Feed on
Posts
Comments

Wahrnehmungen – Bilder im KopfManchmal sind es Beschreibungen, die eine gerade passierende Situation begleiten und ein zeitgleiches Intermezzo als Alternative anbieten. Niemand wäre mit dem Zählen irgendwelcher Treppenstufen einverstanden und würde eine Beschreibung unterschlagen. Also liefert der Autor eine detaillierte Liste.

Knarrt sie bei jedem Schritt oder nur an bestimmten Stellen? Besteht sie demzufolge aus Holz? Natur oder lackiert? Fehlt die Farbe bereits an den Stellen, auf die getreten wird? Und das Geländer? Die Pfosten? Und die Streben? Sie sind gedrechselt? Klassisch rund, säulenartig, geschwungen und elegant oder einfach bloß sachlich und eckig? Und der Handlauf … und überhaupt … von wo nach wo führt diese Stiege und nach was riecht es dort? Bewegt sich die auf der Treppe befindliche Person auf dem Weg nach oben oder nach unten?

Spielt das alles überhaupt eine Rolle für die Geschichte? Ist darin eine – die Handlung unterstützend – wichtige Information erkennbar? Dient die Beschreibung vielleicht bloß der zeitlichen Überbrückung, zumal die sich die auf der Treppe befindliche Person vielleicht ungehetzt bewegt und sich daher die Muße nimmt, sich mit der Umgebung vertraut zu machen? Geht die Person vielleicht jeden Tag diesen Weg und machte sich bereits vor vielen Jahren mit der Umgebung vertraut? Diese Information wäre vielleicht erwähnenswert, wenn sie sich als Teil der Handlung entpuppte.

Hält die Person etwas in der Hand? Sie hat also eine Funktion … diese Person? Was hält sie in der Hand? Rasierzeug? Und das beschreibt der Autor? Nicht die Treppe? Immerhin beschreibt er etwas und während er die Utensilien beschreibt, geht die Person die Treppe hinauf. So funktioniert die innere Wahrnehmung und diese Eigenschaft nutzt der Schriftsteller.

Eine andere Szene.

007Ein Mann sitzt auf einem Stuhl und unterhält sich mit einem anderen Mann. Der Blick, des auf dem Stuhl sitzenden Mannes, ist zum Zimmereingang gerichtet. Dieser öffnet sich nach rechts. Der Mann schaut auf den an der linken Seite des Türrahmens stehende Schirmständer und stellt fest, dass sich nicht ein einziger Schirm darin befindet. Sein Auge nimmt bloß einen Spazierstock wahr. Während der an seinem Schreibtisch sitzende Mann redet, hört der andere Mann aufmerksam zu.

Sein Blick fällt immer wieder geradeaus auf den Ständer neben der Eingangstüre des Arbeitszimmers und mit seinen Augen inspiziert er den Inhalt. Bei diesem Spazierstock könnte es sich jedoch ebenso um einen Gehstock handeln. Der Griff deutet zumindest darauf hin. Andere Spazierstöcke verfügen über einen Knauf, weniger jedoch über einen Handgriff. Der Stock ist dunkel, fast schwarz und dürfte aus Holz bestehen; wahrscheinlich aus gebeiztem Ebenholz. Der Griff ist silberfarben und nicht eine Stelle erweist sich als abgegriffen. Dass er somit aus massivem Silber gefertigt sein könnte, liegt nahe. Etwa eine Handbreit unter dem vorderen Anschluss des Griffs an den eigentlichen Stock, befindet sich ein Ring, der ebenfalls aus Silber zu sein scheint.

Vielleicht verbirgt er eine simple Arretierung oder einen anderen Mechanismus, der den unteren Teil des Gehstocks im Nullkommanichts zum Degen werden lässt und die Klinge ansonsten wie eine Scheide umgibt. Er könnte den Besitzer danach fragen, zumal er ihm schräg gegenüber sitzt. Doch gleichsam würde er damit zugeben, dass er sich während einer wichtigen Unterhaltung mit der Inspektion des Schirmständers befasst. Das wiederum könnte ihm als Unhöflichkeit ausgelegt werden.

Print Friendly, PDF & Email

Comments are closed.

%d Bloggern gefällt das:

Durch die weitere Nutzung der Seite wird der Verwendung von Cookies zugestimmt. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen