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Der Journalist - Abseits der Zeit - Das komplette Kapitel 5Der Journalist – Abseits der Zeit

Kapitel 5 – Dialog mit dem Ich

Wie aus dem Nichts erschien wieder eine Gestalt vor ihm. Sie wuchs nicht aus irgendeiner Richtung in seine Wahrnehmung, sondern erschien dort. Sie passte sich exakt dem Erinnerungsbild seiner bereits gehabten Begegnung mit dieser Erscheinung an. Er erkannte kein Gesicht, nahm keine Regung und keinerlei Aktivität wahr. Auch konnte er keine Art von Ermunterung feststellen, die ihn zu einem Dialog aufgefordert hätte.

„Wer bist du?“, fragte die Erscheinung plötzlich. Dobermann glaubte eine Stimme gehört zu haben, die ihn fragte, wer er sei und schaute sich nach allen Seiten ängstlich um. Die Stimme kam ihm bekannt vor, doch er konnte sie im ersten Augenblick niemandem zuordnen. Regungslos harrte diese Erscheinung vor ihm. „Von ihr konnte die Stimme nicht gekommen sein“, dachte Dobermann. „Immerhin besitzt sie noch nicht mal ein Gesicht.“ Dobermann musste so denken, allein um sich selbst zu beruhigen. Das Vorhandensein eines Mundes war zwar kein Garant für Sprache oder Geräusche, doch es wäre zumindest ein Hinweis gewesen. „Aber die Stimme“, dachte Dobermann, die ihm so bekannt vorkam, er sie aber nicht zuordnen konnte, „wo kam sie her und wie kam sie bloß zustande?“
„Ich weiß nicht, welche Antwort du von mir erwartest … wie wäre es, wir beginnen bei dir und fragen, wo du eigentlich herkommst?“, sagte Dobermann mit zittriger Stimme. Woher er so schnell den Mut nahm, um diese Worte zu sprechen, konnte er sich selbst nicht erklären, zumal er völlig verängstigt auf seinem Schreibtischstuhl saß und sich kaum zu atmen traute. Bloß aufgrund der menschlichen Gestalt dieses Wesens schlich sich eine seltsame Art von Vertrautheit in die Situation. Besäße es jetzt noch ein Gesicht, wäre es Dobermann immerhin möglich gewesen, gewisse Gemütszustände wahrzunehmen. Doch so blickte er nur gegen eine stille Fassade. Nichts bewegte sich. Nur sein Herz schlug in rasender Geschwindigkeit und mit einer noch nie zuvor gespürten Deutlichkeit. Dobermann schwitzte nicht, dennoch er Angst empfand. Eigentlich war es mehr Unsicherheit und Unerfahrenheit. Er steckte in einer Zwangslage, für deren Bewältigung er kein passendes Rezept besaß. Ihm fehlte schlichtweg die Erfahrung im Umgang mit Gestalten dieser Art. Seine gesamte Beklommenheit rührte nur daher. Wie sollte er sich auf derlei Situationen vorbereiten, wie sähe ein Training dafür aus? Dobermann schossen die absonderlichsten Gedanken durch den Kopf.
Die Erscheinung gab ihm keine Antwort. Dobermann wäre es jedoch lieber gewesen, wenn sie geantwortet hätte. Auf diese Weise wäre vielleicht ein Dialog entstanden und er würde sich den Eigenarten seines Gegenübers Schritt für Schritt nähern können.
„Ich komme aus dir“, schien die Erscheinung plötzlich zu sagen, ohne auch nur den Ansatz einer Bewegung erkennen zu lassen. Und wieder kam Dobermann die Stimme bekannt vor. Er fuhr in sich zusammen. Eigentlich war er froh eine Antwort bekommen zu haben, aber er war gar nicht darauf gefasst und erschrak deshalb in einer Art, sodass er für den Bruchteil eines Augenblicks glaubte, sein Herz hätte zu schlagen aufgehört.
Dobermann benutzte diese Antwort nun als Basis für eine – seiner Ansicht nach – weitsichtig angelegten Vorgehensweise. Völlig unbegründet nahm er die Führungsposition ein, als wäre er gerade zum Vorsitzenden dieser Zweierrunde gewählt worden. Doch bisher wies nichts darauf hin, was diese Aktion gerechtfertigt hätte.
„Du kommst aus mir?“, fragte Dobermann rückversichernd. Mehr als erstaunt fuhr neugierig fort: „Und was bist du und wo warst du vorher – oder lass es mich bitte anders fragen – wieso lerne ich dich erst jetzt kennen?“, fragte er und fuhr weiter fort. „Du wirst mein Misstrauen verstehen, denn du könntest immerhin auch was-weiß-ich-wer sein und woher auch immer kommen – ich könnte es noch nicht einmal überprüfen“, setzte er noch eins drauf. Dobermann spürte keine Gefahr. Er nutzte diesen Zustand umgehend aus und platzierte seine Fragen manöverartig. Er überspielte mit seinem Redeschwall auch einen Großteil seiner Unsicherheit in der Annahme, dass es nicht aufgefallen wäre.
„Du hast mich vorher noch nie gerufen, doch ich war schon immer da. Ich bin ein unbeschreiblicher Teil von dir, warum dir auch meine Worte bekannt vorkommen. Du hörst deine eigene Stimme. Sie ist in deinem Kopf“, bekam Dobermann als Antwort. „Wenn diese Erscheinung tatsächlich ein Teil von mir wäre, bräuchte ich mich nicht davor zu fürchten, da ich es selbst bin und nicht beabsichtige, mich selbst in Gefahr zu bringen“, dachte er. Aber er war sich nicht sicher. Schließlich könnte es sich ebenso um eine perfide List in Form einer schnöden Behauptung handeln. Also musste er etwas tun, von dem nur er selbst wissen konnte. Würde das Wesen dann auch davon wissen, wäre es tatsächlich er selbst. Er durfte nichts außerhalb seines Körpers tun, was dann zwar nicht mehr änderbar wäre, doch jederzeit nachvollziehbar. Er musste etwas denken und nach diesem Gedachten fragen. Wäre die Antwort richtig, so stünde tatsächlich ein Teil seiner selbst vor ihm. Würde die Antwort jedoch fehlen, handelte es sich bei der Erscheinung nicht um einen Teil von ihm, sondern um etwas anderes.
„Sag mir bitte, an welches Wort ich gerade denke“, sagte Dobermann. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er es beim Klang einer falschen Antwort mit einem fremden, ihm völlig unbekannten Wesen zu tun haben würde. Ebenso hätte er sich die Frage stellen müssen, wieso er plötzlich eine Stimme hören könnte, die nicht seinen bewussten Gedanken entsprach. Auf einmal war sie wieder da – diese Angst. Dobermann dachte unerschütterlich an das Wort.
„Spiegel“, erklang es von irgendwoher und Dobermann nahm sich sehr zurück, sonst wäre er sich vor Freude selbst um den Hals gesprungen.
Prinzipiell war er froh, es mit sich selbst zu tun zu haben. Zu seinem Glück waren es keine Bewohner aus dem Reich der Toten oder aus einer ihm unbekannten Dimension. Ab und zu bewegten ihn allerdings jene Gedanken, die sich mit dem Reich der Toten befassten, „denn das Dasein beschränkt sich sicher nicht allein auf den Zustand, der allgemein als Leben bezeichnet wird“, dachte er. Wenn diese Erscheinung ein Geist seiner Vorfahren gewesen wäre, hätte er vielleicht um seine Nachtruhe bangen müssen, denn bei einem gesichtslosen Wesen wäre keine Gesinnung erkennbar. Außerdem wollte er nie davon ausgehen müssen, sich im Schlaf selbst umzubringen.
„Lass mich dir eine Frage stellen“, sagte Dobermann behutsam, denn er wusste immer noch nicht, wie er dem Wesen zu begegnen hatte. „Wie spricht man mit sich selbst, wenn Absender und Adressat dieselbe Person sind?“, dachte Dobermann.
„Genau das tust du im Augenblick. Du führst quasi ein Gespräch mit dir selbst. Du kannst dich selbst nicht belügen, also sprichst du immer die Wahrheit. Du kannst dir demnach vertrauen, ja, du solltest dir sogar selbst vertrauen. Also – frag mich einfach, was du mich fragen willst und vergiss nicht, du fragst dich selbst“, hörte Dobermann die Stimme.
„Warum hast du kein Gesicht?“, fragte er.
„Ich bin ein Teil von dir, nicht dein Doppelgänger. Ein zweites Gesicht wäre somit nicht erforderlich“, klang es.
„Warum höre ich von dir jedoch andere Antworten, als die, die ich erwartet hatte?“, fragte Dobermann keck. „Weil du dir oftmals selbst gegenüber nicht völlig ehrlich antwortest oder deine Ansichten bereits von einer imaginären Erwartungshaltung eingefärbt wurden“, bekam er von sich selbst zu hören. Dobermann war sich nicht mehr sicher, ober er sich die Antworten selbst gab oder ob es eine andere Person war. Aber außer ihm war niemand mehr da. Nur dieses Wesen, welches vorgab ein Teil von ihm zu sein und er selbst, teilten sich die Anwesenheit.
„Dann gebe ich mir auf meine Fragen die Antworten selbst?“, fragte er sich leise. Eine Spur von Ernüchterung schlich sich in Dobermanns Stimmung.
„Genauso ist es“, hörte er die Stimme sagen. Nun schaute er gar nicht mehr fragend umher, um herausfinden zu wollen, woher sie gekommen sein konnte. Es war seine Stimme und sie existierte offenbar schon immer in seinem Kopf. Er redete sozusagen mit sich selbst, aber ein Teil von ihm stand zum Greifen nah vor ihm und bewegte sich nicht.

„Du wirst meine Neugierde verstehen“, begann Dobermann zaghaft mit sich selbst zu sprechen, ohne dabei den Mund aufmachen zu müssen. Alles passierte in seinem Kopf. Aber wann erhält man schon die Gelegenheit mit sich selbst zu sprechen, wenn man sich tief im Inneren sogar selbst antworten hört. „Kommst du aus der Zukunft oder bist du ein Teil meiner Gegenwart?“, überlegte er.
„Die Gegenwart existiert lediglich als Empfindung. Sie tritt ebenso wenig in das Bewusstsein, wie das Bewusstsein selbst. Es ist, als liefe eine gigantische Blase durch die vom Menschen geschaffene Zeit und beherbergte darin eine Kreatur, welche unaufhörlich von der Vergangenheit in Richtung Zukunft überwechselt und die Gegenwart lediglich als imaginären Moment passiert“, hörte Dobermann. Die Stimme klang klar und artikuliert. Es war für ihn schwer zu begreifen, dass er es selbst war, den er da hörte. Auch bewies er sich soeben selbst, dass er sich noch nicht einmal um einen einzigen Gedanken selbst betrügen konnte. Ständig hörte er sich selbst zu und gab sich selbst Antwort. „Demnach verfügt jeder Mensch über dieses Wissen?“, fragte er sich selbst und hörte sich dann wieder selbst zu.
„Der Verstand wird durch die Emotionalität oftmals auf den Folgeplatz verwiesen. Der entscheidende Gedanke wägt seinen Entschluss angesichts einer hinterlegten Schablone ab, die aus der Erfahrung gewonnen und somit selbst gefertigt wurde. Gleichsam wähnt er die zu erwartenden Risiken einer stattfindenden Zukunft ab. Es ist das Erreichen des nächsten Augenblicks. Es findet ein permanentes Vor und Zurück statt, ohne dass es die entsprechende Person realisiert“, sagte er sich selbst und war irritiert. Wenn er das eben Gehörte zu sich selbst sprach und diese Antworten schon immer mit sich trug, musste er sie bereits zuvor parat gehabt haben. Somit wäre sein Unterbewusstsein jener Gebieter, der seine Person tatsächlich regiert und den Verstand zur Seite zu drängen vermochte. Demzufolge wäre zwar die Vernunft das Bewusstsein des Unterbewusstseins, jedoch nur der Knecht der Emotionen? Der Verstand befände sich demnach in permanenter Konkurrenz mit der Vernunft? Dobermann war erschöpft. Selbst ein ergiebiger Waldlauf würde ihm keine derartige Ermattung bescheren. Er stand auf, machte kurze Schritte schräg nach vorne und stand vor seiner Küchenzeile. Tagsüber zog er gerne die abdeckende Schiebewand zu, aber er dachte meistens nicht daran oder war einfach zu bequem dazu. Auf diese Weise war die Küche stets präsent. Er war sehr durstig und trank einen großen Schluck seines präparierten Tees, der sich dort verlockend anbot.
„Es ist die Anteilnahme, die bis hin zum tatsächlichen Spüren der Empfindungen einer anderen Person führt“, hörte er sich weiter zu. „Das ungewollte Übertragen einer Regung, die das Mitgefühl des anderen provoziert und je enger die emotionale Verbundenheit empfunden wird, desto stärker ergeben sich die Reflexionen. Das Lachen und das Weinen, das Glück und die Trauer, die Freude und der Schmerz“, hörte er sich selbst.
„Und der Tod, die Geburt, die Hoffnung und die Angst?“, rief er in sich hinein.
„Was willst du hören? Das Leben hat dich reichlich beschenkt. Du bist immerhin geboren worden. Du erlebst all diese Dinge, die nur einem Lebenden zuteilwerden können. Das Leben ist das Licht und die Dunkelheit, die Rettung und die Erbarmungslosigkeit, die Hoffnung und das Versagen, die Angst und die Wehr, aber auch die Erkenntnis und die Flucht. Vor der Geburt lebst du nicht in einem Körper und nach dem Leben, wenn dein Körper zerschunden ist … die Antwort gibst du dir besser selbst, solange du noch lebst“, gab sich Dobermann selbst zu bedenken.

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