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Das falsche SandmännchenWie an einem Fallschirm hängend, segelte das bloß faustgroße Kerlchen aus der Baumkrone zu Boden und hielt sich dabei nur an zwei Blättern fest.

Rings um ihn herum sah er Bäume. Er befand sich mitten im Wald. In weiter Ferne quoll Rauch aus den Kaminen der Häuser und in diese Richtung marschierte er.

Plötzlich sprang ein anderes Männchen hinter einem Baum hervor und erkundigte sich nach dem Ziel des Marschierenden. Dem Aussehen nach gehörte es zur gleichen Gattung, doch es war fast doppelt so groß. Er wolle bloß in die Stadt, gab das kleinere Männchen zu verstehen und machte einen beflissenen Eindruck.

Das gefiel dem Größeren und hielt ihm einen plakatartigen Zettel vors Gesicht, den er kurz zuvor noch von dem Baum abgerissen hatte, hinter dem er hervorgesprungen war. Darauf stand zu lesen, dass die Vereinigung der Sandmännchen ständig nach Verstärkung sucht.

Er wirkte stark auf das kleinere Männchen ein und überredete es, sich dort einstellen zu lassen. Schließlich wäre er figürlich und von der ganzen Art her geradezu prädestiniert.

Das kleine Kerlchen fühlte sich geschmeichelt und willigte ein. Noch bevor es wieder drauflosging, nahm es eine Handvoll besonderen Sand in Empfang. Ebenso erhielt es die Order, jedem seiner Kunden vorsichtig eine Wimper herauszuziehen, sie sorgsam zu behandeln und sie nur bei ihm abzuliefern.

Dann waren sie sich einig und besiegelten ihre Abmachung mit einem kräftigen Handschlag. Entschlossen zog der kleine Kerl wieder seines Weges in Richtung Stadt. Frohen Mutes war er, stellte er sich doch alles erheblich mühevoller vor. Nun hatte er auf einmal alles zusammen erledigt.

Er ging in die Stadt zur Sandmännchenzentrale. Dort wurde er umgehend eingestellt und bekam einen Bezirk zugewiesen, deren Bewohner er zu späterer Stunde aufzusuchen und in den Schlaf zu bringen hatte. Bevor er ging, wurde ihm noch die typische Uniform übergeben und anschließend sollte er sich auch noch das Wichtigste überhaupt nehmen, nämlich einen Sack mit Schlafsand. Und auf den sollte er gut aufpassen.

Das tat er dann auch und mischte die Menge, die er vom größeren Männchen erhalten hatte, darunter. Dabei handelte es sich um ein sandähnliches Pulver, das eine kurze, jedoch äußerst intensive Betäubung bewirkt, aber ansonsten völlig harmlos war. Nun war er ganz offiziell ein Sandmännchen und hatte das Gefühl, ein wenig gewachsen zu sein.

Nervös war er und fieberte seinem ersten Einsatz entgegen. Eigentlich könnte er nichts falsch machen. Alle Vorgänge erforderten weder Übung noch besondere Fähigkeiten. Im Prinzip könnte es jeder tun, doch nicht jeder war von dieser Größe und außerdem wurde er sofort unsichtbar, sobald ihn ein Mensch anzuschauen versuchte.

Neugierig war er aber und dass er nicht wusste, was mit den Wimpern geschah, machte ihn total kribbelig. Allein darum konnte er seinen ersten Einsatz fast gar nicht erwarten. Unentwegt schaute er auf die große Kirchturmuhr, denn der Schlag der Glocke sollte ihm als Hinweis dienen.

Dann kam der Abend und brachte die Dunkelheit mit. Gemütlichkeit beherrschte die Stadt und zwang die rege Betriebsamkeit langsam zur Ruhe.

Das aufmerksame Männchen schulterte den vollen Sack und machte sich langsam auf den Weg. Die Lichter in den Häusern dienten ihm zur Orientierung. Eines nach dem anderen wurde gelöscht, denn nun war Schlafenszeit.

Mit Bedacht streute er seinen Sand in die Augen der bereits Schlafenden oder immer noch gähnenden. Die Betäubung wirkte sofort. Denen, die dann umgehend in die Welt der Träume sanken, zupfte er vorsichtig eine Wimper aus und gab sie pfleglich in eine besondere Tasche. Anschließend suchte er den nächsten Bewohner auf und vollführte dort dieselbe Prozedur.

So verlief es den Rest des Abends und ebenso sollte es sein. Nach wenigen Tagen würde die Tasche voll sein und erst dann sollte er sie zurückgeben. Noch immer wusste er nicht, was mit den Wimpern passieren würde. Wozu könnte man eine Wimper gebrauchen? Niemandem würde es auffallen, wenn ihm eine Wimper ausgegangen wäre oder sie im Schlaf verloren hätte! Auch würde niemandem das Fehlen einer Wimper bei einer anderen Person bemerken.

Das Männchen war fleißig und schon bald war diese besondere Tasche voll. Nun musste er sie abgeben, das war der Handel, den er mit seinem Handschlag bekräftigt hatte.

Also begab er sich wieder in den Wald an die Stelle, wo er das größere Männlein zum ersten Mal traf und übergab ihm die mit Wimpern prall gefüllte Tasche. Der nahm sie freudestrahlend entgegen, nickte dankend und gab dem falschen Sandmännchen eine leere Tasche, die ebenfalls mit Wimpern zu füllen sei.

Eile war offenbar nicht geboten. Keiner der beiden sprach von Hast oder Pünktlichkeit. Das Männchen nahm die leere Tasche in Empfang, drehte sich herum und machte sich wieder auf den Weg zur Stadt, um abends seinen Dienst antreten zu können. Immerhin sollte man sich auf ihn verlassen können. Auch war er sehr froh darüber, sofort eine Beschäftigung gefunden zu haben und erwies sich somit gern dankbar. Die Sache mit den Wimpern plagte ihn jedoch sehr und die Neugierde darüber quälte ihn.

Das Rascheln der Sträucher und Büsche im Wald ließ ihn vermuten, dass sich das größere Männchen auch wieder in seine Behausung begab.

Auf dem Marsch in den Ort seiner nächtlichen Beschäftigung und um endlich seine Wissbegierde bändigen zu können, fasste er den Entschluss herauszubekommen, was es mit den Wimpern auf sich hatte. Er musste das andere Männchen ausspionieren, sonst würde er selbst nie mehr Ruhe finden.

Schon bald holte ihn sein Treiben wieder ein. Eigenartigerweise füllte sich der Sack mit dem Sand stets von selbst nach. Das erwies sich einerseits als vorteilhaft und sparte Zeit und Mühen, doch andererseits wirkte es sich ungünstig auf das Mischungsverhältnis aus. Das falsche Sandmännchen beschloss kurzerhand, die gesonderte Tasche ab sofort ohne jegliche Betäubung zu füllen. Schließlich fallen Wimpern auch ohne fremdes Dazutun aus und außerdem wollte er niemandem – der in seinem Bezirk Ansässigen – ein Bein oder einen Arm ausreißen.

Es dauert wieder eine Zeit, bis die Tasche mit dem Wimpern so voll war, um sie abzugeben und gegen eine leere auszutauschen. In Folge dessen begab er sich erneut in den Wald, erinnerte sich unentwegt an sein Vorhaben den anderen auszuspionieren und war bester Dinge.

Da sah er ihn stehen. Las er seine Gedanken oder stand er zu bestimmten Tageszeiten immer dort? War es ein Zufall oder Absicht? Lauerte er vielleicht nicht nur ihm auf, sondern anderen ebenso? Bekam er womöglich von all den anderen auch immer ein gefülltes Säckchen mit Wimpern? In dem kleineren Männchen wuchs der Wissensdrang jetzt erst recht.

Lächelnd gingen sie aufeinander zu, umarmten sich wie alte Freunde und das kleinere Männchen übergab den besonderen Sack mit den Wimpern dem größeren. Anschließend verabschiedeten sie sich wie sonst auch und gingen ihrer Wege.

Das falsche Sandmännchen tat allerdings nur so, als würde es sich wieder auf den Weg machen. Stattdessen schlich es dem anderen hinterher und versuchte dabei keinen Mucks von sich zu geben. Jedes Knacken der Äste und jeder Schritt auf ein welkes Blatt, könnte ihn verraten und sein Vorhaben Zunichtemachen. Nach einigen Minuten durch das Dickicht des Waldes erreichten sie eine Höhle, die sich unter den Wurzeln eines uralten Baumes befand.

Der Eingang war moosbewachsen und lange, dünne und verholzte Kletterpflanzen hingen dort hinab. Jeder, der in diese Höhle gehen würde, musst sie unweigerlich berühren und brachte sie somit in Bewegung. Es war wie die beste geräuschlose Alarmanlage. Dort blieb das kleinere der beiden Männchen stehen und beobachtete das Geschehen vom Eingang aus. Zwischen den lianenartigen Gewächsen ließ sich erstaunlich gut hindurchblinzeln, weil in der Höhle mittlerweile Laternen brannten.

Da stand er und traute sich kaum zu atmen. Mitten im Raum befand sich ein Webstuhl, der aus einem dunklen Holz gefertigt war. Überall standen merkwürdige Gegenstände herum. So etwas hatte das falsche Sandmännchen noch nie gesehen. Und dann setzte sich das größere Männlein an diesen Webstuhl und fertigte aus den Wimpern fliegende Teppiche.

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