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Ein Himmel ohne GeigenTaschentücher sollte man als Zuschauer griffbereiter haben, als jene Nüsschen und Salzstangen, die ansonsten den Wohnzimmertisch zieren. Schwülstige Klänge erreichen das Gemüt und werden durch zwei, in Zeitlupe schwebende Personen, welche sich wahrscheinlich hoffnungslos lieben, komplettiert. Und dann prallen sie aufeinander, herzen und umarmen sich, schauen sich tief in die Augen und werden dann vom guten Willen befreit, diese Zirkusnummer zu vollführen.

Während des Drehs entsteht nicht annähernd diese weinerliche Stimmung, wie sie an den heimischen Bildschirmen stattfindet. Der Regisseur und sein schwungvolles Team drehen die Szene nackt. Nein, nicht textilfrei, sondern ohne alles später noch Dazukommende. Das eben, was den Zuschauer aus der Couch katapultieren soll; der Mitleide- und Mitfühleffekt. Das Schmalz und der Süchtigkeitsmacher, um wieder einzuschalten.

Nicht nur Dealer züchten Umsatzgaranten – TV-Sender nicht minder. Ließe man nun die besagten zwei Personen in normaler Geschwindigkeit und ohne zum Schluchzen verführende Musik über die häusliche Mattscheibe flimmern, gäbe es nie ein „Best of…“ oder eine zweite Staffel. Es muss demnach noch eine ganze Tüte Zauberpulver über das Rohmaterial gestreut werden. Das ist wie Tante Hildes „geheime Zutat“ im ungarischen Goulasch.

Ein Himmel ohne GeigenDas Knistern des Lagerfeuers. Zwei Blicke treffen sich, verknoten sich, lassen nicht mehr voneinander. Die Gesichter strahlen im Schein der Flammen, die Augen leuchten dem puren Glück den rechten Weg zum Herzen. Die Münder kommen sich näher und näher und wie gerne würde der Zuschauer jetzt mit einer der beiden Personen tauschen, allein um die Verkrampfung in den Händen zu lösen, die das Einwegtaschentuch kneten, als sei es das Knie des Angebetenen.

Die Musik erreicht ihren Höhepunkt und wie ein Orchestertusch berühren sich die Lippen und aus zwei sich kaum kennenden Personen wird ein Paar. Oswald Kolle hätte dazu noch ein paar Tipps, aber Dr. Sommer von der BRAVO auch: Lasst die Szene (und alle anderen auch) einmal ohne Ton und in normaler Geschwindigkeit abfahren, so wie es das Leben liefert.

Wer will das wahre Leben, wenn es doch das Fernsehen gibt. Freistoß für den Zuschauer. Er zahlt die Gebühren und ist somit der Programmdirektor, der allerdings nichts zu sagen hat. Das stört ihn nicht, das ist so gewollt, der Zuschauer wird unterhalten und man erfüllt ihm seine Wünsche. Speziell die Gruppe der glotzefrönenden Gemeinde, welche just selbst eine gescheiterte Beziehung hinter sich brachten und eine attraktive oder stabile Schulter gut gebrauchen könnten, sind diese Sendungen gewidmet.

Ein Himmel ohne GeigenDas ist der Alleskleber der zu zerbrechen drohenden Einschaltquote mit Herz und Rotz, Zellstofftaschentuch und tränengeschwängerter Linse. Die Solidarität und das uneingeschränkte Verständnis für den mehr als deutlich sichtbaren Ballast der Bildschirmpartnerin, an der sich jeder Fitnesstrainer eine Eigentumswohnung verdienen könnte.

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