit beschlossen die beiden Uniformierten die Situation weiterhin zu beobachten. Eine innere Stimme sagte ihnen, dass in dieser Nacht noch etwas passieren würde, worauf sich zu warten lohnt.

Stunden vergingen.

Als kaum noch jemand an etwaige Aktivitäten, die sich in dieser Nacht ergeben sollten, dachte, traten die beiden Gestalten ebenso aus der Dunkelheit hervor, wie sie in ihr verloren gingen.

Von einem Wimpernschlag zum nächsten waren die beiden Beobachter wieder fit.

Eine der beiden Gestalten trug einen Karton unter seinem Arm, aus dem ein goldener Dolch herausschaute, dessen üppig verzierter Griff einige kirschkerngroße und verschiedenfarbige Edelsteine aufwies. Sie bewegten sich auf das Schaufenster zu und gingen durch das Glas, als ob dort gar keine Scheibe vorhanden gewesen wäre. Dann stellten sie den Karton auf die Stelle, an der bereits die andere Kiste stand und verschwanden in den beiden vorhandenen Schaufensterpuppen, in dem sie sich ihnen rückwärts näherten. Alles dauerte nur wenige Momente. Anschließend stellte sich alles wieder starr und still dar. Die gesamte Szene erweckte denselben Anschein wie immer.

Und dann verschwand der Karton vor ihren Augen. Es war so, als würde er sich langsam in Luft auflösen. Nichts davon blieb übrig.

»Einbruch im Museum«, titelten die Zeitungen am kommenden Tag. Auch einige Bilder der gestohlenen Gegenstände waren abgebildet zu sehen. Unter ihnen las man: »Diebstahl von unersetzbaren Wertgegenständen«.

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