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Doisenbergs Erbe

Doisenbergs ErbeAls Lieblingsneffe erbte er das gesamte Vermögen des alten Grafen Gottfried von Doisenberg. Andrews Traum war es immer schon, ferne Reisen zu unternehmen, um den Geheimnissen der alten Pharaonen auf die Spur zu kommen.

Seit dem frühen Tod seiner Eltern, wohnte er bereits seit Kindesbeinen auf dem Anwesen des Erblassers und ersetzte dort unfreiwillig die Lücke, die ein Sohn des Grafen gefüllt hätte, wäre er jemals verheiratet gewesen.

Nachdem sämtliche Kondolationen erfolgt und die üblichen Beerdigungsfeierlichkeiten vorüber waren, ließ Andrew eine angemessene Zeit der persönlichen Verabschiedung passieren. Sie sollte sowohl die Nähe, als auch den nun herrschenden Abstand zu seinem Onkel deutlich machen.

Theoretisch waren ihm sämtliche Umstände aus Büchern bekannt, doch endlich bot sich ihm die Gelegenheit, das alles auch mit eigenen Augen zu sehen und mit seinen eigenen Händen anzufassen.

Zu seines Onkels Lebzeiten war ihm gar nichts anderes übrig geblieben, sich seinem Vorhaben in Büchern zu nähern. Geistig befasste er sich schon lange mit diesen Dingen und wäre liebend gerne als Mitglied einer Expedition nach diesem geheimnisvollen Kontinent gereist. Es wurde ihm aber verwehrt. Schließlich würde er nun die alleinige Verantwortung tragen und all das wäre viel zu gefährlich, waren stets die Worte seines Onkels. Er müsse sich später Vorwürfe machen und auch das würde nicht in seiner Absicht liegen, ließ er pausenlos wissen. Und genau danach hatte sich Andrew trotz seiner Volljährigkeit zu richten … entsprechend fügte er sich zähneknirschend.

Jetzt gestaltete sich die Sachlage anders, denn nun war niemand mehr da, der ihm Weisungen erteilten konnte oder dessen Vorgaben für ihn gültig waren. Jetzt waren seine Ideen das Richtmaß.

Auf einmal musste sich eine Expedition nicht mehr nur in seinem Kopf abspielen. Die Planung, Musterung und Bildung einer professionellen Gruppe sollte nicht als bloße Fantasie seiner Gedanken verkümmern. Also schaute er sich nach fachkundigen Leuten um und stellte ein erprobtes Team zusammen.

Das war schnell geschehen. Schließlich existierte seine Absicht schon einige Zeit als ausführbare Konstruktion seiner Überlegung. Innerlich standen bereits sämtliche Koffer, Kisten und andere Objekte, die seine Ausrüstung komplettierten, parat.

Das Erreichen einer anderen Welt, anderer Grenzen und fremder Werte. Das Kennenlernen und in Erfahrung bringen neuer Eindrücke und völlig unbekannter Umstände … das war sein Bestreben und das alleine sollte auch die Intention seiner Mitstreiter sein. Er wollte nicht zufällig auf etwas stoßen, sondern zielgerecht und mit dem Vorsatz vorgehen, etwas zu finden.

Die Mannschaft verstand sich prächtig. Untereinander herrschte ein joviales Übereinkommen und jeder verstand sein Handwerk. Allem, was nicht verstanden wurde oder nicht der eigenen Kultur entsprach, wurde mit gesunder Neugierde und dem nötigen Respekt begegnet.

Jahrtausend alte Techniken wurden ehrfürchtig bestaunt und genauestens untersucht. Reich verzierte und mittels einfachster Werkzeuge in den groben Fels gehauene Gräber der einstigen Herrscher, galten als die Ufer zu einer anderen Welt, in der die Bedingungen ganz und gar andere sein mussten. Keiner der Verstorbenen sollte dort bedürftig erscheinen müssen und so legte man ihrer Ruhestätte das bei, was sie schon zu ihrer Lebzeit als König auszeichnete – Pracht und Reichtum.

Nirgendwo vernahmen sie einen Fluch, eine Warnung oder sonstige Botschaften. An keiner Stelle stießen sie auf einen einzigen Hinweis. Über ihnen begrenzte der Stein die Kammer und im Freien tat es der Himmel. Er bot auch schon den Menschen der früheren Zeiten das Dach, welches lediglich aus funkelnden Punkten zu bestehen schien.

Diese Sterne waren die Heimat der Götter. Von dort kamen sie und nur dahin kehrten sie wieder zurück, wenn sie die Erde verließen. Wer als gottähnlicher König, nämlich als Pharao starb und dadurch das Ende seines Aufenthaltes auf Erden erreicht hatte, trat diese Reise ebenso an.

All das wusste Andrew bereits aus den Büchern. Doch jetzt war er selbst dort, konnte alles angucken, anfassen und in wahrsten Sinne des Wortes beschnuppern. Er legte sich in einen Sarkophag, und zwar genauso, wie er es schon zigmal vorher gesehen hatte. Auch hielt er die gleichen Gegenstände in seinen Händen.

Anschließend gab er das Kommando, den Sarg mittels des Deckels zu schließen und ihn erst wieder zu öffnen, wenn er dazu auffordern würde.

Andrew lag nur da. Er fürchtete sich nicht und er sah nichts. Hören konnte er auch nichts. Es roch ein wenig seltsam. Schlief er bereits und träumte oder war er immer noch wach? Er wusste es nicht. Eigenartigerweise vermochte er sich jedoch im Traum die Frage zu stellen, ob er überhaupt träumen würde und das konnte er noch nie. Demnach träumte er gar nicht. Oder doch?

Er war verunsichert. War er jemals zuvor im Traum verunsichert? Nun bewegte sich etwas. Trugen seine Leute ihn davon? Bewegten sie diesen tonnenschweren Klotz durch die Gegend? Niemals! Er reiste. Diese Art der Bewegung war ihm bekannt. Wahrscheinlich flog er. Doch wohin? Es drückte ihn weder an eine der beiden Seiten und auch nicht nach oben oder unten. Ebenso verspürte er keinen erhöhten Druck auf den Brustkorb. Seine gekreuzten Arme ließen sich auch mühelos bewegen. Doch er bewegte sich mit deutlich spürbarem Empfinden. Was geschah momentan? Bildete er sich alles bloß ein und wurde das Opfer seiner eigenen Erwartung?

Ein Geräusch ließ ihn erschrecken. Er kannte es. Es war das gleiche, das beim Aufsetzen und Schieben des Deckels auf dem Sarkophag entstand.

Licht fiel durch einen schmalen Spalt in seine Dunkelheit. Jemand schob tatsächlich die Abdeckung des steinernen Schreins zur Seite. Genau das hatte er doch ausdrücklich untersagt. Andrew musste feststellen, dass es niemand aus seinem Team war. Plötzlich sah er seinen Onkel, der ihn sanft anlächelte und die Hände zum Gruß ausgestreckt hatte. Andrew griff danach, doch er spürte sie nicht.

Sein Onkel bat ihn erneut, nach den Händen zu greifen, doch Andrew konnte sie nicht fassen. Dort sei er an dem Ort, den es gar nicht geben sollte, den noch nie zuvor ein Lebender betrat und ihn ebenso wieder verließ und vor dem er ihn immer schon bewahren wollte, hörte er seinen Onkel sprechen. Dann schob Andrews Onkel den Deckel wieder zurück und im Inneren herrschte erneut Finsternis.

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