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ADS gibt es nicht

ADS gibt es nichtBestimmt hat jeder schon einmal an einer Gesprächsrunde teilgenommen, in der sich eine Person selbst zum Wortführer ernannte und kaum Bereitschaft zeigte, das Wort wieder abzugeben. Ein Trainer am Rande eines Fußballfelds würde „Gib endlich ab!“ rufen. Es sind Solisten oder Einzelkämpfer. Sie reden viel, sagen jedoch kaum etwas. Nichts von Belang jedenfalls, wenn man sich umhört. Und gäbe es während mancher politischen Debatten ein Tässchen Kaffee, würden viele Leute gleich sympathischer, denn ADS gibt es doch gar nicht.

“Und? Wie war Weihnachten bei euch so?”

“Wie jedes Jahr eigentlich. Obwohl wir 1984, oder war es ’95 – is’ ja auch egal, also da hatten wir ja seinerzeit den Umbau, wegen des Anbaus. Und damals konnten wir gar nicht richtig feiern, weil überall der Dreck rum lag. Das war nicht schön.

In dem Jahr ist auch Tante Else gestorben. War schwer krank die Ärmste. Die Ärzte wussten überhaupt nicht so richtig, was sie wirklich hatte. Ich sag’s ja – Ärzte. Und der Clemens, also ihr Schwager, genau dasselbe. Der war 28 Jahre lang bei der Stadt. Busfahrer. Ein richtig toller Mann eigentlich. Aber seine Frau, na ich weiß nicht. Die war immer so komisch. Und die Frisur von der, unmöglich. Wie es der Clemens so lange mit ihr aushalten konnte. Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Das ist mein Motto. Damit fahr ich gut. Man will sich ja nicht in die Angelegenheiten anderer einmischen. Das gehört sich nicht. Man hat mit sich selbst und den Kindern genug am Hals. Apropos Kinder. Kam doch letztens die Bärbel heim und fragte mich, ob sie sich so’n Stecker in die Nase machen lassen kann und einen Ring durch den Bauchnabel. Ei – ich wär’ ja fast in Ohnmacht gefallen. Ja wo sind wir denn? Wir sind doch nicht bei den Hottentotten.

Ring im Bauchnabel, so weit kommt’s noch, da hört der Spaß aber auf, nicht so lange ich lebe. Nicht so lange wie das Kind seine Füße unter meinen Tisch stellt. Na die wird jetzt im Frühjahr erst 15. Heutzutage fängt ja bei den Kindern alles ein wenig heute früher an. Ich darf gar nicht dran denken, wenn ich damals zu meiner Mutter…

Die hätte mich auf der Stelle erschlagen. Mausetot wär’ ich gewesen – mausetot. Erschlagen hätte die mich, ich sags euch. Kaputtgeschlagen hätte die mich. Mit ‘nem Kleiderbügel, oder was sie sonst in die Finger gekriegt hätte. Windelweich hätte die mich geprügelt, ich wär’ mausetot gewesen. Ein Ring im Bauchnabel, ja wo kommen wir denn da hin, wenn wir alle so rumlaufen müssten. Und wer soll das alles wieder mal bezahlen? Ich.

Von meinem bisschen Haushaltsgeld auch noch den Ring im Bauchnabel meiner Tochter bezahlen. Im Leben nicht. Das habe ich ihr auch ganz deutlich gesagt. So lange sie beide Füße unter meinen Tisch stellt, kann sie diese Aktion vergessen.

Das waren meine Worte. Das habe ich ihr mitten ins Gesicht gesagt. Da hättest du aber mal ihr Gesicht sehen müssen. Heulen wollte sie, heulen. Alle in ihrer Klasse hätten so was. Was gehen mich die anderen Kinder an. Sollen die doch tun und lassen, was sie wollen, habe ich zu ihr gesagt. Genau das waren meine Worte. Man kann den Kindern nicht alles verbieten, das stimmt schon, aber ein Ring im Bauchnabel, die wird im Frühjahr erst 15. Drei Tage vor Ostern wird die erst 15.

ADS gibt es nichtUnd wenn sie mal selbst Mutter ist, wird sie mich auch besser verstehen können. Das weiß ich jetzt schon. Dazu muss man kein Hellseher sein. Kam ja auch neulich erst im Fernsehen. Da hat ein Professor soundso klipp und klar gesagt, dass man davon böse Entzündungen kriegen kann. Und – habe ich zu ihr gesagt? Willst du krank werden? Na bitte! Das fehlte mir noch, wenn die Bärbel ins Krankenhaus müsste, wo sie sowieso schon in der Schule nachhängt.

Die einfachsten Aufgaben kriegt’se nicht auf die Reihe. Mit ihrem Handy kann das Frollein umgehen, aber die Hauptstadt von Frankreich kennt sie nicht. Wir waren ja schon mal in Paris, der Karl-Heinz und ich. Übers Wochenende mit dem Bus. Aber schön wars trotzdem. Damals waren wir noch frisch verliebt, wie man so sagt. Da war die Bärbel noch gar nicht auf der Welt. Die kam erst später. Und dann kam die Claudia. Und später dann der Peter. In Paris waren wir seit dem nicht mehr. Wie’s da jetzt wohl aussieht? Huch, man kommt ja direkt in Urlaubsstimmung.

Aber dies’ Jahr wollen wir nach Tunesien. Mal was anderes sehen. Der Karl-Heinz will da nicht hin, wegen Essen und so, der ist überhaupt nicht flexibel. Man muss sich doch auch mal mit den Kulturen anderer Völker befassen. Was die so essen und wie die sich anziehen und so. Ich habe ja gehört, dass die Frauen in Tunesien Ringe im Bauchnabel tragen. Sieht vielleicht ganz neckisch aus. Vielleicht lass ich mir auch mal so was machen. Da wird der Karl-Heinz aber staunen. Und WeihnachtenWeihnachten war wieder schön.”

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