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Die Grenze aus Glas – Das Haus gegenüber. | Das komplette Kapitel 21

Kapitel 21 – Eine andere Welt

Die Grenze aus Glas – Das Haus gegenüber. | Das komplette Kapitel 21Vielleicht war es Übermut oder bloß eine unkontrollierte Reaktion, als sie dem Wagen von ihrem Fenster aus zuwinkte und ihn bloß wissen lassen wollte, dass sie gleich da sei.
Für einen letzten Blick in den Spiegel huschte sie noch einmal ins Badezimmer, schnappte sich dann die Reisetasche und eilte die wenigen Schritte hinaus zum Auto.
Als sie der Fahrer herannahen sah, stieg er aus, um ihr das Gepäck abzunehmen, in den Kofferraum zu verstauen und ihr den Wagenschlag aufzuhalten. Derlei Umgangsformen war sie seit langer Zeit nicht mehr gewohnt.

Sie nahm im hinteren Teil des Automobils Platz. Der Chauffeur startete den Motor und fuhr los. Er war mit einem mausgrauen Anzug bekleidet und trug außerhalb des Fahrzeugs eine Schirmmütze, die augenblicklich auf dem Beifahrersitz lag.
Als die Fahrt begann erkundigte er sich, ob ihr die Temperatur angenehm wäre und ob sie es bequem hätte. Amalie nickte. Er sah ihre Reaktion im Rückspiegel. Ansonsten sprach er kein einziges Wort.

Amalie war es so, als tauchte sie mit dem Kopf unter Wasser und befand sich in einer anderen Welt, von der zurückzukehren es für sie ein Leichtes wäre. Schon seit ihrer Kindheit träumte sie von einem Dasein als Prinzessin, doch noch nie ging dieser Traum in Erfüllung.
Das Leben mit Achim war ein anderes und selbst er war mit Paco nicht zu vergleichen. Sie lebte in einer völlig anderen Welt, die mit der Fahrt in einer noblen Limousine und dem Flug in einem Privatjet nichts zu tun hatte.
Immer öfter hatte sie das Gefühl, sie würde gleich in eine Rakete steigen, die Erde verlassen und sich einem anderen Planeten nähern, von dem sie überhaupt nichts wüsste.

Anstatt sich zu verstecken, um sich einer möglichen Verhaftung zu entziehen, würde sie jetzt auch viel lieber in einer offenen Kutsche durch die Stadt fahren und sich den neidvollen Blicken ihrer Freundinnen aussetzen. Wahrscheinlich könnte sie sich stundenlang an den staunenden Gesichtern ergötzen. Es wäre ihr ein wirkliches Bedürfnis, ihr augenblickliches Gefühlsgerüst zur Schau zu stellen.
Doch all das war nicht der Fall und würde es voraussichtlich auch nicht werden. In ihrem Inneren blieb sie die gleiche graue Maus, zu der sie mit den Jahren geworden war, auch wenn sie das Kleid eines bunt schillernden Vogels tragen würde.

Augenblicklich saß sie in einem Auto, das sie zum Flughafen brachte und dort bestieg sie ein Flugzeug, das sie … flog sie ins Ungewisse? Würde sie dort landen und ankommen, wovon Paco auch sprach? Bedenken und Zweifel schoben sich immer wieder in ihre Gedanken. Vielleicht entsprach alles bloß einer Schnapsidee. Vielleicht verspürte Paco ab und zu Langeweile und dachte sich solche Kapriolen aus, um sich seine Wirkung auf das andere Geschlecht unter Beweis zu stellen. Amalie wusste es nicht. Sie selbst plagte ebenfalls die Langeweile und darum wollte sich einfach überraschen lassen.

Der Wagen fuhr drauflos, verließ diese Gegend und bewegte sich aus der Stadt hinaus in ein Gebiet, das sie überhaupt nicht kannte. Dieser Ortsteil war ihr völlig unbekannt. Gehört hatte sie schon davon, aber selbst, war sie noch nie da gewesen.
Amalie musste sich – hinsichtlich des Reiseziels – nicht überraschen lassen. Erstens war ihr die Endstation der Fahrt bekannt und zweitens folgte der Wagen strikt den Hinweisschildern mit der Aufschrift ›Airport‹.

Alles passierte wie von selbst.
Tore öffneten sich automatisch, Kontrollposten winkten die Karosse durch und Amalie korrigierte unfreiwillig ihre Körperhaltung. Zunächst setzte sie sich aufrecht und direkt an das Fenster und außerdem kam sie sich plötzlich erheblich wichtiger vor.
Über weite Betonpisten gelangte der Wagen endlich in den besonderen Bereich des Flughafens, in dem die Privatjets standen und dort sah sie schon von Ferne eine ihr zuwinkende Person stehen.
Das war Paco.
Der Wagen fuhr heran und stoppte. Der Fahrer öffnete ihr die Türe und sie begrüßte ihren Gastgeber per Handschlag und dann mit einer respektvollen Umarmung. Amalie freute sich, Pacos Erwiderung am Druck seines Körpers gegen den ihrigen zu spüren. Sie schauten sich an und jeder erkannte im Gesicht des anderen, dass er den kommenden Dingen mit Neugierde entgegensah.
Paco deutete mit einem Blick auf einen der Flieger. Die heruntergelassene Treppenstufen ließen vermuten, dass sich sein Gepäck bereits an Bord befand. Aufgrund des Turbinengeräuschs des Jets verliefen viele Dialoge wortlos. Auch Amalies Gepäck verschwand nun im Jet. Im Übrigen hatte sie unentwegt das Gefühl, dass die Abläufe nicht zum ersten Mal passieren.
Alles klappte wie am Schnürchen, niemand hatte eine Frage und jeder wusste zu jederzeit, was zu tun sei.
Dann bot ihr Paco seinen Arm zum Geleit an und führte sie in die Maschine. Für Amalie war das alles neu.
Ihre Welt war eine andere.
Mit Unternehmern, Chauffeuren und Privatflugzeugen hatte sie keine Erfahrung. Diese Facetten kannte sie bloß aus den Spalten der Illustrierten. Diese Art des Lebens fand lediglich in den Gesprächen mit ihren Freundinnen unter der Überschrift ›Kaffeeklatsch‹ statt.
Dass sie irgendwann einmal selbst ein Teil dieser Welt sein würde, hätte sie nie für möglich gehalten.

Paco wies ihr einen Platz direkt am Fenster zu. Er wollte lediglich von ihr wissen, ob sie sich lieber mit oder vielleicht sogar gegen die Flugrichtung hinsetzen wollte. Amalie entschied sich dafür, dem Flug in der üblichen Richtung beizuwohnen.
Er setzte sich ihr gegenüber. Zwischen ihnen befand sich ein klappbarer Tisch, wie in einem Zugabteil – nur größer.
Über den Bordlautsprecher ertönte nun die Stimme des Piloten, der sich den Reisenden vorstellte und gleichsam die Flugroute bekannt gab. Amalie lauschte den Informationen, während sich der Flieger schon in Richtung Wolken begab.
Da saß sie nun.
Bequeme Ledersessel mit vertrauenerweckend dicken Armlehnen waren nun ihre Rüstung nach hinten und zu den Seiten. Vor ihr war der Tisch und ihr gegenüber saß er und guckte lausbubenhaft aus dem Fenster.
In ihrem Leben kam es nicht so oft vor, dass sie sich in einem Flugzeug befand und in einem Privatjet saß sie noch nie.
Paco beobachte sie fast während des ganzen Fluges, wie sie staunend aus dem Fenster blickte und oftmals bloß die Wolken sah.
Hunger hatte sie keinen und Durst ebenso wenig.

Paco kannte den Ablauf, er flog nicht zum ersten Mal diese Strecke. Aber er schaute mit unnachahmlicher Begeisterung aus dem Fenster.
Am liebsten wäre Amalie gewesen, dass man auf den Wolken Entfernungsschilder montiert oder der Pilot alle 10 Minuten die Distanz und den ungefähren Zeitpunkt der Ankunft durchgesagt hätte. Irgendeine Stimme in ihr fragte ständig, wie weit es noch ist und wann sie landen würden.

Die Reise verging sprichwörtlich wie im Flug. Ihre Eindrücke stauten sich mittlerweile in ihr und weit und breit war niemand da, mit dem sie ihre Sinneseroberungen teilen konnte. Demnach musste sie ihre Empfindungen noch eine Weile für sich behalten.
Und dann ging ihr Wunsch in Erfüllung. Die Stimme im Lautsprecher meldete sich wieder und kündigte die Landung an.

Sachte landete der Jet in Malaga und gleich nachdem sie die Maschine über die ausklappbare Treppe verlassen hatte, hielt ihr schon jemand die Türe eines knallroten, offenen Sportcoupés auf.
Um ihr Gepäck musste sie sich nicht sorgen, das übernahmen irgendwelche fleißigen Hände.
Paco setzte sich ans Steuer des Sportwagens und fuhr los. Davonbrausend verließen sie das Flughafengelände. Amalie fiel gar nicht auf, dass sie nicht kontrolliert wurde. Sie hätte die verbotensten oder auch die gefährlichsten Dinge schmuggeln können und niemanden hätte es interessiert.
„So lässt sich’s reisen“, sagte er. Eigentlich rief er es, denn der Lärm ringsumher zwang ihn dazu. Dann hob er den Daumen und Amalie rätselte, was er damit andeuten wollte. Entweder gab er der allgemein freundlichen Atmosphäre und der Tatsache, vom Zoll nicht kontrolliert worden zu sein ein Okay oder dem herrlichen Wetter und dem problemlosen Flug.

Vielleicht meinte er bloß, dass die nun anstehende Fahrt höchstens eine Stunde dauern würde. Amalie war es egal. Sie gab ihm das gleiche Zeichen zurück und sah ihn zufrieden dreinschauen.
Wie auch schon während des Fluges erfreute sie sich an den neu gewonnenen Eindrücken. Die meiste Zeit drehte sie ihren Kopf leicht zur Seite und guckte sich die Landschaft an. Manchmal hätte sie ihren Kopf gerne im Kreis gedreht, allein schon, um nichts aus dem Augenwinkel betrachten zu müssen.
Ehe sie sich versahen, erblickten sie den Wegweiser nach Camorra. Paco bog ab, trat noch einmal ordentlich aufs Gaspedal und erzeugte eine riesige Staubwolke. Wahrscheinlich diente sie als Signal und verkündete sein Eintreffen. Weniger sportlich fuhr er dann auf ein weißes Gebäude zu, hielt an, stieg aus und öffnete ihr die Wagentüre.
Amalie kam sich zu jedem Moment fremd vor. Überall wurde sie überaus höflich und zuvorkommend empfangen. Diese Art von Umgangsformen kannte sie zwar, doch sie war sie seit Beginn ihrer Ehe mit Achim kaum noch gewohnt. Zu besonderen Anlässen, wie Jubiläen oder Geburtstagen, wurden diese Attitüden aus einer sonst eher verstaubten Kiste gekramt.
Paco wurde von seiner Haushälterin in recht jovialer Weise empfangen. Sie kannten sich schon lange und gingen entsprechend miteinander um.

Amalies Gepäck schien für sie nur als Begriff zu existieren, nicht jedoch als Ballast. Überall schnappten helfende Hände direkt zu und transportierten die Dinge. Sie musste sich um nichts kümmern.
Auch ihre Anwesenheit erweckte keinerlei Neugierde. Sie bemerkte nicht einen einzigen fragenden Blick.
Da stand sie nun auf einem Anwesen in Andalusien neben ihm und betrachtete sich wieder einmal ihre neue Umgebung. Paco drängte ins Haus zu gehen, denn er wollte sich nach dem Flug und der Autofahrt durch die staubige Landschaft ein wenig frisch machen, wie er sagte.
Dann deutete er auf ein Gebäude, das sich rechts neben dem Haus zeigte und einen ebensolchen Charakter besaß, wie alle Bauten auf dem Anwesen.
Amalie kannte diese rustikale Erscheinungsform aus den Illustrierten, wenn dort von den Fincas auf den spanischen Mittelmeerinseln die Rede war und passende Fotos dazu erschienen.

Er schaute zu ihr und animierte sie, sich das Gebäude auch einmal in Ruhe von außen anzusehen, denn wenn sie erst einmal darin verschwunden wäre, sei der schöne Anblick futsch, wie er sagte. Bei dem Gebäude handelte es sich um das Gästehaus, welches er extra für seine Gäste errichten ließ, damit sie sich wohlfühlen. Jetzt wusste sie, warum sie es bewundern sollte.
Amalie musste ihre Dankbarkeit zeigen und lehnte ihren Kopf leicht gegen seine Schulter.
Er ließ es geschehen und sie wertete es als Gewogenheit. Ihr Gepäck befand sich bereits dort, ließ er sie wissen und nahm an, dass sie sich bestimmt auch ein wenig erfrischen wolle.
Amalie nickte still und folgte Paco, der sie ins Gästehaus geleitete. Schon während des Fluges sprach er von ihrer Unterbringung und erwähnte dabei ein Gästehaus. Damit konnte sie nichts verbinden – erst jetzt begriff sie.
Über zwei Etagen würde das Haus verfügen, wobei sich die Aufenthaltsräume auf der unteren Etage befänden und im ersten Stock die Schlafräume nebst der Bäder untergebracht worden wären, erläuterte er, wie ein Zimmerpage.
Ein großer Teil der hinteren Wand der unteren Etage bestand aus einer gläsernen Schiebetüre, die sich durch leichtes Anschieben wie eine Ziehharmonika zusammenfalteten ließ und einen Durchgang zur Terrasse ermöglichte. Links und rechts des Freisitzes standen schulterhohe Zypressen in terrakottafarbenen Kübeln. Sie erweckten den Eindruck überdimensionierter Zinnsoldaten, die das Haus bewachten.
Und dann hielt Amalie die Luft an.
Ein riesiger Swimmingpool lud zum Erfrischen ein und lockte mit seinem kühlen Nass.
Abends würde sich die Unterwasserbeleuchtung von alleine einschalten und den Pool in eine türkis schimmernde Lagune verwandeln, schwärmte er.
„Außer dem Personal wäre weit und breit niemand da … wenn du also keinen Badeanzug dabei hast, kannst du auch gerne nackt ins Wasser springen“, sagte er schelmisch.
War es eine plumpe Anspielung oder wollte er – auf seine spitzbübische Art – lediglich komisch sein? Amalie wusste es nicht. Sie warf ihm einen Blick zu, der weder ›ja‹ noch ›nein‹ transportierte.
Alle Gebäude wären nach seinen Vorstellungen errichtet worden, merkte er an. Das Haupthaus, die Stallungen, die Personal- und Nebengebäude und letztlich auch das Gästehaus, entsprangen alle seiner Feder. Er habe seine Vorstellungen damals bloß auf einen alten Karton gekritzelt und einem Architekten überreicht. Alle Gebäude erschienen in einer Art Landhausstil. Sie waren stabil gemauert, verfügten über einen grob mustrigen, fast weißen Außenputz, erdfarbene Dachziegel und viel Holz.
Inmitten aller Gebäude befand sich ein großer Platz. Würde sich in dessen Mitte ein Brunnen, ein Denkmal oder eine andere imposante Figur befinden, könnte das alles für ein eigenes Dorf gehalten werden.

Das Grundstück hätte er seinerzeit günstig erworben und alles andere passierte anschließend Stück für Stück.
Paco erzählte die Entstehungsgeschichte seines Anwesens bestimmt nicht zum ersten Mal und sicher nicht ohne Stolz. Die Tragödie mit seiner Frau und seinem Sohn erwähnte er lediglich einmal im Stadtpark.
Danach nie wieder.
Eigenartig.
War es ihm unangenehm, darüber zu sprechen? Wollte er diese Seite im Buch seiner Vergangenheit ruhen lassen und nicht wieder aufschlagen?
Amalie wusste es nicht. Es fiel ihr bloß auf. Vorrangig war sie damit beschäftigt, sich mit einer weiteren, neuen Umgebung anzufreunden – dem Gästehaus. Alles was sie sah, waren Gegenstände des Gebrauchs und alles entsprach ein und demselben Dekor. Es gefiel jedem und gleichzeitig keinem. Alle Dinge muteten offensichtlich freiwillig diesem spanisch ländlichen Wesen an.
Die dunkellederne Couch mit den gebeizten Holzfüßen könnte ebenso in einem Vorzimmer stehen.
Oft saß noch niemand darauf.
Hüfthohe Sideboards und in Cremefarben gekachelte Fußböden. Großflächige Bilder unbekannter Künstler und nirgendwo ein Stäubchen.
Amalie fühlte sich nicht wohl, aber auch nicht unwohl. Sie dachte an vergangene Zeiten, als sich sie im Kindesalter in Omas altes Sofa vergrub und die Muffigkeit des Polsters noch immer für ein besonderes Aroma hielt.
Das Gästehaus hingegen strahlte die Sterilität eines Operationssaals aus.
Sie wusste, dass es ihr schwerfallen würde, sich dort wohlzufühlen und sei es bloß für einige Tage. Noch hatte sie das Haupthaus nicht gesehen und hoffte inniglich auf mehr Behaglichkeit, denn – Paco wies bereits darauf hin – kochen müsse sie nicht extra, weil im Haupthaus zusammen gegessen würde und das betraf auch das Frühstück.

Die Küche beziehungsweise der Kühlschrank im Gästehaus diente lediglich der Zierde und besäßen kaum Eigenfunktion, erklärte er. Sie würde dort bloß ein paar Snacks und Getränke finden, ergänzte er.
Paco nahm Amelie freundschaftlich in den Arm und verabschiedete sich. Er würde sie am nächsten Morgen zum Frühstück erwarten und wünschte ihr eine gute Nacht.
Sie schaute ihm noch hinterher und sah, wie er in seinem Haus verschwand.
Der Tag ging zu Ende, doch es war immer noch hell. Amalie musste sich schleunigst an die vorherrschenden Verhältnisse gewöhnen. Doch zunächst griff sie nach ihren Sachen und ging in den ersten Stock. Sie könne sich ein Schlafzimmer aussuchen, hallte es noch in ihren Ohren. Also nahm sie gleich das Erstbeste, stellte ihre Tasche ab und inspizierte die Gegebenheiten. Ein Schrank, eine Kommode und ein frisch bezogenes Bett. Ein Badezimmer grenzte direkt dort an und auch das machte einen überaus ordentlichen Eindruck.
Amalie war müde.
Groggy wäre die treffendere Bezeichnung. Sie musste dutzende neuer Eindrücke verarbeiten und sich mit den landestypischen Sachverhalten anfreunden. Sie ließ sich rücklings aufs Bett fallen und nahm bloß schematisch wahr, dass auch in diesem Zimmer irgendwelche Bilder an der Wand hingen. Es kam ihr so vor, als würde sich alles um sie herum drehen – als säße sie in einem Karussell und hätte die Augen geschlossen. Tausende von Gedankenfetzen schossen ihr durch den Kopf.

Eigentlich sollte sie glücklich sein, sie hatte genau das, was sie wollte. Niemand wusste, wo sie sich aufhielt, ja – nicht einmal geahnt hätte es irgendjemand.
Dass es einen Tatort gab und sich ein Kriminalkommissar mit einem, nämlich mit diesem Fall befasste, zu dem sie befragt werden sollte, jedoch nirgends aufzufinden war, trat nicht in ihr Bewusstsein. Dennoch wälzte sie sich unruhig hin und her. Irgendetwas hielt sie wach.
Die Tatsache, sich nachts allein in einem großen Haus zu befinden, verunsicherte sie nicht einen Augenblick. Sie war eine resolute Frau und verließ sich allein darauf. Einer fremden Person mit Entschiedenheit zu begegnen, war ihr nicht fremd.
Bereits früher musste sie sich als Krankenschwester und später als liebe- und verständnisvolle, aber auch als durchsetzungsstarke Mutter behaupten. Niemand besaß den Wunsch, ihr auf der Nase herumzutanzen – bloß diesen Paco, den wusste sie noch nicht einzuschätzen.
Ein Blender war er nicht. Seine Welt existierte schon lange vor ihr und war in jeder Weise echt. Sie fühlte sich in seinen Bann gezogen und wenn er sie anschaute, schmolz irgendetwas in ihr dahin.
Bei ihm brannte noch Licht. Ohne sich extra danach zu recken, konnte sie es von ihrem Bett aus durch die Fenster sehen.
Still war es und mild war es. Um einen leichten Wind passieren zu lassen, ließ sie ein Fenster gekippt. Der Duft dieser Gegend war ein anderer, als der, den sie von zu Hause her kannte.
Nein – es roch nicht nach Urlaub, ihre Nase hätte es sofort gemeldet. Sie befand sich zwar in einem Gästehaus, doch Ferien riechen anders.
Um nichts müsste sie sich kümmern, dafür wäre das Personal zuständig, sagte er, als er sie zum gemeinsamen Frühstück für den nächsten Morgen ins Haupthaus einlud.
Ständig ärgerte sie sich, weil sie ihm nie die Fragen stellte, die ihr unter den Nägeln brannte: Wann sollte sie überhaupt zum Frühstück erscheinen und wann hatte sie vor, wieder den Heimweg anzutreten? Die zweite Frage stellte sie sich eigentlich zu jeder Minute, wenn auch nicht ernsthaft. Wahrscheinlich wollte sie sich bloß die Gewissheit geben, später zu sich selbst „gefragt habe ich aber“ sagen können.

Das gesamte Flair und diese allgegenwärtige Hasta-mañana-Stimmung gaben ihr das Gefühl, der kommende Vormittag bestünde aus einer einzigen Uhrzeit. Demzufolge konnte sie weder zu früh, noch zu spät erscheinen.

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