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Die Grenze aus Glas - Helden der Sonne. – Das komplette Kapitel 8Die Grenze aus Glas – Helden der Sonne.

Kapitel 8 – Wenn Mord Pflicht wäre

„Stell dir einmal vor, du hättest mich nicht aus den seinerzeitigen Umständen erschossen, sondern weil du es musstest, weil dir der gesetzliche Zwang keine Alternative ließ, weil du dazu verpflichtet gewesen wärst …“, sagte Gary.
„… dann hätte ich also lediglich meine Pflicht getan?“, schnitt Berti Garys Wort ab.

„Ja, wahrscheinlich wären sogar Gefühle wie Mitleid oder die spätere Reue der Tat völlig unterdrückt worden, weil sie dir als natürliche Reaktion nicht näher gebracht worden waren. Die Lüge als Selbstbetrug kann doch nur dann am Ruder stehen, wenn sie der betreffenden Person bewusst wird. Existiert sie jedoch nicht als Entscheider, handelt die Person nie falsch“, sagte Gary.

„Das wäre fatal“, schlug sich Berti die Hände vors Gesicht.
„Du sagst es!“, bestätigte Gary. „Und nun treiben wir es auf die Spitze … Mord wäre nicht nur die Pflicht eines Bürgers, sondern er besäße darauf sogar Anspruch, er hätte ein Recht darauf …“, sagte Gary.
„Wäre es nicht faktisch dasselbe?“, querte Berti.
„Selbstverständlich – aber so betrachten wir die Dinge aus beiden Perspektiven und so bekommen sie erheblich mehr Effet“, gab Gary zu verstehen. „Der interessanteste Aspekt ist dabei die Straffreiheit und die damit wegfallende Sühne als Folge der Moral. Nicht nur die rechtliche Buße fiele weg, sondern auch die Belastung des Gewissens. Die Schuld tritt nicht ins Bewusstsein, weil die Genugtuung siegt. Die Schatten der Freude über die Absolvenz der Pflichterfüllung verfliegt nicht und löst sich nicht auf. Er wird fester Bestandteil der Szene“, sagte Gary.
„Und …“, wollte Berti gerade beginnen.
„Moment“, unterbrach ihn Gary, „jetzt wird’s erst spannend … denn, wenn der Betreffende bis zu seinem – sagen wir mal – 61. Geburtstag keinen Mord nachweisen kann, macht er sich strafbar“, triumphierte Gary.
„Die betreffende Person muss also nicht nur einen Mord begehen, sondern ihn auch nachweisen?“, fragte Berti zweifelnd.
„Genau. Das ist der Punkt. Du sagst es. Jede Person muss nicht nur einen Mord begehen, sondern ihn auch nachweisen, um der Pflicht Genüge getan zu haben“, sagte Gary.
„Da bringt bestimmt Probleme mit sich und einen Gewissenskonflikt. Da gewisse Umstände pädagogisch nicht eliminiert, sondern nur anders kanalisiert wurden, tritt dieser nun in einer ungeahnten Form hervor“, stotterte Berti, „wenn sich der Mörder nämlich – und die betreffende Person wird doch noch immer als Mörder bezeichnet – zu früh zu einem Mord entschied und seiner Pflicht zwar nachkam, doch zu unüberlegt“, hangelte sich Berti durch das Thema.
„Du meinst, es traf den Falschen? Die ermordete Person sollte eine andere sein?“, fragte Gary unsicher und sah Berti zustimmend nicken. „Vielleicht sollte man den pflichtbewussten Bürger nicht Mörder, sondern Täter nennen … schließlich begeht er eine Tat … wenn auch verbindlich“, sagte Gary.
„Eben. Nachher wird der brave Bürger bei der Ausübung der zweiten und vermeintlich richtigen Tat zum Mörder …“, sagte Berti und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Es fällt zwar schwer, aber wir wollen nicht zynisch werden“, disziplinierte Gary.
„Wie würde sich die Strafe in deinem Gedankenbeispiel denn für diejenigen gestalten, die es nicht schafften, bis zu ihrem 61. Geburtstag zum Täter zu werden?“, fragte Berti.
„Das ist geheim …“, setzte Gary an.
„… aber mir kannst du es doch sagen …“, murmelte Berti absichtlich so laut, dass Gary es hören musste.
„Natürlich werde ich es dir sagen, aber die Betroffenen wissen es nicht … für die ist es ein Geheimnis …“, klärte Gary auf.
„… ich werde es ihnen nicht verraten … versprochen“, flachste Berti. Gary war Bertis Späße gewohnt. Doch er rechnete nicht damit, dass er diese Marotte selbst im Himmel beibehielt.
Jemanden umbringen zu müssen würde wie ein Fluch auf jeder Person lasten. Es peinigte sie selbst und geriete zur Unbequemlichkeit. Die Konsequenzen dieser Qual würden dann im Erreichen des Bewusstseins gipfeln.
„Wird ein Bürger nicht zum Täter und entpuppt sich somit als Verweigerer, so würde er der staatlichen Obhut übergeben und wäre von diesem Tage an dazu verdammt, andere Menschen zu quälen – er qualifizierte sich also zum Folterknecht. Das zu sein wäre die wahre Folter, die niemals endet. Fremde, oftmals unschuldige Personen zu peinigen, um sie ihrer Sinne zu berauben, brächte die Täter selbst um ihren Verstand. Das ist die Strafe“, sagte Gary.
„Auf welche Person könnte die Wut derartig groß sein, dass sie den Tod verdiente?“, sinnierte Berti laut.
„Welches war damals mein Vergehen, das mein Todesurteil provozierte?“, fragte Gary und schaute Berti voller Erwartung an.
„Ich war nicht Herr meiner Sinne …“, rechtfertigte Berti seine Tat.
„Das war das Motiv …?“, fragte Gary irritiert und schaute ungläubig drein.
„Die Wut würde sich zuerst auf die Feinde und die Neider stürzen, diese Leute schart jeder um sich“, gab Berti befreiend von sich.
„Ich fürchte“, sagte Gary in wenig beipflichtender Art, „dass sie dadurch nicht auszurotten wären.“
„Feinde und Neider sind oftmals nicht zu unterscheiden. Es scheint sich dabei wohl um ein und dieselbe Sorte von Verschlagenheit zu handeln, denn selbst vor einem frommen Mann macht diese Ausgeburt der Verbitterung keinen Halt“, stöhnte Berti.
„Nun“, holte Gary tief Luft, „Nach der Auferstehung Jesu war der Apostel Bartholomäus als Missionar in Asien tätig. Dort verkündete er den Heiden das Evangelium und heilte Kranke. Er machte auch die Tochter des dort herrschenden Königs Astyages wieder gesund, weil sie derart krank war, dass sie von allen ferngehalten werden musste. Daraufhin wandte sich die ganze Königsfamilie dem christlichen Glauben zu und die Götzenpriester wurden eifersüchtig. Sie stichelten den Bruder des Königs der Armenier auf, den Glaubensboten zu ermorden. Nach persischem Brauch wurde ihm bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen. Danach starb er wie Jesus am Kreuz. Das nur als Beispiel für Folter, Neid und Feindschaft.“
„Es muss für jene, die ihrer Pflicht zu morden nicht nachkommen und darum zu Folterknechten bestimmt werden, eine weitere Qual sein, in der Umgebung ihrer Opfer zu wohnen, ihr Schicksal inform von Schreien des Wehleids, der Klagen, des Jammerns und des schmerzerfüllten Stöhnens ertragen zu müssen, zumal es sich über den gesamten Tag und die ganze Nacht hindurch ereignet. Kein Entrinnen, kein Ausweg, keine Gnade. Man ist verpflichtet. Man hat sich diese Tätigkeit selbst zuzuschreiben, weil man einen Mord verweigert hat. Hätte man doch bloß jemanden umgebracht, dann blieben einem all diese Erniedrigung erspart, so muss es in den Köpfen der Entsager vor sich gehen. Sie büßen für die Tatsache nicht zum Täter geworden zu sein … zum Glück ist es bloß eine unwirkliche Vorstellung“, resümierte Berti.
„Ist das dein Ernst?“, fragte Gary. „Ist das wirklich eines Menschen Glück, wenn all das bloß einer Fantasie entspräche? Steckt nicht das Streben nach Macht in allen Menschen? Dagegen gefeit zu sein bedeutet auch gerne Verlust und das ist kein Glück“, argumentierte Gary.

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