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Die Grenze aus Glas – Alle 10.000 Jahre. – Das komplette Kapitel 4Die Grenze aus Glas – Alle 10.000 Jahre.

Kapitel 4 – Das Trojanische Pferd

Der Beginn des nächsten Tages kam einem Blick aus der Vogelperspektive auf einen Ameisenhaufen gleich. Jeder war mit irgendetwas beschäftigt, was für den anderen nicht sofort erkennbar wurde. Jeder murmelte etwas vor sich hin, was von niemandem zur Kenntnis genommen werden sollte. Auch wenn die Lippen keine Bewegung zeigten, passierte das Geschwätz in Form von lauten Gedanken im Kopf weiter.

Wichtige Fragen buhlten um eine Antwort. Nass- oder Trockenrasierer? Würden strombetriebene Dinge des täglichen Lebens im Urwald von Madagaskar überhaupt funktionieren? Gab es mitten im Dschungel überhaupt Strom?
Berti orientierte sich an Garys Worte und die umrissen den dortigen Aufenthalt mit zwei oder drei Tagen. Länger als eine Woche wären sie demnach nicht unterwegs. Solange müsste ihn die Zivilisation ohne Rasur ertragen.

Als hätten sie es miteinander abgesprochen, waren sie sich in dieser Hinsicht einig und belasteten ihre Rucksäcke nicht mit überflüssigem Kulturgut.
„Wenn man bedenkt, wie lange der Mensch ohne diese Dinge auskam und dennoch überlebte, müsste man sich schämend in eine Ecke setzen …“ resümierte Berti.
„… und vor sich hin stinken, weil es damals niemand für nötig hielt ein Deodorant aus der Sprühflasche zu erfinden“, ergänzte Gary feixend.

Bereits am Vorabend orderte Berti ein Taxi. Gary sah es durch das Küchenfenster auf den Hof fahren. Nun nahmen sie beide ihr Gepäck auf, gingen die Treppe hinunter, marschierten zum Taxi, stiegen ein und fuhren zum Flughafen.
Da ging Berti zum Schalter des Reisebüros, holte sämtliche Tickets ab, die dort schon parat lagen und stieg mit Gary in die richtige Maschine. Berti ergatterte den Fensterplatz, legte seinen Kopf zur Seite und ließ Gary somit erkennen, dass er die Zeit mit Schlafen verbringen wolle. Das Angebot an Alternativen war überschaubar. Gary ließ sich ein Kissen bringen und döste ebenfalls schon bald darauf ein.

Wenige Stunden später.

Das Quietschen der Reifen, das beim Aufsetzen des Flugzeugs auf der Landebahn entstand, ersetzte den Wecker. Da waren sie nun, aber sie realisierten es noch nicht.
Jeder nahm seinen Rucksack an sich, verließ die Maschine und trottete eigentlich bloß dem Vordermann hinterher. Jedenfalls standen sie plötzlich in einer riesigen und lauten Halle – der Schalterhalle.
Berti blätterte sich durch den Wust der Tickets, die man ihm in die Hand gedrückt hatte, um nun das richtige zu finden. Glücklich hielt er es in der Hand.
„Wir müssen zu den Ausgängen auf der andere Seite und steigen dort in einen Bus, der uns zum Ziel bringen wird“, sagte er überzeugend zu Gary und eilte voraus. Gary folgte ihm.
„Hat der es eilig oder hast du es eilig?“, wollte Gary wissen, denn er sah keinen Grund zur Hast.
„Es ist die Neugierde“, begann Berti melodisch zu sprechen und es klang fast so, als würde er singen. „Hier sind wir dann, auf einer riesigen Insel mit dem klangvollen Namen Madagaskar, der an vergangene Zeiten erinnert, in denen noch Piratenschiffe die Weltmeere durchkreuzten und von holzbeinigen Kapitänen befehligt wurden“, trällerte er. Und dann waren sie auch schon auf der anderen Seite der Halle angekommen und Berti stieß die Türe auf.
Sofort strömte heiße Luft herein und jeder der beiden hätte sich am liebsten sämtliche Kleidungsstücke vom Körper gerissen. Berti träumte von einem Bus mit einer Klimaanlage, doch weit sah und breit nichts davon.
„Schau mal da vorne“, lenkte Gary Bertis Aufmerksamkeit auf einen Mann, der vor einem doppelstöckigen Jeep stand und ein Schild in der Hand hielt. Garys und Bertis Namen standen darauf. Kurzentschlossen ging Berti auf den Mann zu und Gary folgte ihm.
„Sind Sie Mister Berti und Mister Gary?“, fragte der Mann freundlich lächelnd und Berti nickte. Daraufhin verbeugte sich der Mann und machte eine einladende Geste, welche die beiden Herren zum Betreten des Jeeps aufforderte. Zurückhaltend und mit aller gebotenen Vorsicht stiegen sie ein und nahmen Platz. Dann setzte sich der Mann hinters Steuer, startete den Motor und fuhr los.
Bertis Erwartungen in Sachen Klimaanlagen verpufften, noch bevor sie konkret werden konnten.
„Das ist doch im Leben kein Bus“, begann Gary zu meckern.
„Sei froh, dass wir in diesem Gefährt sitzen können, denn in einem Bus würden wir wahrscheinlich ersticken“, konterte Berti.
„Ich fürchte, du hast sogar recht“, sagte Gary und machte umgehend ein anderes Gesicht.
Innerhalb der Stadt war die Fahrt angenehm und hingegen aller Unkenrufe sogar ausgesprochen bequem. Doch dann nahm der Fahrer eine nordwestliche Route, deren Wegstrecke sich als erheblich strapaziöser erwies und jede Gemütlichkeit vermissen ließ. Oftmals entstand das Gefühl, er würde durch jedes Schlagloch und jede Unebenheit mit purer Absicht fahren. Stundenlang ging es so und Gary und Berti konnten nichts dagegen tun.
Gary stand auf, schleppte sich mutig zum Wagenende und stieg über die dortige Treppe zur oberen Etage, um sich von dort einen Überblick zu verschaffen. Dann stieg er wieder herunter und setzte sich neben Berti.
„Und?“, forderte der ihn einsilbig auf seine Beobachtungen zu schildern.
„Was soll ich dir sagen … Pampa … wohin du auch guckst, du siehst bloß Wildnis, Urwald und Dschungel … Pampa eben …“, sagte Gary ernüchternd.
„Und deiner Tochter könnte immerhin ein Stück davon gehören“, sagte Berti, als hätte sie das große Los gezogen. „Sie muss nur zustimmen“, lachte er.

Der Jeep hielt an und der Fahrer gestikulierte, dass sie am Ziel der Reise seien und aussteigen sollen, was sie auch taten.
Kaum hatten sie nach ihrem Gepäck gegriffen und ihre Füße wieder auf festen Boden gestellt, grüßte sie der Fahrer in Landessprache und wollte bereits seine Rückfahrt antreten, als hätte er es tatsächlich eilig.
Gary wunderte sich, weil die Fahrt nach seinen Berechnungen noch lange nicht zu Ende war. Er nahm seinen Kompass zur Hand, verglich ein paar Angaben miteinander, fragte den Fahrer, warum er sie schon dort abgesetzt hatte und bekam zur Antwort, dass sie die restliche Strecke zu Fuß absolvieren müssen, weil die befestigten Wege genau dort aufhören, wo sie jetzt stehen.
Aber weit und breit sah keiner der beiden ein eingezäuntes Grundstück. Nach Bertis Bericht war das Gelände jedoch eingezäunt. Gary fragte den Fahrer nach diesem Baum mit der Spinne, der auf einem umzäunten Grund stehen soll und bemerkte beim Fahrer ein überaus ernstes Gesicht und ein kräftiges Kopfnicken.
Er wusste also davon, gab durch eine ausholende Armbewegung eine grobe Richtung vor und nickte dabei unaufhörlich. Sein gesamtes Benehmen wandelte sich plötzlich in etwas Unterwürfiges.

„Zumindest stimmen die Angaben“, dachte Berti, zumal er schon in Sorge um das tatsächliche Vorhandensein der möglichen Erbschaft war. Immerhin hätten sie alle einem ganz üblen Scherz aufsitzen können und wären erst vor Ort dahinter gekommen, dass man sie nach Strich und Faden an der Nase herumgeführt hat.

Zuerst standen sie sie vor der Flughafenhalle und nun mitten im Urwald von Madagaskar. Dazwischen lag die stundenlange Fahrt auf einem schaukelnden Jeep, der wahrscheinlich auch zur Safari mit Touristen benutzt wurde und vor ihnen lag ein unbekannter Dschungel, aus dem jeden Augenblick ein wildes Tier toben könnte.
Der Jeep befand sich bereits auf dem Rückweg und war für sie somit unerreichbar.

Kein fester Weg, kein Hinweis und niemand, den sie nach irgendetwas fragen konnten. Selbst wenn dort jemand gestanden hätte, wüssten sie nicht, nach welchem Weg sie fragen sollten. Nach einem Gelände und einem Zaun – möglicherweise.
Jeder Schritt war also der richtige und ebenso der falsche. Sie nahmen ihre Rucksäcke und ihr übriges Gepäck auf und Berti trottete Gary treu hinterher, nachdem der ihm per Augenkontakt vermittelt hatte, dass immerhin doch er der Soldat und somit der Tauglichere sei. Berti fügte sich und Gary ging voraus.
Er selbst war sich nicht darüber einig, ob er es aus reiner Vernunft, aus Gewohnheit, aus schnöder Eitelkeit oder aus tatsächlicher Kompetenz heraus tat. Wahrscheinlich erschien ihm die Gegend ebenso fremd wie Berti.

Alles erschien so, als hätte es ein Riese in unendlich viele unterschiedlich grüne Farbtöpfe getunkt. Die gesamte Umgebung lebte und gab die fremdartigsten Geräusche von sich.
Gary schaute ständig nach allen Seiten und erweckte den Eindruck, als würde er nach etwas Bestimmtem Ausschau halten. Eine Vorsichtsmaßnahme? Rechnete er vielleicht doch mit einem Angriff durch ein wildes Tier? Misstraute er der ausholenden Armbewegung des Jeep-Fahrers und erwartete das Gelände mit dem Zaun schon jetzt?
„Suchst du etwas?“, fragte Berti.
„Ich suche einen geeigneten Platz zum Kampieren“, antwortete Gary und durchstreifte den Urwald mit seinem Blick. Für Berti glich ein Winkel jedem anderen.
„Schutz, Untergrund und Lage sind wichtig“, gab Gary unaufgefordert von sich, wobei er mit einem Fuß die Fläche unter und neben sich abtastete. „Hier werden wir unser Zelt aufbauen … hier wird uns niemand finden“, bekräftigte er.
Berti tat es Gary nach und trat einige Büsche und Wurzeln zur Seite, um einen einigermaßen ebenen Untergrund zu gestalten.
„Nichts ist schlimmer, als wenn dich mitten in der Nacht eine Wurzel piesackt, weil man zu bequem war, sie zu beseitigen“, belehrte Gary seinen Kumpanen. „Dagegen sind Krümel im Bett geradezu eine Erholung“, fügte er noch an. Dann schritt er eine Fläche ab und bestätigte sich selbst: „Passt“.
Bertis Anwesenheit existierte bloß in seiner Vorstellung, denn für Gary gab es nur noch das Zelt und den Aufbau. Es war eines dieser, in Tarnfarben erscheinenden Zwei-Mann-Zelte, das wirklich nur zwei Leuten durchschnittlichen Formats Platz bot.

Dabei handelte es sich um die Variante Tropen. Es besaß einen zusätzlichen Mückenschutz, der sich nach dem Aufbau, wie ein Netz über die gesamte Konstruktion legte, besagte die Anleitung. Eigentlich musste es in hohem Bogen darüber geworfen werden und dazu erwies sich das Vorhandensein einer zweiten Person als praktisch.
Was den inneren Komfort anging, durfte die zweite Person weder zu groß, noch zu dick oder sonst was sein. Es musste sich um den lediglich in Statistiken existierenden Normalmenschen handeln, ansonsten wäre es für jeden anderen kaum gemütlich gewesen.
Immer wieder gingen Berti die Worte „hier findet uns keiner“ durch den Kopf, die Gary bei der Auswahl des Geländes und beim Aufbau des Zeltes mindestens ein halbes Dutzend Mal vor sich hin murmelte. Es klang beinahe so, als müssten sie vor jemandem fliehen oder sich verstecken, um tatsächlich nicht gefunden zu werden. Wahrscheinlich war das Gehabe bloß ein Restbestand aus seinen Zeiten beim Militär, über das beste Versteck zu verfügen.

Die Rucksäcke dienten ihnen als Kopfkissen und die Schlafsäcke als weiche Unterlage, denn der Urwald schien die Wärme des Tages zu speichern, wodurch die allgemeine Temperatur auch noch nach Sonnenuntergang gegenwärtig war. Oder es gestaltete sich bloß in einem engen Zelt so.
Für größere Unternehmungen mangelte es ihnen an Lust, an Zeit und an einer erkennbaren Notwendigkeit. Also krochen sie in ihren Aufenthalt.
Dicht an dicht lagen die beiden nebeneinander. Jeder drückte sich an die seitliche Zeltwand, um den Abstand zwischen ihnen zu vergrößern. Muffig roch es und die Hitze war unerträglich. Sie setzten sich hin, zogen sich bis auf die Unterwäsche aus, drehten die Köpfe mit gemischten Gefühlen zueinander und würden sich bei ausreichendem Licht sogar direkt anschauen. Dann legten sie sich wieder hin. Eigentlich ließen sie sich bloß über den Rücken nach hinten abrollen, streckten die Beine aus und freundeten sich mit dem Gedanken an, die ganze Nacht in dieser beengten Umgebung verbringen zu müssen.
„Sollten wir nicht vielleicht eine Kerze anzünden?“, fragte Berti naiv.
„Offenes Feuer … willst du das Zelt anzünden? Das lassen wir schön bleiben …“, schüttelte Gary den Kopf und glaubte Berti trotz der Dunkelheit gesehen zu haben.
„Sollten wir dann nicht besser eine Laterne anbringen, um wilde Tiere fernzuhalten?“, fragte Berti kleinlaut. Er war weder der Experte, noch verbrachte er jemals eine Nacht in einem Zelt und seine Weisheiten entstammten irgendwelchen Büchern oder den üblichen Stammtischgeschichten.
„Der Geruch meiner Stiefel wird uns sämtliche, nächtliche Störenfriede vom Hals halten“, kringelte Gary sich vor Lachen. „Ich habe sie vor das Zelt gestellt, was du im Übrigen auch tun solltest“, grölte er.

Berti stand die Verwirrung ins Gesicht geschrieben und er war froh, dass es niemand sah. Selten sprühte Gary derart vor guter Laune. Wahrscheinlich lag es an der militärähnlichen Situation, die ihn wieder an seinen früheren Posten erinnern ließ.
Dank des Netzes gab es im Inneren des Zelts keine Mücken. Draußen surrte und summte es jedoch, als fände dort ein Wettbewerb statt. Es war nicht direkt störend, jedoch völlig ungewohnt und Berti, als auch Gary freuten sich, dass diese Plagegeister draußen blieben. Die ganze Gegend um sie herum schien sich zu unterhalten. Alles quakte, zirpte, zwitscherte, brummte und unkte oder machte in sonstiger Form mit Lauten auf sich aufmerksam.
„Es ist absolut unvorstellbar“, flüsterte Gary, „dass die sich trotzdem untereinander verstehen.“
„Ja“, bestätigte Berti und sprach ebenso leise. „Es ist geradezu faszinierend … und erinnert mich an die Abflughallen.“

Gary bestand auf das Erzählen einer Geschichte, wie es auch in Pfadfinderlagern Sitte wär und gewann die Auslosung per Schnick-Schnack-Schnuck, sodass Berti der Geschichtenerzähler wurde.
Gary selbst legte sich nieder, schloss die Augen und verließ sich auf Bertis Künste, denn der begann jetzt zu erzählen.
Seine Stimme klang teilweise brüchig und Gary wusste nicht, ob er es absichtlich machte, um eine gewisse Atmosphäre zu schaffen oder nur hinsichtlich der abendlichen Stimmung so eigenartig sprach.

„In einer Zeit, als das alte Griechenland noch uneins war und sich der ständigen Angriffe erwehren musste, trotzte eine Stadt fast zehn Jahre lang den kriegerischen Versuchen fremder Eindringlinge und Übernahmen …“, begann Berti in fast schwärmerischer Weise zu berichten.
„Du willst mir doch jetzt nicht ernsthaft die Geschichte vom trojanischen Pferd erzählen?“, empörte Gary sich und nahm, in Anbetracht der Höhe des Zeltes, eine fragwürdige Sitzposition ein. „Außerdem musst du nicht flüstern. Im Umkreis von schätzungsweise 50 Kilometern hören dich hier nur Fuchs und Hase“, amüsierte er sich über seine eigenen Worte und legte sich wieder auf seinen Rucksack.
„Zur Einstimmung wäre Troja jetzt gar nicht so verkehrt, dachte ich“, entgegnete Berti beharrlich.
„Aber die Geschichte ist mir bekannt … du bringst sie mir wirklich nicht näher oder ist das sogar deine Absicht … ist das die eigentliche Geschichte mit dem Einschlaf-Effekt …“, wollte Gary wissen.
„Warts doch ab“, sagte Berti. „Bleib gemütlich liegen, entspann dich und lausche dem Klang meiner bezaubernden Worte“, säuselte Berti, als gehörte er zu einer Musical-Truppe, die mit den Geschichten aus 1000 und einer Nacht tourten.
„Ich lasse mich überraschen“, sagte Gary und drehte sich genüsslich in eine bequeme Position.
Berti verfolgte Garys seltsame Gymnastik so gut es ging und erzählte weiter.
„Unterdes ließ Kaiser Napoleon III. in anonymen Laboren weiterforschen“, fuhr Berti unbeirrt fort. „Dort schilderte er bereits während eines geheimen Treffens sein Anliegen und erwartete als Ergebnis, die für ihn ganz speziell gezüchteten Viren, die sich so lange in einem regungslosen Zustand verhalten mussten, bis sie durch ein Zeichen zu neuer Aktivität erwachten …“, erzählte Berti.
„Jetzt wird’s spannend“, bemerkte Gary. „Da werden wohl noch einige Granaten fliegen, schätze ich …“
„Könnte gut sein“ bestätigte Berti erfreut und fuhr fort. „Die Tätigkeit der Viren nach deren Aktivität, käme einem Ameisenfleiß mit interkontinental zerstörerischer Kraft gleich und würden die Bevölkerung des gesamten Erdballs den Fluten der Ewigkeit übergeben …“, schilderte Berti mit Händen und Füßen. „Stell dir bloß eine Pandemie in Form einer Grippe vor, gegen die noch kein Mittel existiert und schon sind dir die Dimensionen der Katastrophe präsent“, erläuterte Berti so, als hätte Gary danach gefragt.
„Jetzt müssten die Viren bloß noch in die Freiheitsstatue gelangen und schon wäre die Analogie zum Trojanischen Pferd perfekt“, quengelte Gary, wie ein Kleinkind.
„Du wirst dich gedulden müssen“, gab Berti zu verstehen. „Der Kaiser gewann die Sympathie Bartholdis …“, holte Berti aus.
„Wer ist jetzt der …“, unterbrach Gary und erfuhr, dass es sich um Frédéric-Auguste Bartholdi, den verantwortlichen Bildhauer der Statue handelte. „Der Kaiser gewann also die Sympathie Bartholdis, korrumpierte ihn, übergab ihm die speziell gezüchteten Viren und brachte ihn dazu, sie in der Statue an einem Platz unterzubringen, der nie gefunden werden sollte und so geschah es dann auch“, rieb Berti seine Hände aneinander, als wäre er persönlich daran beteiligt gewesen.
„Was hatte Napoleon bloß gegen des damalige Amerika, dass er sich so etwas Böses ausdachte?“, fragte Gary mehr oder weniger rhetorisch.
„Ihm missfiel die politische Struktur des Landes“, antwortete Berti dennoch. Wahrscheinlich wollte er auch Gary gegenüber mit seinem Wissen auftrumpfen. „Frankreich war eine Monarchie und das seinerzeit noch koloniale Amerika wollte und sollte es offenbar nicht werden … außerdem war der Kaiser wahrscheinlich auch sauer oder sagt man missgelaunt, weil England den glorreichen Sieg davon trug … Frankreich hingegen einen eher bescheidenen“, grinste Berti hämisch und Gary sah es sogar im Dunklen.
Wohl wissend, dass sich Gary mit Haut und Haaren immer noch wie ein Engländer benahm, sich so fühlte und auch so dachte, konnte es sich Berti nicht verkneifen, die nicht zu begreifende Antipathie der beiden Nationen zu erwähnen.
„Und warum kam es nie zum Ausbruch dieser Viren?“, wollte Gary wissen und erhoffte sich insgeheim eine monumentale Antwort.
„Weil das gesamte Unterfangen, wie auch das besondere Zeichen, welches die Viren aktivieren sollte, im Laufe der Zeit und im allgemeinen Getümmel verloren ging und sich diese Erreger dadurch nicht ausbreiten konnten“, gab Berti zu verstehen.
„Du meinst … die Viren befinden sich noch immer in der Freiheitsstatue?“, entfuhr es Gary fast panisch.
„Es wird wahrscheinlich genau so sein und niemand weiß genau wo … man müsste die gesamte Konstruktion vernichten, um absolute Gewissheit zu besitzen … verstehst du“, grübelte Berti murmelnd vor sich hin. „Hier geht es nicht um irgendeine Nippesfigur, sondern um ein weltbekanntes Wahrzeichen … stell dir das einmal vor, sie wäre weg, als hätte sie niemals dort gestanden … man kann es sich noch nicht einmal vorstellen …“

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