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Gruseln will gelernt seinSich einfach zu gruseln ist nicht mehr gefragt: Jetzt kommt das professionell ambitionierte Gruseln im Geschenkkarton mit den zubuchbaren Modulen, Folter, Ekel und Schock daher. Die Geisterbahn im eigenen Kopf, das Gruselkabinett fürs kleine Geld, die Notaufnahme für schwache Nerven. Wenn hinter jeder Türe der Herzstillstand lauert und die ratternde Kettensäge zum ständigen Begleiter geworden ist, wenn das Grusel-Diplom an der Wohnzimmerwand zeigt, dass dort ein Spezialist wohnt, dann erst hat man es geschafft.

Der leicht gebeugte Gang mit dem schlurfenden Bein und der willenlos hochgezogenen Schulter sind nur die eigenen Äußerlichkeiten, die jedoch noch durch ein beherzt irres Kichern unterstützt werden können. Sich jetzt selbst im Spiegel zu betrachten wäre fatal, ist man stolzer Besitzer eines schwachen Nervenkostüms. Trefflicher gestaltet es sich, wenn man eine Geisterbahn im Keller seines Hauses betreibt, deren Eintrittsgelder zur Ausbesserung marode gewordener Fundamente dienen, und man die Wirkung seiner Kluft an den ahnungslosen Besuchern testet.

So nimmt der sich zu Mehr berufene Kandidat Anlauf.

Gruseln will gelernt seinGanzjähriges Halloween mutiert zur Unerträglichkeit, verliert an Kraft und Spannung, und an Überzeugung in der Darstellungskunst. Quietschbunte Perücken erinnern mehr an ein Unterhaltungsseminar für Clowns – mit Gruseln hat das nichts zu tun. Zufriedenheit kann erst eingetreten sein, wenn der Gruselerzeuger dem Gruselnehmer den Zustand entlockte, „fast“ beziehungsweise „um ein Haar“ gestorben oder „drauf ’reingefallen“ zu sein. Auch die Umschreibung „um ein Haar hätte ich mir ins Hemd gemacht“ ist nicht zu verachten. Regional unterschiedlich trifft der Gruselgeber auch die Formulierung „um ein Haar hätte ich mir in die Hose gemacht“ an.

Fehlende Zähne, stechende Blicke aus grün funkelnden Augen und schlecht verheilte Narben sind kein Grund zur Furcht, und dienen keinesfalls der professionellen Gruselei. Hier werden lediglich Sport- oder Kriegsverletzungen demonstriert oder schlecht geschminkt, die ohnehin irgendwann verheilen. Gruseln ist kein Freizeitsport, Gruseln ist eine Aufgabe, und die will gemeistert werden. Niemand setzt sich zwei Stunden lang in einen Kinosessel, ohne ihn triefend nass zu verlassen, weil sich weder Schweißdrüsen, noch die Blase disziplinieren ließen. Gottlob sind solche Sitze abwaschbar…

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