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Ein bedauernswerter KerlDas Live-Konzert einer Band unterliegt ständig anderen Vorstellungen. Das durfte ich erst vor einiger Zeit kennenlernen, als die Gesprächsrunde auf dieses Thema stieß. Etwas zum Besten gegeben hatte jeder. Der eine war dort und ein anderer war woanders anwesend. Und dann kam ich dran. Es kam einem Outing sehr nahe, denn ich wusste im Vorfeld, dass ich nicht den Joker auf der Hand hielt. Ein Live-Konzert bei den Lords produzierte mehr Frage- als Ausrufezeichen in den Gesichtern aller anderen am Tisch.

Wer waren die Lords? Klingt irgendwie weit weg vom Gewohnten! Kinks, Queen, Marquise of Kensington und wie war nochmal der Name? Lords? Was haben die denn gespielt, was war denn deren Nummer-1-Hit? Was? Poor Boy? Nie gehört! Und wann warst du da auf’m Konzert? Was? 1968? Das war vor meiner Zeit. Und wo soll das gewesen sein? Was? Koblenz, Rhein-Mosel-Halle? Wie kommt man denn da hin? Du hast da gewohnt?

Ja, irgendwie ist es nach all den Jahren nicht mehr so ganz zeitgemäß. Die Blicke der Anwesenden trafen mich, als hätte ich eine ansteckende Krankheit und man müsste von mir Abstand halten, doch ich verteidigte meinen Standpunkt. Die Lords waren seinerzeit so etwas wie die deutsche Antwort auf die Jungs aus Liverpool: The Bealtes. Der Haarschnitt der Lords und diese Mitsingsongs waren vom gleichen Strickmuster; exklusiv für den hierzulande existierenden Markt.

Konzerte gestalten sich heutzutage anders. Allein die Art und Weise ist wahrscheinlich befremdend. Man nahm damals Platz wie im Kino. Ja, man setzte sich hin und wippte mit der Musik mit. Jedenfalls wahlweise. Ebensogut hätte man sich auch vorne an der Bühne zerquetschen lassen können. Das ist Extase pur, wenn die Frisur dahin geht und die Föhnwelle an Halt verliert. Spätesten jetzt ist man froh nicht wadenhoch im Schlamm zu versinken. So eine überdachte Halle besitzt ungeahnte Vorteile.

Und dann betraten die Lords die Bühne und wie geübt wurde das zuvor noch geschwätzige Publikum ruhiger und ruhiger. Die Halle war zwar nicht brechend voll, aber voll. Natürlich war ich nervös und wahrscheinlich war ich der Erste vor Ort, als ob es ein neues Mobile-Phone gegeben hätte. Nein – ich war Ein bedauernswerter Kerlnicht der größte Fan der Lords, das muss ich zugeben. Aber die Gelegenheit ergab sich und die wurde genutzt. Allein des Gefühls wegen. Immerhin war es das erste Konzert für mich und gleichsam das erste Mal, dass ich allein irgendwo hin durfte.

Es war wichtig auf einem Live-Konzert gewesen zu sein. Für jeden aus unserer Klasse. Irgendwie stieg der soziale Rang. Mit Live-Konzert-Erfahrung war man wer. Das ist so wie mit einem Führerschein. Ab eines gewissen Alters sind bestimmte Dinge Pflicht. Das Bewusstsein dazu stempelt dem Individuum die Umwelt auf und man handelt entsprechend. Es ist eigentlich mit allen Umständen so. Ab eines bestimmten Alters erfährt man einen schicksalartigen Schupps und funktioniert danach so, wie es das Umfeld erwartet.

Mit sechs Jahren wird man eingeschult und mit 18 Jahren macht man den Führerschein. Dazwischen lernt man viel Nutzvolles, wie auch Unnützes, wobei dem Unnützen erheblich mehr Vorfahrt gewährt wird. Und irgendwann sitzt man im Konzert bei den Lords unter dem immer aktuellen Motto: Dabeisein ist alles! Ein bedauernswerter KerlWas die Alternative gewesen wäre? 1968? Astronaut! Nur der Helm würde Probleme bereiten – angesichts der seinerzeitigen Frisuren jedenfalls.

Und mein zweites Live-Konzert war das der holländisch Band EKSEPTION im Blauen Saal in Kassel. Und als Rick van der Linden „Rondo alla Turca“ intonierte, war es still im Gebälk. Klein und hässlich kam ich mir vor. Meine Zeit im Klavierunterricht schien plötzlich vertan, angesichts dieser Virtuosität, die mir sonst nur von UFO, Eloy, Jethro Tull oder Emerson, Lake & Palmer bekannt war.

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