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Viel hat der Bauer auf dem Wagen!Es liegt schon einige Jahre zurück, als man mich mit diesen Worten erstmals konfrontierte, und offengestanden begriff ich den Sinn seinerzeit überhaupt nicht. Dass Quantität sich von Qualität zu unterscheiden hat, transportierten die Lehrer früherer Zeiten so. Bauer und Wagen spielen also nur eine untergeordnete Rolle, die den Spruch allerdings zu einem Sinnbild geraten lassen. Vorrangig handelt es sich allerdings um eine Menge und deren Beschaffenheit.

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendjemand die große Menge seines Tuns präsentiert. Besonders ist dies bei der schreibenden Zunft der Fall. Tausend Seiten und mehr sollen es werden, und erst dann ist das Buch fertig. Dann hat der Leser was zu tun, dann hat er was in der Hand und dann erst stellt sich Zufriedenheit ein. Auch ist immer wieder zu erfahren, dass ein Buch erst ab einer Mindestzahl von soundso vielen Seiten den Namen “Roman“ verdient.

Kladde gegen Schwarte.

In der Haar- und der Textilmode ändert sich in kurzer Zeit sehr viel. In der Literatur überdauern einige Begriffe und Sachverhalte offenbar ganze Epochen. Ein Charles Dickens schrieb seine Werke noch unter völlig anderen Bedingungen. Die Begriffe “Self Publishing“ existierten zu seiner Zeit noch nicht. Computer und Software waren ebenso unbekannt. Schrifttypen, Schriftgrößen und Zeilenabstände kennt vielleicht der Autor heutiger Tage, doch zu Lebzeiten eines Alexandre Dumas waren es für die Autoren Fremdworte.

Es existieren keine Normgrößen für Bücher. Ein Buch kann in unendlich unterschiedlichen Formaten erscheinen. Der tatsächliche Inhalt wird jedoch heute noch in Normseiten gemessen. Erscheinen dann jedoch Druckwerke auf dem Markt, lassen sich gewisse Mogeleien, die die Seitenzahl künstlich erhöhen, entdecken.

Der unkritische Leser wird absichtlich falsch informiert.

Mal wird der Zeilenabstand drastisch erhöht, mal die Schriftgröße. Mal wird ein extrem gewöhnungsbedürftiges Seitenlayout gewählt, mal ein seltsam erscheinender Seiteninhalt.

Jetzt plötzlich hat der Bauer wieder viel auf dem Wagen.

Viel hat der Bauer auf dem Wagen!Unentwegt überkommt den Betrachter das Gefühl, dass Autoren ausschließlich an einer möglichst voluminösen Erscheinung ihrer Werke interessiert sind. Der Inhalt ist jedoch relevant. Bücher wie Der alte Mann und das Meer überzeugen durch Spannung, Dramatik und Wortgewalt. Keineswegs jedoch durch Masse, oder eine unnatürlich aufgeblähte Erscheinung. Das Werk und der Autor wurden aufgrund der inhaltlichen Schilderung geehrt. Ständig erobern Bücher im eher schlanken Format die Bestsellerlisten.

Ändern sich die Zeiten doch? Neigt der Leser dieser Tage tatsächlich zu weniger umfangreichen Geschichten? Nein! Eine gute Geschichte kann gerne Tausend Buchseiten beanspruchen, wenn es erforderlich ist, und ebenso darf ein Roman auch mit einem Viertel dessen auskommen.

Werden die Schriftgröße, der Zeilenabstand und das Seitenlayout entsprechend geändert, entstehen aus ursprünglichen 300 Seiten im Handumdrehen das Dreifache an Seiten im Druckwerk.

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